Stolberg: Inge Stoll liebt das Leben und vor allem die Geschwindigkeit

Stolberg : Inge Stoll liebt das Leben und vor allem die Geschwindigkeit

Sie ist eine Pionierin gewesen, liebte das Leben und besonders die Geschwindigkeit: Freitag vor 60 Jahren starb Inge Stoll, nach der im Breiniger Neubaugebiet eine Straße benannt ist, bei einem Rennunfall. Sie wurde nur 28 Jahre alt.

Inge Stoll war eine erfolgreiche Motorradrennfahrerin zu einer Zeit, in der dieser Sport eine absolute Männerdomäne war — und äußerst gefährlich, wie ihre tragische Geschichte zeigt. Ihr Vater Kurt Stoll betrieb in Breinig eine Fahrschule, war selbst Gespann-Rennfahrer und erzielte in den 1930er und 1940er Jahren mit seinem Motorrad mit Beiwagen, einer Harley-Davidson mit 1000 Kubikzentimetern Hubraum, einige Achtungserfolge in Europa. In seinem Beiwagen saß 1938 Inge Stolls Mutter Maria, eine geborene Laforge, und verunglückte tödlich.

Tochter Inge, mit vollem Namen Ingeborg Stoll-Laforge, begann ihre Rennkarierre im Alter von 17 Jahren an der Seite ihres Vaters Kurt. Wesentlich erfolgreicher wurde Inge Stoll, als sie im Norton-Gespann mit Jacques Drion fuhr, der bald als der beste französische Gespann-Rennfahrer galt. Von 1952 bis 1958 nahm das Duo, das auch privat eine Liaison einging, an den Seitenwagenrennen der Motorrad-Weltmeisterschaft teil und belegte unter anderem die Plätze 3, 4 und 5. Stoll und Drion gewannen 1952 und 1954 die französische Meisterschaft.

Als erste Frau überhaupt nahm Inge Stoll 1954 an der legendären „Isle of Man TT“ teil, die als ältestes, gefährlichstes und daher umstrittenstes Motorradrennen der Welt gilt. Mit Drion erreichte sie dabei den fünften Platz. Im Fahrerlager des Rennzirkus‘ lernte sie später Manfred Grunwald kennen, den Beifahrer von Fritz Hillebrand. Hillebrand und Grunwald wurden 1957 Gespann-Weltmeister — weil sie in der WM einen Vorsprung hatten.

Im Training zum Großen Preis von Bilbao streifte das Duo mit seinem BMW-Gespann zunächst einen Kilometerstein und schleuderte dann mit 150 Kilometern in der Stunde an einen Laternenpfahl. Grunwald war verletzt, Hillebrand tot. Den WM-Titel erhielt das Team posthum nach dem letzten WM-Lauf in Monza.

Inge Stoll beendete ihre Beziehung mit Jacques Drion und heiratete im Mai 1958 Manfred Grunwald, der seine Rennlaufbahn abgeschlossen hatte. Stoll blieb aber mit Drion befreundet und auch Beiwagenpassagierin. Sie wollte 1958 eine letzte Saison fahren. Am 24. August 1958 nahmen Drion und Stoll am tschechoslowakischen Grand Prix teil.

In der letzten Runde des WM-Laufs auf dem Masaryk-Ring nahe Brünn lag das Gespann auf der 2. Position. Dann kamen Drion und Stoll in einer Rechtskurve von der Strecke ab. Das Gespann berührte einen Zaun und überschlug sich mehrfach. Die Breinigerin Ingeborg Stoll-Laforge starb noch am Unfallort — 20 Jahre nachdem ihre Mutter in einem Motorradbeiwagen ihr Leben gelassen hatte. Jacques Drion wurde in ein Krankenhaus transportiert, starb aber noch am selben Tag.

(dim)
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