Stolberg: Immer mehr Demenzkranke: Wie können Angehörige damit umgehen?

Stolberg: Immer mehr Demenzkranke: Wie können Angehörige damit umgehen?

Wenn das Gedächtnis nachlässt, kann das ein Alarmzeichen sein. 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt. Tendenz steigend. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl voraussichtlich verdreifachen. Und noch ist die Krankheit unheilbar. Ihr Verlauf beginnt schleichend. Wie gehen die Angehörigen mit Demenzkranken um?

„Demenz — den Weg gemeinsam gehen“, ist die zweite Demenz-Fachtagung überschrieben, die am Mittwoch, 12. Februar, ab 9 Uhr auf der Stolberger Burg stattfindet. Im Gespräch mit Redakteur Ottmar Hansen erläutern Christa Marx und Stephanie Heck vom Pflegedienst des Bethlehem Gesundheitszentrums Anzeichen und Hintergründe der Demenz.

Was verbirgt sich hinter der Krankheitsbezeichnung Demenz?

Heck: Es gibt verschiedene Demenzformen, die jedoch alle mit der kognitiven Einschränkung des Gehirns verbunden sind. 60 bis 70 Prozent der Erkrankten leiden dabei an Alzheimer, andere Patienten an Vaskulärer Demenz oder an Parkinson.

Wie äußern sich erste Anzeichen für eine Demenz?

Marx: Demenz ist ein schleichender Prozess. Die Betroffenen können die Anzeichen der Krankheit meistens zu Beginn noch gut vertuschen. Wenn das Obst plötzlich im Kleiderschrank abgelegt wird, wird das zunächst noch als normale Vergesslichkeit oder Schusseligkeit abgetan. Das sind Anzeichen, die man selbst nicht wahrhaben will, deshalb werden sie verheimlicht.

Wie kann man die Erkrankung an Demenz zweifelsfrei feststellen?

Heck: Durch Aufnahmen vom Gehirn mittels CCT oder MRT. Dabei wird der Abbau von Gehirnmasse sichtbar.

In welchem Alter wird der Mensch Opfer von Demenz?

Marx: Es sind nicht nur ältere Menschen betroffen. Aber die Diagnose wird oft zu spät gestellt.

Wie viele Menschen in der Region leiden an Demenz?

Marx: In der Städteregion sind rund 8000 Menschen offiziell an Demenz erkrankt. Aber die Dunkelziffer ist sehr hoch. Und in wenigen Jahren wird sich die Zahl rasch verdoppeln und verdreifachen. Je älter die Menschen werden, desto höher ist die Gefahr, dass sie an Demenz erkranken.

Ist die Krankheit heilbar?

Heck: Leider nicht. Man kann den Verlauf mittels Medikamenten und Gedächtnistraining etwas hinauszögern, um die Lebensqualität länger zu erhalten. Mehr nicht.

Welche Auswirkungen von Demenz zeigen sich beim Menschen?

Marx: Manche Betroffene neigen zu Aggressionen, andere zu Ängsten. Manche sind auch nachtaktiv und laufen nachts durch die Wohnung oder über die Stationen von Heim oder Krankenhaus.

Was können die Angehörigen tun?

Marx: Demenz ist immer noch ein Tabuthema. Aber die Angehörigen müssen ihre Hemmungen abbauen und offener mit dem Thema umgehen. Und Veränderungen an den geliebten Angehörigen akzeptieren. Da muss man einfach als Familie zusammen halten.

Wo finden Angehörige Hilfe?

Marx: Hausarzt, Neurologe, Gerontologe oder das Krankenhaus zeigen Wege auf, wo man sich Hilfe holen kann.

In welchem Zeitfenster schreitet die Erkrankung voran?

Marx: Die Zeitspanne des Krankheitsverlaufs ist sehr individuell. Die Dementen werden zunehmend pflegebedürftiger. Irgendwann sind auch die Bewegungsabläufe stark eingeschränkt. Sie können das Bett nicht mehr verlassen, leiden an Schluckstörungen. Das Atmen fällt schwer. Hinzu kommen meist Begleiterkrankungen, bevor die Dementen versterben.

Können Angehörige da überhaupt noch Hilfe leisten?

Marx: Die meisten Angehörigen sind irgendwann mit der Situation überfordert. Sie können die Hilfe für die Dementen dann eigentlich nicht mehr leisten. Ein Demenzkranker braucht eine Ein-zu-Eins-Betreuung. Es gibt aber auch Ehepartner, die die Pflege des Kranken bis zum Ende komplett selbst übernehmen.

Altenheime sind auf die Versorgung von Demenzkranken eher eingerichtet als ein Krankenhaus.

Heck: Unser Krankenhaus in Stolberg hat ein mobiles Betreuungssystem. Wir verfügen über den Raum „Vergissmeinnicht“, in dem Gruppen von Demenzkranken mehrfach in der Woche betreut werden. Mit Spielen und alten Liedern. Bei Bedarf kommen wir jedoch auch raus zu Kranken, die das Bett nicht mehr verlassen können.

Welche Erinnerung verschwindet bei Dementen zuerst, welche bleibt noch?

Marx: Das Kurzzeitgedächtnis ist bei Dementen praktisch abgeschaltet. Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch eine ganze Weile. So sind etwa alte Lieder dort verankert. Da ist noch ganz viel zu holen.

Menschen, die an Demenz erkrankt sind und deren Kurzzeitgedächtnis abhanden gekommen ist, vergessen ja sogar, dass sie etwas gegessen haben.

Marx: Deshalb reichen wir Dementen im Stolberger Krankenhaus nicht nur ein spezielles Essen, sondern bieten dieses auch auf besonderen farbigen Tabletts an. Außerdem gibt es mehr Süßigkeiten und Obst, das die Betroffenen während des ganzen Tages zu sich nehmen können.