Stolberg: Interview: „Stolberg bietet Fundgrube für Historiker“

Stolberg: Interview: „Stolberg bietet Fundgrube für Historiker“

Wie wird ein Maschinenbautechniker zum Hobbyhistoriker? „Zufall“, sagt Helmut Schreiber, der eigentlich ganz andere Interessen hatte, bevor er 1993 seinen ersten Beitrag zur Stolberger Stadtgeschichte veröffentlichte. Dabei blieb es nicht.

Helmut Schreiber tauschte die Stolberger Burg gegen sein großes Hobby, das Bergsteigen. 18 Bücher haben seine Frau Katharina und er seitdem über Stolbergs Geschichte veröffentlicht. Über das aktuelle Buch der Schreibers, ihren Antrieb, zukünftige Projekte und Nachwuchssorgen hat sich der Vorsitzende des Stolberger Geschichts- und Heimatvereins mit unserer Redaktion unterhalten.

„Geschichte ist der Dialog der Gegenwart mit der Vergangenheit über die Zukunft“: Unterschreiben Sie diese Definition?

Schreiber: Dem würde ich so zustimmen. Warum Stolberg so ist, wie es ist, kann man doch am besten aus der Geschichte heraus verstehen. Erst über die Auseinandersetzung mit ihr kommen Zusammenhänge ans Licht. Gerade Stolberg und die Region sind eine wahre Fundgrube von Geschichtsthemen.

Und was können Sie nach ihren bisherigen Veröffentlichungen über die Zukunft der Stadt Stolberg sagen?

Schreiber: Wer sich mit Stolbergs Geschichte auseinandersetzt, erkennt den ständigen Strukturwandel, in dem sich die Stadt schon immer befunden hat. Der Wandel vom Handwerk hin zu einer technisierten Industrie ist da nur ein Beispiel. Nach der Industriellen Revolution ist nun die nächste Revolution im Gange, nämlich eine digitale. Dem technischen Fortschritt muss einfach Rechnung getragen werden. Und dem wird man am ehesten gerecht, indem man die historischen Entwicklungen nachzuvollziehen versucht und die Entwicklungen für die Nachwelt festhält. Dieser Aufgabe haben wir uns als Stolberger Heimat- und Geschichtsverein verschrieben.

Die große Weltgeschichte hat Sie dagegen nie interessiert?

Schreiber: Lokale Themen setzen die große Geschichte doch erst zusammen. Meine Frau und ich interessieren uns aber nicht nur für die Stolberger Geschichte. Unsere Interessensgebiete gehen über den eigenen Kirchturm hinaus. Eigentlich beschäftigen wir uns mit der gesamten Rhein-Maas-Region. Unter anderem gingen die Exkursionen unseres Vereins nach Leuven, Mons oder ins belgische Lüttich. Wir Stolberger sind eigentlich mehr Rhein-Maas-Menschen als Rheinländer.

Sie erwähnten ihre Frau. Welche Rolle spielt sie bei der Entstehung der Bücher?

Schreiber: Bei uns ist alles Teamwork. Meine Frau sammelt seit 20 Jahren Zeitungen und wertet sie aus. Meine Aufgabe ist die Archivarbeit. Ich besuche das Stadt- und Kreisarchiv. Auch im Düsseldorfer Landesarchiv bin ich schon oft gewesen. Wer die Interviews mit Zeitzeugen führt, hängt von den Themen ab. Meine Frau ist im Steinweg, also im Schatten der Burg, aufgewachsen und hat hier viele Kontakte. Als früherer Mitarbeiter bei Prym und Dalli kenne ich mich dagegen bestens in der Stolberger Industrie aus.

Ihre aktuelle Buchreihe trägt den Titel „Werden und Wachsen, Handel und Wandel in Stolbergs Mitte“. Nun ist der zweite Teil der Reihe erschienen. Was erfahren die Leser auf den über 300 Seiten?

Schreiber: Im ersten Band haben wir uns mit Burg und Altstadt auseinandergesetzt. Band 2 beschäftigt sich mit dem Werden und Wachsen, Handel und Wandel der Stolberger Industrie. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Entwicklung der Infrastruktur und der Geschichte der Zweifaller Straße und dem ehemaligen Stadtteil Hammer. Insgesamt wird es vier Bände in dieser Reihe geben. Die letzten beiden sind auch schon in Arbeit.

Wovon handeln die folgenden Bände?

