Interview der Woche: „In unseren Kindern steckt so viel Potential“

Interview der Woche : „In unseren Kindern steckt so viel Potential“

Stolberg hat viele Besonderheiten – auch im Förderbereich. Was etliche Bürger wohl kaum wissen: An der Steinfeldstraße gibt es ein Zentrum für Konduktive Förderung. Professor András Petö entwickelte die sogenannte Petö-Methode vor über 60 Jahren in Ungarn.

Sie soll Menschen mit Behinderungen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, durch intensive und gezielte Anleitung in die Lage versetzen, aktiv am Leben in der Gesellschaft teilhaben zu können. Das Petö-Zentrum mit Sitz in Stolberg wird vom Verein Fortschritt betrieben. Wie die Therapien dort aussehen? Warum oft schon kleine Fortschritte für die Betroffenen immens wichtig sind? Und was die Besucher bei der offiziellen Einweihung am heutigen Samstag erwartet? Darüber hat Brigitte Vlaovic, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Fortschritt, die in Eschweiler lebt, mit Sonja Essers gesprochen.

Frau Vlaovic, die Konduktive Förderung nach Petö dürfte wohl vielen Menschen nicht bekannt sein. Was kann man sich darunter vorstellen? Und wie kommt man dazu, sich dafür zu engagieren?

Brigitte Vlaovic: Das ist eine Form der Förderung, die ursprünglich aus Ungarn kommt. Das Wort konduktiv bedeutet so viel wie zusammenführen. Dabei werden Elemente aus der Physio-, Ergotherapie und der Pädagogik verbunden, um die motorischen, kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten der betroffenen Menschen zu fördern. Unseren Verein gibt es seit 2010. Er ist entstanden, weil die Eltern, die später in den Vorstand kamen, alle Kinder mit cerebralen Bewegungsstörungen hatten. Viele von uns kannten die Konduktive Förderung, weil sie damals selbst oft nach Ungarn gefahren sind.

Und in Deutschland gab es diese Art der Therapie nicht?

Vlaovic: Nein. Das hat sich erst vor 25 Jahren geändert. Damals gab es Eltern in Bayern, die den Verein Fortschritt ins Leben gerufen haben und die erste Einrichtung in Deutschland eröffneten. Diese befindet sich in Niederpöcking. Wir waren mit unserem Sohn auch zunächst in Ungarn, haben dann aber später den Weg dorthin gefunden. Mit und mit entstanden dann weitere Einrichtungen innerhalb Deutschlands. Darunter auch in Düsseldorf und Köln. In der Städteregion Aachen gab es noch keine.

Und wie konnten Sie die Gründung eines Zentrums in Stolberg stemmen?

Vlaovic: Wir haben damals sehr eng mit dem Förderkreis Schwerkranke Kinder und dem Verein Menschenskind zusammengearbeitet. In den beiden Vorständen haben wir die Therapie vorgestellt und vorgeschlagen, dass wir uns diese einmal gemeinsam ansehen. Unsere Idee war es, auch bei uns vor Ort eine Einrichtung aufzubauen. Dann haben wir hospitiert. Und im Januar 2010 konnten wir unsere ersten Förderwochen in Stolberg planen. Mit Hilfe von vielen Spenden konnten wir die Aufgabe stemmen.

Was kann man unter Förderwochen verstehen?

Vlaovic: Die sind auch heute noch unser Highlight (lacht). Inzwischen bieten wir die Konduktive Förderung auch ambulant an. Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche ein oder mehrere Male in der Woche zu uns kommen. In den Förderwochen findet dieses gebündelt – also über einen Zeitraum von ein oder zwei Wochen – täglich statt. Angefangen haben wir damals in der Regenbogenschule. Das war im Herbst 2010. Damals haben 25 Kinder und Jugendliche teilgenommen. Die beiden Vereine haben das Angebot finanziell getragen, das Bethlehem-Krankenhaus hat uns personell unterstützt, das Mittagessen gesponsert. Und die speziellen Möbel, mit denen wir gearbeitet haben, wurden dafür extra aus München hierher gebracht.

Und wie ging es dann weiter?

