Stolberg/Eschweiler: IG Metall Stolberg/Eschweiler: Gleich zwei ganztägige Warnstreiks

Stolberg/Eschweiler : IG Metall Stolberg/Eschweiler: Gleich zwei ganztägige Warnstreiks

Die traditionsreiche Industriestadt an der Vicht hat schon viele Gesichter des Arbeitskampfes erlebt. Kurzzeitige Niederlegungen der Arbeit, Autokorsos, Protestmärsche und Kundgebungen prägten in regelmäßigen Abständen bei auslaufenden Tarifverträgen das Stadtbild.

Aber in dieser Woche schreiben die Metaller in Stolberg Geschichte. Erstmals hat die Gewerkschaft bundesweit zu ganztägigen Warnstreiks aufgerufen.

Berzelius blockiert: Nach der Kundgebung vor den Werktoren der Bleihütte ziehen die meisten Streikenden wieder ab. Zurück bleiben Streikwachen. Heute greift der Warnstreik auf die KMD-Niederlassung an der Kupfermeisterstraße über. Foto: J. Lange

„Eine Arbeiterstadt“

IG Metall: Die Belegschaft der Stolberger Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer streiken seit 6 Uhr morgens. Foto: Jürgen Lange

„In der Kupferstadt liegt dabei ein Schwerpunkt unserer Aktionen in der ganzen Region“, sagt Martin Peters. Während am Mittwoch und Donnerstag für 24 Stunden die Produktion bei KMD an der Kupfermeisterstraße ausfallen wird, standen von Mittwoch 6 bis Donnerstag um 6 Uhr die Öfen in der Bleihütte Berzelius Binsfeldhammer (BBH) still, erklärt der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Stolberg/Eschweiler: „Nur eine Notbesatzung sorgt noch dafür, dass die Technik durch den Stillstand keinen Schaden leidet“, so Peters.

Stolberg ist ein Kerngebiet der Industriegewerkschaft — „eine Arbeiterstadt“, wie Peters formuliert. Die IGM-Geschäftsstelle betreut weit mehr als 5100 Mitglieder — mit weiterhin steigender Tendenz. Der Organisationsgrad in den Betrieben liegt bei den tarifgebundenen im Schnitt bei 75 Prozent. „Das ist außerordentlich hoch“, erklärt der 35-Jährige. Und bei Berzelius ist der Organisationsgrad noch höher: Von 262 tariflich vergüteten Mitarbeitern sind 210 Mitglied der IG Metall.

Solch eine starke Position bestärken die Interessenvertreter der Arbeitnehmerschaft in ihrem Ansatz, Stolberg zum Frontgebiet dieses Arbeitskampfes zu machen. Das war bereits 1984 so, als die Metaller für die Einführung der 35-Stunden-Woche auf die Barrikaden gingen. Das war auch in vielen folgenden Jahren so. Beispielsweise 2004, 2006, 2008 und 2012, als es um Forderungen nach einer Entgelterhöhung zwischen fünf und sieben Prozent ging. Stolberg, die Wiege der großen Metallindustrie, war stets in der ersten Reihe mit von der Partie, wenn die IGM ihren Forderungen Nachdruck verleihen will. Hier gehen die Arbeiter (noch) auf die Straße.

Und so ist es jetzt auch wieder. Seit dem Ende der Nachtschicht am frühen Mittwoch wird Berzelius bestreikt. Die Produktion steht still. Vor dem Werkstor versammeln sich Belegschaftsmitglieder. Kolleginnen und Kollegen weiterer metallverarbeitender Unternehmen aus Stolberg kommen hinzu und bekunden ihre Solidarität.

Gestreikt wird am Binsfeldhammer übrigens auf dem Betriebsgelände. Der Sicherheit wegen. Die BBH-Geschäftsführung hat es erlaubt, damit die Mitarbeiter nicht auf der viel befahrenen Zweifaller Straße in Gefahr geraten können. Die Toiletten eines Sozialgebäudes sind geöffnet, Strom darf „abgezapft“ werden. Dennoch gibt es für Peters und sein Team im Vorfeld viel zu organisieren — von Kaffee und Brötchen über Zelte und Lautsprecher bis hin zu den Streikkarten für die Lohnfortzahlung.

