Stolberg: Inklusion: Schule kann zur Qual werden

Stolberg: Inklusion: Schule kann zur Qual werden

Geht es nach dem Willen der Landesregierung sollen demnächst wesentlich mehr behinderte Kinder und Jugendliche eine Regelschule besuchen. Die Eltern haben demnach die Wahl, ob sie ihr Kind auf eine Förderschule oder eine „normale“ Schule schicken. An Gymnasien gibt es bislang noch wenige Schüler mit Behinderung. Am Stolberger Goethe-Gymnasium sind es drei Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Einer von ihnen ist Namik Luffy. Er besucht die fünfte Klasse. Er hat eine Sehbehinderung und ist daher auf technische Hilfe angewiesen. Das heißt, dass die Lehrer mitdenken müssen: Arbeitsblätter und Klassenarbeiten werden für ihn auf große Papierbögen kopiert. Auch beim Auswählen der Lektüre — etwa im fach Deutsch — sollten sie darauf achten, dass er die Bücher auch lesen kann. Und bei Klassenarbeiten bekommt er ab und an etwas mehr Zeit.

Solche Arbeiten schreibt er meist auf seinem Laptop, den er vom Landschaftsverband Rheinland bekommen hat. Daran kann er die Schrift groß einstellen. Seine eigene Handschrift zu lesen, ist für ihn sonst schwierig. Und auch sein Englischbuch kann er sich auf dem Bildschirm vergrößert ansehen oder es sich vorlesen lassen. Namik Luffy kommt so sehr gut an der Schule zurecht. „Im Unterricht komme ich genauso gut mit wie die anderen“, sagt er. Zudem ist er „sozial sehr engagiert“, sagt Schulleiter Bernd Decker. Er arbeitet an der Schülerzeitung mit und hilft beider Theater AG. „Er ist ein großer Gewinn für seine Klasse, keine Last“, sagt Decker.

Dazu seien die Lehrer bereit etwas mehr Zeit zu investieren, um Namik Luffy zu helfen. Seinen Mitschülern hat er erklärt, was es mit seiner Sehschwäche auf sich hat: „Ich habe das am ersten Schultag erzählt. Alle verstehen das.“

Für ihn ist es zwar noch ein weiter Weg bis zum Abitur. Aber das ist das Ziel. Denn die Schüler mit Behinderung werden am Goethe-Gymnasium „zielgleich“ gefördert. Will heißen: sie sollen auch Abitur machen. Genauso, wie alle anderen.

Das hat ein Schüler, der nicht namentlich genannt werden möchte, beinahe geschafft. Er steht kurz vor dem Abschluss. Anders als bei Namik Luffy handelt es sich bei seiner Beeinträchtigung nicht um eine körperliche Behinderung. Er hat Asperger-Autismus — eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Für ihn war die Zeit am Gymnasium teilweise ein Qual.

„Ich hatte Schwierigkeiten von meinen Mitschülern akzeptiert zu werden“, sagt er. Er sei aus Gruppen immer ausgeschlossen worden, könne seine Freunde an der Schule „an einem Finger abzählen“ und er fühlte sich von seinen Mitschülern „auf´s Übelste gemobbt“. Ein Beispiel: „Wenn ich im Unterricht etwas gesagt habe, was die richtige Antwort war, wurde ich ausgelacht. Nicht wegen dem, was ich gesagt habe, sondern weil ich es gesagt habe.“ Auch die Lehrer hätten kein Verständnis für ihn gezeigt und sich keine Zeit genommen, um ihm Dinge zu erklären. Wenn ich nachgefragt habe, haben sie oft nur die Augen verdreht.“ Solche Erlebnisse haben den Jungen mitgenommen. „Es gibt viele Vorfälle, an die ich mich heute noch gut erinnere“, sagt der Schüler.

Doch seine Mitschüler wussten gar nicht, dass der Junge Autist ist. Er habe damals selber nicht mal von der Diagnose gewusst. Dass der Autismus nicht vor der Klasse angesprochen wurde, ist für Schulleiter Decker ein Fehler. Die Eltern, die die Diagnose kannten, hätten nicht gewollt, dass die Beeinträchtigung bekannt wird. Sie sei aber unübersehbar. Decker ist der Meinung, dass man besser offen damit umgegangen wären. „So etwas führt zu Konflikten innerhalb der Klasse. Die anderen Kinder wussten nicht gleich, warum er sich so verhält. Das kann belastend für eine Klasse sein“, sagt er.

Dass der Schüler — trotz des Autismus´ und der negativen Erlebnisse — nun kurz vor seinem Abitur steht und bereits einen Ausbildungsplatz gefunden hat, wertet Decker als großen Erfolg.

Bisher haben sich die Schulen die Entscheidung Kinder mit Behinderung aufzunehmen, häufig nicht leicht gemacht. „Es besteht die Gefahr, dass man sich verhebt“, sagt Decker. Je nach Form der Beeinträchtigung könnten ganze Klassengefüge zerrüttet werden. Beeinflusst das Verhalten der Kinder den ganzen Unterricht, könne es passieren, dass Geduld und Akzeptanz schnell die Grenzen erreichen.

Daher habe sich die Schulleiterkonferenz dafür ausgesprochen, dass die Förderschule an der Talstraße bestehen bleiben soll. Sollten sehr viel Eltern von dem Recht ihr behindertes Kind an eine Regelschule zu schicken, dass ihnen die NRW-Landesregierung einräumen möchte, gebrauch machen, müsste die Förderschule auf Kurz oder Lang schließen.

Doch wenn alle behinderten Schüler auf Regelschulen gehen, könne das zu neuen Konflikte führen. „Die Schulen fühlen sich noch nicht in der Lage, sowas umfassendes von einem Jahr auf das andere umzusetzen“, sagt Decker.

Obwohl der Schüler, der kurz vor dem Abi steht, so schlechte Erfahrungen gemach hat, ist er doch dafür, dass behinderte Kinder und Jugendliche Regelschulen besuchen: „Aber man sollte sie nicht nur auf diese Schulen schicken, sondern sie auch in schwierigen Situation unterstützen, die aufgrund des Handicaps entstehen.“ Dafür fordert er sonderpädagogisch besser ausgebildete Lehrer.