Vlaovic: Nach den Förderwochen wurde unser Verein gegründet und für die nächsten Förderwochen im Jahr 2011 haben wir fleißig Spenden gesammelt. 2013 konnten wir dann auch unsere ambulante Einrichtung eröffnen.

Und die befand sich wo?

Vlaovic: Im Rolandshaus. Dort hatten wir die Möglichkeit, Räume anzumieten. Im September 2013 sind wir mit der Ambulanz gestartet und konnten nun den Kindern und Jugendlichen eine kontinuierliche Förderung über das ganze Jahr anbieten.

Warum folgte nun ein Umzug?

Vlaovic: Wir haben uns schon innerhalb des Rolandshauses ein wenig vergrößert, aber hier konnten wir noch Räume dazu gewinnen. Nun haben wir drei Förderräume und einen großen Flur, den wir auch für Übungen nutzen. An verschiedenen Geräten, die hier positioniert sind, kann man beispielsweise das Laufen oder das Treppen steigen üben und lernen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an der Konduktiven Förderung?

Vlaovic: Die Kinder und Jugendlichen arbeiten meistens in der Gruppe. Das Konzept sieht vor, durch gemeinsame Aufgaben die Eigenaktivität zu fördern, so dass jedes Kind sein individuelles Übungsziel erreichen kann. Die Konduktive Förderung unterstützt die motorischen, kognitiven, emotionalen und auch sozialen Kompetenzen der Teilnehmer. Dabei motivieren sich die Kinder gegenseitig, das wiederum stärkt ihr Selbstvertrauen.

Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen, die zu Ihnen kommen?

Vlaovic: Vom Säuglingsalter an, und die älteste Teilnehmerin ist 38 Jahre alt. Es sind grundsätzlich Menschen mit motorischen Bewegungsstörungen, wobei bei manchen noch kognitive Einschränkungen hinzukommen.

Woher kommen die Kinder und Jugendlichen, die an der Förderung teilnehmen?

Vlaovic: Aus der Städteregion, den Kreisen Düren, Heinsberg und auch aus Belgien. Wir hatten auch schon Gastkinder, aus Rumänien und dem Kosovo. Für uns ist es wichtig, dass jedes Kind, an der Konduktiven Förderung teilnehmen kann. In einzelnen Fällen kommt es vor, dass es keinen öffentlichen Kostenträger gibt, so dass wir als Verein diese Kosten über Spenden finanzieren.

Sie haben erzählt, dass die Kinder und Jugendlichen sich oft gegenseitig motivieren. Welche Rolle spielt bei der Therapie das Thema Motivation?

Vlaovic: Motivation ist der Anfang. Das ist unser Leitsatz. Motivation ist Ansporn und stärkt den Willen etwas zu schaffen. Oft sind es nur kleine Fortschritte, die aber die nächsten erst möglich machen. Man ist dankbar, und die Kinder sind stolz auf ihre Leistung.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Vlaovic: Beispielsweise mein Sohn konnte lange Zeit nicht aussuchen, was er essen möchte. Durch die Förderung hat er gelernt, Wurst und Käse voneinander zu unterscheiden und durch Deutung selbst zu entscheiden, was er davon gerne essen möchte. Dies ist ein Fortschritt, den man nicht so einfach in Worte fassen kann, sondern miterleben muss. Wie schon erwähnt, sind es nicht immer die großen Schritte, sondern eben die vermeintlich kleinen. In unseren Kindern steckt so viel Potential.

Kommen wir noch einmal zur Eröffnung am heutigen Samstag zurück. Was erwartet die Gäste?

Vlaovic: Wir möchten gerne unsere Räume vorstellen und die Möglichkeiten der Konduktiven Förderung vorstellen. Zudem bieten wir Kinderschminken an, Max der Clown wird da sein, wir haben eine Bastelecke, es werden Fotos gemacht und auch für das leibliche Wohl wird gesorgt sein.

Gibt es noch etwas, das in den kommenden Monaten auf der Agenda des Vereins steht?

Vlaovic: Wir würden uns freuen, wenn wir noch eine zusätzliche Konduktorin einstellen könnten. Mittlerweile werden überall auf der Welt Konduktoren gebraucht, da ist es gar nicht so einfach, jemanden zu finden.