Und nicht zu vergessen sind die roten Jacken mit der Aufschrift „Streikposten“. Jeder Kleintransporter, jeder Lastwagen, der Produktionsmittel ins Werk liefern möchte, wird gestoppt und muss abdrehen. „Fast alle Fahrer haben Verständnis für uns“, sagt Peters, während der Spediteur mit dem langen Sattelzug auf der Werkzufahrt zu wenden versucht.

„Soziale Standards setzen“

Vier Stunden nach Beginn des ganztägigen Streiks beginnt eine Kundgebung. BBH-Betriebsratsvorsitzender Jürgen Müllegans stimmt seine Kolleginnen und Kollegen ein, begrüßt die Vertreter weiterer Metallbetriebe.

Dann ergreift Martin Peters das Wort beim bundesweit ersten ganztägigen Warnstreik in der Geschichte der IGM: „Wir wollen aber nicht nur an diesem Punkt in die Geschichtsbücher einziehen“, ruft der Bevollmächtigte einigen Dutzend Streikenden zu. „Wir wollen mit dieser Tarifrunde auch ein Stück Tarifgeschichte schreiben.“ Denn Tarifpolitik bedeute auch immer wieder, soziale Standards zu setzen.

Peters attackiert die Arbeitgeber, die sich verbesserten sozialen Standards in den Weg stellten und greift die Historie auf. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld als sozialpolitische Meilensteine hätten hart erkämpft werden müssen. Und nun gelte es, für weitere Standards zu kämpfen. Es gehe nicht nur um die Forderung nach einer Entgelterhöhung um sechs Prozent.

Es gehe gleichzeitig um einen Anspruch auf eine befristete Arbeitszeitverkürzung auf 28 Wochenstunden und einenZuschuss für Beschäftigtengruppen in familiären oder gesundheitlichen Belastungssituationen. Die bisherigen Angebote der Arbeitgeber seien indiskutabel, lägen „unter dem verteilungsneutralen Spielraum“ und seien „keine Wertschätzung für euren ernormen Einsatz in den Betrieben“.

„Ausfall ist nicht aufholbar“

Dabei sei die Metall- und Elektroindustrie in einer hervorragenden Lage, an den Börsen herrsche Party-Stimmung und Boni in Milliarden-Höhe würden gezahlt. „Aber bei unseren Forderungen stellen sich die Arbeitgeber total quer“, sagt Peters und fordert die Streikenden auf, Geschichte zu schreiben und die Arbeitgeber wieder an den Verhandlungstisch zu drängen. Mit den Warnstreiks schalte die IGM die Ampel auf Gelb, gelinge keine Einigung, folge nach Karneval die Urabstimmung.

Für völlig verfehlt hält indes Dr. Urban Meurer den ganztägigen Warnstreik — sowohl auf die Sache wie auch auf die Bleihütte bezogen. „Die Lage auf den Rohstoffmärkten ist für uns schon schwierig genug“, sagt der BBH-Geschäftsführer. „Und der Streiktag trifft uns empfindlich.“ Dieser trifft auch nach dem geplanten Stillstandstag zur turnusmäßigen Wartung das rund um die Uhr ganzjährig produzierende Werk. „Den Ausfall können wir nicht mehr aufholen“, sagt Meurer und beziffert das finanzielle Volumen der Einbußen durch den Streiktag auf bis zu 250 000 Euro.

Ein Streik sollte nur das letzte Mittel sein, meint der Geschäftsführer. Arbeitgeber und Gewerkschaften seien sich bei ihren Vorstellungen aber so nahe gekommen, dass ein Kompromiss hätte machbar sein können. „Aber die IG Metall wollte diesen Streik unbedingt haben“, zeigt Meurer sich schwer enttäuscht. Dabei würden Teile der Gewerkschaftsziele in den Verhandlungen über eine große Koalition in Berlin schon abgedeckt.

Und was die Forderung nach befristet reduzierten Arbeitszeiten anbetrifft, so werden solche Wünsche in der Stolberger Bleihütte schon längst erfüllt. „Im Einzelfall und ganz auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmt“, sag Urban Meurer, der weder den Bedarf noch eine große Nachfrage nach einer grundsätzlichen Regelung erkennen kann.