Historischer Spaziergang durch Mausbach

Erinnerung an Nazizeit : Historischer Spaziergang durch Mausbach

Stolberg und Umgebung hatten am Wochenende für alle etwas zu bieten; am Samstag fanden sich trotz „Stolberg goes Cuba“ auch 35 Interessenten in Mausbach ein, die erfahren wollten, was die Gemeinde Gressenich unter der Knute der Nazis erdulden musste.

Es berichteten darüber in Kooperation mit der VHS Stolberg Gruppe Z – Stolberg und der Mausbacher Arbeitskreis Geschichte sowie als „Ehrengast“ der Bergbaufachmann Hugo Bittner. Man traf sich an einer großen, sommerlich blühenden Wiese an der Derichsberger Straße und versuchte sich vorzustellen, dass es an diesem wunderschönen Ort dreimal Nazilager gegeben hat, die der Machtdemonstration, der Vorbereitung zum Krieg bzw. und der Abschreckung dienen sollten. Die Menschen im Reichsarbeitsdienstlager, das von 1938 bis 1942 existierte, wurden benutzt als billige Arbeitskräfte und mussten die Wehrmacht unterstützen.

Besonders schrecklich waren die fünf Tage im Juni 1942, als circa 400 ältere jüdische Menschen in dem verlassenen Barackenlager vegetieren mussten, bevor sie in die Konzentrationslager Theresienstadt, teils weiter nach Lublin, Auschwitz oder Minsk deportiert wurden.

Am 6. Juli 1942 schließlich zogen hier Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren ein in das Lager, das jetzt Wehrertüchtigungslager hieß. Dazu informierte Friedrich Gruschei von Gruppe –Z-Stolberg, dass sie eine intensive, mehrwöchige militärische Grundausbildung erhielten, um sich dann todesmutig für „Führer und Vaterland“ in den Kampf zu stürzen. Die Teilnehmer des Rundgangs waren sich einig darin, dass an dieser Stelle unbedingt eine Tafel über die Geschehnisse informieren solle. Der Mausbacher Arbeitskreis Geschichte bestätigte, dass dies auch Ziel seiner Arbeit sei.

Ebenso bemühe man sich auch schon um Neugestaltungdes Bereiches Froschschacht, über den Bergbaufachmann Hugo Bittner referierte. Wer hätte gedacht, dass dieses ehemalige Zinkerzbergwerk modernste Abbaumethoden benutzte, und dem Fachmann erschien es fast unverständlich, warum die bedeutende Grube 1919 geschlossen wurde. In der Gressenicher Straße berichteten Norbert und Gudrun Franzen vor dem ehemaligen Wohnhaus der jüdischen Familie Imdorf über den Beginn der Freundschaft vor allem mit Erich Imdorf und dessen Kusine Hanna Cohen geb. Imdorf. Erich Imdorfs Herzlichkeit hatte mehrere Besuche der Franzens in Israel zur Folge. Die Freundschaft bezog bald viele Mausbacher mit ein, fand leider ein vorläufiges Ende mit dem frühen Tod von Erich Imdorf, seiner Frau Frometh und Bruder Walter, aber das vertraute Miteinander mit Imdorf-Nachkommen entstand wieder bei der „Stolperstein“-Verlegung, als sieben Nachfahren „die alte Heimat“ 2016 wieder besuchten.

Gegenüber dem alten Mausbacher Rathaus berichtete Dr. Ingermann von der Machtergreifung der Nazis, der Absetzung des beliebten Bürgermeisters Bücken und der Ernennung von Hans Lambertz, Inhaber des goldenen Parteiabzeichens und SS-Sturmbannführer, der sich gleich über alle bisher geltenden Gesetze und Richtlinien hinwegsetzte. Am vierten Tag seiner Amtszeit ließ er als erstes vier Kommunisten festsetzen. Horst Meuser aus Gruppe Z – Stolberg nannte eine ganze Reihe von Menschen aus der Gemeinde, die sich den Nazis nicht anpassen wollten und dafür leiden mussten. Sie galten nach dem Krieg als „politisch Geschädigte“, die geringfügig entschädigt wurden.

Der abschließende Bericht war einem dieser „politisch Geschädigten“, nämlich Wilhelm Kohlen gewidmet. Karen Lange-Rehberg von Gruppe Z – Stolberg widmete ihm eine Würdigung seines Einsatzes und seiner Leiden. Seine Einsatz für SPD, Reichsbanner und Arbeiterwohlfahrt musste er bezahlen mit mehreren Verhaftungen, zuletzt im Konzentrationslager Sachsenhausen bis Ende 1945. Als Bürgermeister von Gressenich setzte er sich vehement für Entnazifizierung ein, machte sich nicht beliebt damit. Er blieb bis 1956 Landrat und starb 1964. Für viele waren diese zweieinhalb Stunden in der Sommerhitze anstrengend, aber beim Pfarrfest der Mausbacher erholte man sich bald.

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