Stolberg: In Stolberg entsteht ein Studentenwohnheim für männliche Muslime

Stolberg: In Stolberg entsteht ein Studentenwohnheim für männliche Muslime

An der Jordanstraße entsteht ein Studentenwohnheim für männliche Muslime. Der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) mit Sitz in Köln hat das Haus mit der Nummer drei erworben. Das bestätigte Seyfi Ögütlü, Referent für Pressearbeit, auf Nachfrage unserer Zeitung. Voraussichtlich im Herbst soll in dem ehemaligen Arbeitsamt und späteren China-Restaurant mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Wie viele Studenten genau dort wohnen sollen, ist noch unklar. Darüber hinaus gibt es zu dem Projekt noch zahlreiche Fragen. Hier die wichtigsten Antworten.

Wer ist der Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ)?

Der VIKZ ist der älteste und einer der größten islamischen Dachverbände Deutschlands. Ihm gehören deutschlandweit neun Landesverbände und rund 300 Moscheegemeinden an — auch in Stolberg. Diese befindet sich in der Schneidmühle und wird dort vom Integrations- und Bildungsverein betrieben. Der Verband selbst versteht sich als „parteipolitisch neutral“.

Das geht auch aus einer Dokumentation zu den islamischen Organisationen in Deutschland des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages hervor. „Der VIKZ bekennt sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Seine Arbeit und seine Ziele stehen im Einklang mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, heißt es dort. Der Verband der Islamischen Kulturzentren gehört der sunnitisch-hanefitischen Ausrichtung des Islam an und betont, dass diese Ausrichtung des Islam fern vom Extremismus und Fanatismus sei und eine moderate Linie verfolge. Die sunnitische Glaubensgruppe ist die Größte im Islam.

Gibt es kritische Stimmen zur Arbeit des Verbandes?

Ja. 2003 entstand das erste Schüler-Wohnheim des VIKZ in Nordrhein-Westfalen. Doch das Vorzeigeprojekt wurde von Turkologen als „integrationshemmend“ und „strengstens scharia-orientiert“ beschrieben. 2008 zitierten Medien Vorwürfe gegen den VIKZ aus einem Dossier der Kölner Polizei von 2006. Darin wurde dem Verband vorgeworfen, er sei „antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch“, die Kinder würden in den Koranschulen des VIKZ geschlagen, der „heilige Krieg“ und das Märtyrertum würden in Predigten verherrlicht. Daraufhin schaltete sich die Landesregierung NRW. Die Vorwürfe, der Verband sei antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch können nicht bestätigt werden, hieß es damals vom Integrationsministerium NRW. Dementsprechend wurde auch der Verfassungsschutz nicht eingeschaltet.

Hat der VIKZ auch selbst etwas getan, um seine Arbeit transparent zu machen?

Ja. Ausgelöst durch die Vorwürfe gegen den Verband beauftrage er 2008 die Erziehungswissenschaftlerin Ursula Boos-Nünning, ein Gutachten über die 19 Schülerwohnheime des VIKZ zu erstellen. Boos-Nünning, ehemalige Rektorin der Universität Essen, leitete zahlreiche Forschungsprojekte zu Migrationsfragen. Dabei ging es vor allem um die Situation von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien. Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Beten und Lernen“ wurden im Juli 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Laut Boos-Nünning hätten sich die beiden Kernvorwürfe — die Jugendlichen zögen auf Druck ihrer Eltern in die Heime und das Ziel sei die Elitebildung — nicht bestätigt. Die Jugendlichen würden weder religiös noch politisch beeinflusst. Die überwiegend türkischstämmigen Schüler hätten jedoch kaum deutsche Freunde und ein Erziehungsstil sei die Medien-Abstinenz. Boos-Nünning übte Kritik daran, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit fremdbestimmt würden und ihnen kein Mitspracherecht eingeräumt würde.

Warum investiert der Verband in Stolberg?

Seyfi Ögütlü begründet die Wahl des Gebäudes auf der Mühle mit der guten Anbindung nach Aachen. Schließlich soll sich das Angebot des Verbands an Studierende der RWTH und der FH richten. Wie viele Studenten dort in Zukunft wohnen sollen, steht laut Ögütlü allerdings noch nicht fest.

Was genau soll dort geschehen?

Viele Informationen gibt es bisher noch nicht. „Die Baugenehmigung seitens der Stadt wurde erteilt. Nun kann mit den Vorabreiten begonnen werden“, sagte Seyfi Ögütlü. Bei der Stolberger Verwaltung hatte der Verband beantragt, eine bauliche Erweiterung vorzunehmen. Ein zweigeschossiger Anbau soll nach Hinten raus entstehen. Außerdem wurde eine Nutzungsänderung beantragt, damit in dem Studentenwohnheim Lern- und Besprechungsräume entstehen können. Diese sei genehmigungsfähig gewesen, teilte man von Seiten der Stadt mit.

Wo gibt es vergleichbare Projekte?

Der Verband errichtet an der Stolberger Straße in Köln-Müngersdorf seine neue Zentrale. Baustart soll im Frühjahr 2019 sein, die Fertigstellung soll 2022 erfolgen. Im vergangenen Jahr sprach sich der Kölner Stadtrat dafür aus. Auf 16.000 Quadratmetern Nutzfläche sollen Verwaltungsräume, Räume für Tagungen, Seminare, die Imam-Ausbildung, studentisches Wohnen, ein Gebetsraum, Veranstaltungsräume und ein Gästehaus entstehen. Zudem sind ein öffentliches Restaurant, eine Bibliothek, ein Lesecafé und Läden für Dienstleister geplant sowie eine Tiefgarage. Gesamtkosten: rund 70 Millionen Euro. Auch die Yunus-Emre-Moschee in Aachen will auf den Bau von Studentenwohnungen setzen. An der Stolberger Straße sollen diese in Zukunft entstehen. Allerdings sind sie nicht nur für Muslime gedacht.

Sind weitere Studentenwohnheime in Stolberg geplant?

Das Thema Studentenwohnheim tauchte in Stolberg in den Vergangenheit immer wieder mal auf. Nachdem die Arbeiten in der Rathausstraße abgeschlossen sind, soll auch der Mühlener Bahnhof neu gestaltet werden. Nicht nur eine blaugrüne Codierung soll das Viertel verschönern. In der Präsentation eines Planungsbüros im Stadtentwicklungsausschuss im August 2016 war ebenfalls die Rede von einem Studentenwohnheim — damals in der Talbahnstraße.

Dort kauften Ahmet Ekin, Vorsitzender des Integrationsrates, und sein Bruder Mehmet ein Gebäude. Ursprünglich war geplant, dass in diesem ein Café entsteht. Davon ist heute nicht mehr die Rede, erklärt Mehmet Ekin. Einen Kiosk könne er sich in den Ladenlokal, in dem einst ein Supermarkt untergebracht war, vorstellen. Genaue Pläne gebe es aber noch nicht. Genehmigt sind für Dach- und erste Obergeschoss der Umbau in vier Wohn- und zwei Büroeinheiten mit Dachgauben.

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