Schreiber: Im dritten Band beschäftigen wir uns mit dem Handel in Stolberg und dem, was davon heute noch übrig geblieben ist. Einige Interviews, die meine Frau geführt hat, liegen schon zehn Jahre zurück. Nicht wenige Menschen, mit denen sie gesprochen hat, leben heute nicht mehr. Der Schwerpunkt wird auf dem Willy-Brand-Platz und dem Steinweg liegen. Im vierten und letzten Band thematisieren wir die Entstehung der Rathausstraße bis Rosenthal.

Neben Ihrem Stolberger Heimat- und Geschichtsverein gibt es weitere Gruppen und Personen, die sich mit der Heimatgeschichte auseinandersetzen. Empfinden Sie diese als Konkurrenz oder Bereicherung?

Schreiber: Wer Geschichtsforschung betreibt, sollte Wert auf Qualität und Wissenschaftlichkeit legen. Es geht also weniger um die Frage „Konkurrenz oder Bereicherung?“, sondern um einen gewissen Anspruch. Nicht jeder der Stolberger Geschichts- und Heimatforscher wird diesem Anspruch meiner Meinung nach gerecht. Es ist nicht förderlich, Dinge in den Raum zu stellen, die leicht zu widerlegen sind, weil man sich nur oberflächlich mit ihnen auseinandergesetzt hat.

Ihre Frau und Sie sind aber auch keine studierten Historiker.

Schreiber: Trotzdem ist unsere Arbeitsweise eine wissenschaftliche. In unserem neuen Band gibt es 20 Seiten nur mit Literatur- und Quellennachweisen. Wir gehen so vor, als würden wir eine Diplomarbeit verfassen. Sonst könnten unsere Bücher schließlich von studierten Historikern schnell zerrissen werden.

Zählt die Wissenschaft denn überhaupt zu Ihrer Zielgruppe?

Schreiber: Die Wissenschaft gibt sich mit uns Hobbyhistorikern eigentlich gar nicht ab. Das ist nicht ihr Forum. In erster Linie wollen wir die Stolberger Bevölkerung ansprechen, die sich mit der Stadt identifiziert und Menschen, die bestimmte Entwicklungen noch selber miterlebt haben. Darüber hinaus tauschen wir unsere Veröffentlichungen mit anderen Geschichtsvereinen in der Nachbarschaft und pflegen die Kontakte zu ihnen.

Welche Ihrer Veröffentlichung zählt zu Ihren „Bestsellern“?

Schreiber: „Vom Kupferhof zum Kinderheim und Kulturzentrum“, ein Buch meiner Frau, erschien 2004 und war 2006 schon ausverkauft. Es fühlten sich wesentlich mehr Bürger davon angesprochen, als wir zuvor gedacht hatten. Deswegen war die Auflage relativ klein. Normalerweise bewegen wir uns zwischen 1000 und 1500 Exemplaren.

Viele junge Leute wollen raus in die weite Welt, zumindest in eine größere Stadt. Müssen Sie sich vor diesem Hintergrund keine Sorgen um den Nachwuchs machen?

Schreiber: Ja, wie jeder Verein sind wir von dieser Entwicklung betroffen. Viele junge Leute sind alleine schon beruflich so sehr eingespannt, dass neben der Familie keine Zeit mehr für das Engagement in einem Verein bleibt. Und der demographische Wandel spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Noch kann sich unser Geschichts- und Heimatverein aber wirklich nicht beklagen. Im Jahre 2014 gab es elf Abmeldungen, aber auf der anderen Seite auch neun Zugänge. Unsere Exkursionen sind teilweise sogar überbucht. Noch zählt der Verein 240 Mitglieder. Aber in den nächsten Jahren rechne ich durchaus damit, dass es zehn Prozent weniger werden könnten - alleine schon aus Altersgründen. Im Wesentlichen sind nun einmal vor allem ältere Menschen bei uns im Verein aktiv.

Für Ihr ehrenamtliches Engagement haben Sie vor kurzem die Bundesverdienstmedaille erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Schreiber: Ich beziehe diese Auszeichnung weniger auf mich selbst, sondern sehe sie als Anerkennung, die allen Vereinen, in denen ich aktiv bin, entgegengebracht wird, vor allem dem Geschichts- und Heimatverein.

Kommen wir noch einmal auf die Zukunft Stolbergs zurück: Wie lässt sich das Image der Stadt aus Historikersicht am besten aufpolieren?

Schreiber: Indem man sich intensiver mit Stolbergs Geschichte beschäftigt. Dadurch gewinnt die Stadt bei einem selbst an Wert, und das trägt jeder Einzelne wiederum nach außen. Menschen, die ich zum Beispiel bei den Nachtwächterführungen Stolberg gezeigt habe, hatten nachher ein ganz anderes Bild von ihrer Stadt als vorher. Vieles war ihnen nämlich völlig neu.

Mehr von Aachener Nachrichten