In Vergessenheit geraten: Bürgermeister und Landrat Wilhelm Kohlen

Ein bewegtes Leben : Bürgermeister Wilhelm Kohlen prägt das Leben in Stolberg

Während eines Stadtrundgangs wurde jetzt auch an den Gressenicher SPD-Bürgermeister erinnert, der auch unter der Naziknute zu leiden hatte, aber in Vergessenheit geraten ist. Die Rede ist von Wilhelm Kohlen.

Kohlen wurde 1896 in Gressenich geboren. Er schlug zunächst die Berufslaufbahn als Druckereifacharbeiter ein, unterbrach aber seine Laufbahn 1914 und zog als Freiwilliger in den 1. Weltkrieg bis zum bitteren Ende 1918. Nach seiner Rückkehr – zuerst nach Stolberg - versuchte es der wendige, vielseitige Mann mit dem Metallhandwerk, war aber in der Zeit der Weltwirtschaftskrise arbeitslos. Er setzte sich jedoch aktiv für die SPD ein, deren Vorsitzender er wurde, dann schließlich Ratsmitglied für die Stadt Stolberg.

Er arbeitete, genauso wie seine Frau Margarete , für die Arbeiterwohlfahrt und leitete außerdem die lokale Gruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.Nach der Machtübernahme überfielen Nazihilfstruppen auch Kohlens Wohnung und die SPD-Baracke und beschlagnahmten bei ihm das gesamte SPD-Vermögen. Er wurde vom 13. bis 19. März 1933 in Schutzhaft genommen: für ein Vierteljahr wurde er im berüchtigten Folterkeller der Gestapo in der Theaterstraße in Aachen und im KZ Börgermoor „untergebracht“.

Zurück ins Leben entlassen, betrieb Kohlen ein „Wandergewerbe“ oder Handelsunternehmen bis 1939, blieb unter Beobachtung der Gestapo. Bis 1944 führte er ein kleines Transportunternehmen, durch das er eventuell illegale Flugblätter und Tarnschriften über die belgisch/niederländisch/deutsche Grenze transportierte. Näheres – ein Prozess oder Gestapo-Beobachtungen – sind nicht bekannt.

In der „Gitter-Aktion“

Allmählich jedoch spürten die Nazis, dass sie den Krieg verlieren könnten,und so planten sie ihren letzten sadistischen Coup: Sie verschleppten am 22. August 1944 bei der sogenannten „Gitter-Aktion“ alle ehemaligen politischen Funktionäre – also zum Bfrühere SPD- und KPD-Funktionsinhaber – in Konzentrationslager; für viele – auch Stolberger – bedeutete das Endstation KZ Sachsenhausen. Auch Kohlen war wieder betroffen. Die Opfer dieser Aktion wurden von den Nazis beim Nahen der Front zu Massenwanderungen in Richtung Nord-West gezwungen; das waren die berüchtigten Todesmärsche. Die Stolberger Jakob Radermacher, Matthias Dolfen und Oskar Pongratz sowie Peter Radermacher zählten zu deren Opfern. Wilhelm Kohlen blieb bis Ende 1945 in Sachsenhausen, bis er und die im Lager Zurückgebliebenen von den Allierten befreit wurden.

Wieder zu Hause in Gressenich, baute er erneut sein Transportunternehmen auf, wurde aber auch politisch wieder aktiv. Von Ende 1945 bis 1948 war er Gressenicher Bürgermeister beziehnungsweise Gemeindedirektor.Ruhig blieb das Leben aber nicht für ihn. Als Gemeindedirektor führte er nach Kriegsende Entnazifizierungsmaßnahmen durch mit Unterstützung und auf Anordnung seines alten Genossen Ludwig Lude. Konnte das gutgehen? Ludwig Lude, Kopf des SPD-Widerstands in der Stolberger Region, von den Nazis jahrelang im Zuchthaus Siegburg festgehalten, wurde Regierungspräsident in Aachen.

Lude hatte schon im Dezember 1945 eine Neuerfassung der NSDAP-Mitglieder und -Funktionäre in Auftrag gegeben. Kohlen war noch kein halbes Jahr wieder zu Hause, da ging ein Schreiben von ihm an den Polizeichef und die Militärregierung, in dem er forderte: Ehemalige Aktivisten der NSDAP müssen für Arbeitseinsätze zur Verfügung stehen. Beispiele nannte er:„Kurt L. soll Dienst beim Forstamt Wenau leisten. Fritz Sch soll für halbe Tage bei Fischzucht Mohnen mitarbeiten, Fritz G. will bei Prym arbeiten, abgelehnt, er soll körperlich was tun.“

Kohlen lässt auch nachprüfen, ob diese Arbeiten auch geleistet werden. Aber diese Überprüfung gerät bald ins Stocken. „Josef G. ist seinerzeit in Arbeit eingewiesen worden. Das Verhältnis musste wieder gelöst werden. Es ist schwierig……“ Schwierig wurde die Entnazifizierung bis unmöglich. Ende August 1946 schob Lude ein Schreiben an die Bürgermeister des Regierungsbezirkes nach: „Ein Angehöriger der ehemaligen NSDAP bleibt auch dann Parteigenosse, wenn er entnazifiziert ist…..Er kann lediglich in den kommenden Jahren beweisen, dass er tatsächlich nur nominelles Mitglied der Partei gewesen ist.“ Ein schwer zu überprüfender „Beweis“, mit dem man sich keine Freunde machte.

Wilhelm Kohlen ließ nicht locker, so zum Beispiel mahnte er im Januar 1947: „Alle Beamten und Angestellten müssen bis zum 1. April 1947 überprüft sein.“ Regierungspräsident Lude stand natürlich dahinter, aber gegen diesen gab es schon seit Dezember 1945 Beschwerden (Akte 192a): seine Säuberungsaktionen und seine offene Einstellung gegenüber kommunistischen Ideen vermehrten die Zahl seiner Gegner erheblich. Als dann Wahlen in Aachen der CDU die Mehrheit brachten, wurde es schwierig für den SPD-Mann Lude. Als Regierungspräsident wurde er am 31. März 1950 abberufen trotz seiner großen Verdienste.

Kohlen schied schon am 30. September 1947 aus den Diensten der Gemeinde Gressenich aus, aber auf seine Kompetenz konnte man nicht verzichten und so wurde er Mitglied des Kreistages und Landrat des Landkreises Aachen vom 9. Dezember 1949 bis zum 27. Oktober 1956. (Familien-Gruppenblatt Bürgermeister Wilhelm Kohlen, 28336 M,) Wilhelm Kohlen starb am 30. September 1964.