Jacqueline Tabor pendelt täglich von Hückelhoven nach Stolberg

Berufspendler in Stolberg: „Man muss sich sehr gut organisieren“

Für viele Pendler kommt der tägliche Arbeitsweg einer Odyssee gleich. Immer wieder stehen sie im Stau, müssen sich bei jedem Wetter mit den Schlangen von Autos oder der Unpünktlichkeit der Bahn herumschlagen. Eine Frau, die diese Situationen nur allzu gut kennt, ist Jacqueline Tabor. Sie arbeitet in der Verwaltung des Bethlehem-Gesundheitszentrums, lebt aber im Hückelhovener Stadtteil Ratheim.

Ihr Tag beginnt um 5.30 Uhr. Um diese Uhrzeit steht sie auf, um sich und ihre dreijährige Tochter fertig zu machen. Um 7 Uhr führt sie ihr Weg dann erst zum Kindergarten und anschließend zu ihrem Arbeitsplatz an der Steinfeldstraße in Stolberg. Im Bethlehem ist sie seit 2006 in der stationären Abrechnung angestellt. Zu Beginn hat sie noch in Baesweiler gewohnt, 2012 ist sie dann nach Ratheim gezogen. Gependelt ist Tabor also schon immer. „Der Weg nach Stolberg ist immer von Stau geprägt“, klagt die 35-Jährige. Besonders schlimm sei es meist in Aldenhoven und Alsdorf.

Keine Autobahnanbindung

Von Ratheim aus fährt sie pro Strecke rund 45 Kilometer, „aber ich muss eine Stunde früher losfahren, damit ich pünktlich bin“, berichtet sie. Das größte Problem: Von Heinsberg aus bringt sie keine Autobahn nach Stolberg. „Deshalb muss ich über die Dörfer fahren, oder aber einen riesigen Umweg an Kilometern auf mich nehmen“, sagt sie. Tabor arbeitet in Teilzeit, sie hat eine 75-Prozent-Stelle. Normalerweise hat sie um 14.30 Uhr Feierabend, dann geht der Rückweg meist schnell. Mittwochs allerdings arbeitet sie immer bis 16 Uhr. „Da komme ich dann in den Berufsverkehr, das ist Wahnsinn und manchmal sehr abenteuerlich“, erzählt sie.Den Weg mit dem Zug zurückzulegen, kommt für die junge Mutter nicht infrage. „Das wäre für mich noch umständlicher und ich wäre nicht flexibel, wenn zum Beispiel etwas im Kindergarten passiert.“ 

Foto: Grafik/ZVA

Jacqueline Tabor arbeitet gerne im Bethlehem, sie mag ihren Job und ihre Kollegen. Trotzdem muss sie zugeben, dass das Leben als Pendlerin nicht immer einfach ist: „Ich sehe es schon als Belastung und würde mir wünschen, dass der Arbeitsweg kürzer ist.“ Gerade mit Kind und Familie ist es oft eine zusätzliche Erschwernis im Alltag. „Man muss sich sehr gut organisieren und abwiegen, was wichtiger ist“, erklärt Tabor. Da müsse der Haushalt unter der Woche auch schon mal zurückstecken und bis zum Wochenende warten. Und: „Der Mann muss auch mit ran, sonst funktioniert es nicht“, sagt Tabor lachend.

In der Schwangerschaft ist das Pendeln im Übrigen noch anstrengender. Sitzen sei nicht so bequem und auch die lange Zeit im Auto sei schwieriger. Außerdem sind die Parkplätze sehr eng, „da ist es mit dem Bauch manchmal schwierig auszusteigen“, gibt Tabor zu. Die 35-Jährige erwartet im August ihr zweites Kind, diese Strapazen kommen also bald wieder auf sie zu.

Jacqueline Tabor arbeitet im Bethlehem-Gesundheitszentrum und pendelt täglich aus Hückelhoven nach Stolberg. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Doch all das nimmt sie gern in Kauf, um an ihrem Arbeitsplatz im Bethlehem zu bleiben. Sie habe sich zwar auch schon mal nach anderen Stellen umgesehen, „aber hier bin ich einfach zu Hause, die Kollegen sind alle sehr verständnisvoll“. Das sei es ihr wert und dafür nehme sie die Fahrt auch in Kauf. „Nach Stolberg zu ziehen, war wegen meiner Familie keine Option für mich“, sagt sie. Deshalb bleibe wohl alles so wie es ist.

Das Pendeln hat aber nicht nur Nachteile, wie Tabor erzählt: „Man kann die Zeit auch sinnvoll nutzen und nach Feierabend runterkommen, dadurch schließt man den Arbeitstag richtig ab.“ Es sei einfach ein wenig Zeit für sich.

Die Erinnerung als Pendlerin, die Tabor am meisten in Erinnerung geblieben ist, liegt schon ein paar Jahre zurück. In einem Winter habe besonders viel Schnee gelegen und in Eschweiler standen Lastwagen quer. „Da habe ich dreimal über vier Stunden nach Hause gebraucht, obwohl ich damals noch in Baesweiler gewohnt habe“, blickt sie zurück, „das war furchtbar!“ Abgesehen vom Wetter haben noch andere Faktoren Einfluss auf die Fahrt. „Wenn die Züge streiken, merkt man das auf der Straße sofort“, berichtet sie. Was Tabor hingegen super findet, sind die Ferien: „Die liebe ich, da ist kaum etwas los!“

Stolberg über dem Durchschnitt

Wie Jacqueline Tabor geht es immer mehr Menschen in Stolberg und der Region. Der Trend der letzten Jahre geht hin zu getrennten Wohn- und Arbeitsorten. Im Jahr 2017 sind 17.201 Menschen aus Stolberg in eine andere Kommune gependelt, das entspricht einer Quote von 62,1 Prozent (siehe Grafik). Etwas mehr als die Hälfte pendeln wie Tabor von einer anderen Stadt nach Stolberg (9928).

In Nordrhein-Westfalen pendeln im Schnitt 52 Prozent der Erwerbstätigen in eine andere Gemeinde, damit liegt die Kupferstadt über dem Durchschnitt. Die größten Pendlerströme verbindet Stolberg mit Aachen, Eschweiler und Würselen. Sowohl bei den Einpendlern als auch Auspendlern liegen diese drei Kommunen vorn. Nach Aachen fahren täglich 9334 Menschen, nach Eschweiler 2014 und nach Würselen 800. Aus der Kaiserstadt kommen immerhin 2833 Menschen nach Stolberg. Eschweiler (1878) und Würselen (493) liegen auch hier auf den folgenden Plätzen.

Im Gegensatz zu den Vorjahren hat sich die Zahl der Ein- und Auspendler gesteigert. 2016 waren es 16.738 Menschen, die von Stolberg in eine andere Kommune gefahren sind, 2015 noch 15.929. Für Jacqueline Tabor dürften all diese Zahlen unerheblich sein, sie wird auch unabhängig davon morgen wieder in ihr Auto steigen und ihre persönliche Odyssee auf sich nehmen.

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