Prym-Gruppe gibt Standort auf: Inovan droht in Stolberg das Ende

Prym-Gruppe gibt Standort auf : Inovan droht in Stolberg das Ende

Die glücklichen Jahre der Metallindustrie in der Kupferstadt scheinen vorbei zu sein – obwohl insbesondere die Automobilindustrie immer mehr Metallteile benötigt für die Digitalisierung und Elektrisierung ihrer Fahrzeuge. Aber der Absatz ist fernab eines Booms.

Das ist einer der Effekte, die sich in der Stolberger Industrie auswirken bei Halbzeugwerken wie bei den Teilefertigern. Nachdem Leoni Kerpen den Abbau von 150 seiner 600 Arbeitsplätze ankündigt, folgt nun die Prym-Gruppe mit einer neuerlichen Hiobsbotschaft:

Inovan steht am Standort Stolberg vor dem Aus. Diese Nachricht verkauft Personaldirektor Dr. Guido Sampels unter der Überschrift „Die Firma Inovan rüstet sich für die Zukunft“. In Deutschland sollen 300 Arbeitsplätze der weltweit 1100 Beschäftigten abgebaut werden. Das betrifft in Baden-Württemberg das Werk in Birkenfeld mit 200 von 650 Mitarbeitern. Und Stolberg mit 107 Beschäftigten. Über mehr verfügt Inovan an der Ecke von Zweifaller- und Finkensiefstraße nicht. Insgesamt beschäftigt die Gruppe an ihrem Heimatstandort noch knapp 500 Prymaner.

„Das Unternehmen hat entschieden, gezielt Investitionen in innovative Technologien und Produkte zu tätigen. Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Elektromobilität, Sensorik und dem autonomen Fahren“, erläutert Sampels. „Um Raum für diese Investitionen zu schaffen, werden vorhandene Produktionseinheiten an den Standorten Stolberg und Birkenfeld geschlossen und an den Produktionsstandort nach Tschechien verlagert“, sagt der Personalchef. In Zliv betreibt Inovan ein weiteres Werk

Die Modernisierung werde von einer Digitalisierungsstrategie begleitet. Dadurch würden effizientere Strukturen geschaffen. In Hochtechnologie wolle Inovan investieren.

Mit dieser Restrukturierung sehe man sich für die zunehmend verschärften Wettbewerbsbedingungen in der Automobilindustrie gerüstet. „Gleichzeitig werden hochqualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland gesichert“, formuliert Sampels weiter: „Leider gehen auch 300 Arbeitsplätze in Deutschland verloren“. Den Personalabbau begründet das Unternehmen: „Teile der Produktion sind aufgrund der hohen Lohn- und Lohnnebenkosten nicht mehr wirtschaftlich.“

In diesen Tagen sind die Gespräche mit den Vertretungen der Arbeitnehmer und Gewerkschaften „über einen ausgewogenen und sozial verträglichen Arbeitsplatzabbau“ angelaufen, sagt Sampels. Man wolle so schnell wie möglich zu einer Entscheidung kommen.

Gleichwohl räumt der Personaldirektor ein, dass bis Ende 2023 die Restrukturierung abgeschlossen sein soll. In Ruhe wolle man die Maßnahmen planen und über die Bühne bringen. Details der geplanten Investitionen würden derweil noch nicht feststehen.

„Es geht nicht darum, höhere Renditen für die Eigentümer zu erwirtschaften, sondern wir müssen uns nachhaltig für die Zukunft aufstellen“, erklärte Dr. Guido Sampels auf Nachfrage unserer Zeitung. Über zusätzliche Restrukturierungsmaßnahmen für die neben Inovan weiteren Unternehmen der Prym-Gruppe – Fashion, Inovan, Consumer und die Holding – werde derzeit nicht gesprochen.

Zukunftstarifverträge gekündigt

Gleichwohl hat nach Informationen unserer Zeitung das Unternehmen die im Herbst 2016 nach hartem Ringen geschlossenen Zukunftstarifverträge für alle Firmen der Gruppe aufgekündigt. Die Einigung wurde seinerzeit unter finanziellen Einbußen und einem sozialverträglichen Abbau der Belegschaft einerseits sowie einem Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und dem Versprechen von Investitionen durch die Geschäftsführung auf sieben Jahre geschlossen.

Die Vereinbarung enthält allerdings eine Kündigungsklausel, die bei einem Unterschreiten definierter wirtschaftlicher Ergebnisse greifen kann. Dies soll allerdings nur bei Inovan der Fall sein.

„Das ist ein Horrorszenario“, erklärte in Birkenfeld Liane Papaioannou als 1. Bevollmächtigte der dortigen IG Metall. In Stolberg ist ihr Kollege Martin Peters geneigt, sie zu zitieren. „Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen“, sagt der Stolberger IGM-Chef, der sich heute zudem sehr verwundert zeigt. Denn noch im April habe das Management über Restrukturierungspläne ohne eine Schließung von Inovan am Standort gesprochen.

„Wir sind gemeinsam mit dem Betriebsrat in die Gespräche eingetreten und werden erst einmal alle Zahlen und Pläne auf Herz und Nieren prüfen“, kündigt Peters harte Verhandlungen an.

Denn mit einem operativen Gewinn von 30 Millionen Euro im vergangenen Jahr könne man wohl kaum davon sprechen, dass es der Gruppe schlecht gehe. „Wenn man das in Fünf-Euro-Scheinen aneinander reiht, kommt man locker von hier bis hinter den Rhein“.

Auch wenn Prym seit wenigen Wochen nur noch als das zweitälteste Familienunternehmen der Nation gelte, seien die Vorschläge für Inovan und die offensichtlich gehegten Pläne für die weiteren Unternehmensgruppen ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten. Sie hätten sich immer wieder in Verzicht geübt, um die Tradition des Stolberger Familienunternehmens fortschreiben zu können. Nun entstehe der Eindruck, dass die für die Restrukturierung genannten Gründe in einer Maximierung des Profits münden sollten.

Mit Ausnahme von Inovan seien die Kündigungen der Zukunftstarifverträge unwirksam, weil die Voraussetzungen dafür nicht eingetreten seien: „Es wird zu einer knallharten juristischen Auseinandersetzung kommen“; kündigt Peters an. Und wer die gut organisierten und kampferprobten Prymaner kennt, wird erahnen, dass man sich auf heiße Wochen einstellen kann. Ziel der Verhandlungen ist es aus Sicht der Gewerkschaft, das Überleben von Inovan und vieler Mitarbeiter in Stolberg zu erreichen. „Dass es diesem Unternehmen nicht gut geht, ist eindeutig ein Fehler des Managements“, sagt Peters. „Man darf sich nicht wundern, wenn Aufträge ausbleiben“. Denn bei Mutterschutz und Erkrankungen würden Stellen nicht neu besetzt. „Wenn man so in seinem Vertrieb verfährt, kommt das einem wirtschaftlichen Selbstmord sehr nahe.“