Hinrichtungen gab es früher auch in Stolberg

Der Tag gegen die Todesstrafe : Auch in der Stolberger Burg ging es um Leben und Tod

Auch wenn es die Todesstrafe in Deutschland nicht mehr gibt: Der Tag gegen die Todesstrafe findet dennoch am 10. Oktober statt. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Damals wurde gefoltert und getötet - auch in Stolberg. Wo ist das geschehen? Und welche Fälle sind überliefert?

Schöne Aussicht: Das ist auf einem großen Plakat von der Straße Trockener Weiher aus zu lesen. Dort entsteht das Neubaugebiet Stadtrandsiedlung. Die meisten Grundstücke sind bereits verkauft, und in den kommenden Jahren werden etliche Menschen dort ihr neues Zuhause erschaffen. Was viele von ihnen allerdings nicht wissen dürften: Die Aussicht dort war nicht immer schön. Im 16. Jahrhundert nannte man das Gebiet zwischen den heutigen Straßen Trockener Weiher und Otto-Lilienthal-Straße Galgenberg. Der Name war Programm und längst nicht der einzige Ort, an dem damals Hinrichtungen stattgefunden haben sollen.

Bevor es zu den Hinrichtungsstätten geht, stehen allerdings zunächst einmal Gericht und Folterorte im Fokus. Ein Dokument, wonach es in Stolberg einen Gerichtssaal gegeben hat, existiert nicht. Der aktuelle Forschungsstand geht dennoch davon aus – und das gleich aus mehreren Gründen, wie Stadtarchivar Christian Altena erläutert. Die Aussage, dass das Gericht auf die Stolberger Burg verlegt wurde, sei vorhanden. Was belegt ist: Damals – also im frühen 16. Jahrhundert – wurde ein Anbau errichtet und mit großen Fenstern ausgestattet. Das sei ein Indiz dafür, dass dieser Ort, in dem heute übrigens das Trauzimmer untergebracht ist, als Gericht fungiert habe. „Es war eine mittelalterliche Tradition, Gerichtsgebäude mit großen Fenstern auszustatten.

Bei diesen Hochgerichtsprozessen ging es um Leben und Tod. Und die fanden damals immer in der Öffentlichkeit statt“, so Altena. So hätte man dem Gericht nie den Vorwurf machen können, nicht transparent zu sein. Immer wieder werde allerdings behauptet, dass sich in diesem Raum die Kemenate befunden habe. Das kann Altena allerdings widerlegen. Schließlich ist eine Kemenate ein Zimmer, das beheizt ist. Doch dieser Raum besaß keinen Kamin. Als Wohnraum wurde er deshalb nicht genutzt. Für einen Gerichtssaal hingegen sei kein Kamin nötig gewesen.

Was allerdings schriftlich überliefert ist: Im Jahr 1808 wurde im benachbarten Eschweiler an der Dürener Straße Ecke Kolpingstraße das Friedensgericht errichtet. Und dafür wurden damals Stühle und eine Uhr aus der Stolberger Burg nach Eschweiler gebracht. Ab diesem Zeitpunkt gehörte das Gericht in Stolberg der Vergangenheit an.

Auch einen Gefängnisturm soll es damals gegeben haben, wie dieses Bild aus dem Jahr 1821 zeigt. Foto: Stadtarchiv Stolberg

Zwei weitere Gründe, die dafür sprechen, dass es in der Burg ein Gericht gab: In Überlieferungen aus dem 19. Jahrhundert heißt es, dass in dem Kellergewölbe darunter Ringe und Ketten in die Mauern eingelassen seien. Für Altena ein Indiz dafür, dass dort gefoltert wurde. Was sicher ist: Dort, wo heute der Kräutergarten angesiedelt ist, stand früher ein Gefängnisturm. Belegt wird dies auch durch mehrere Zeichnungen, die einen zwei- bis dreigeschossigen Bau zeigen. Eine dieser Zeichnungen stammt aus dem Jahr 1821. Nur wenige Jahre später existiert der Turm allerdings nicht mehr. Er stürzte ein. „Der Turm wird damals wie eine Art mahnender Fingerzeig für die Bevölkerung gewesen sein“, meint Altena.

Angenommen den Verbrechern wurde damals in der Burg der Prozess gemacht, sie kamen solange im Gefängnisturm – in dem es laut Überlieferungen übrigens ebenfalls Überreste von Ringen und Ketten im Gemäuer gab – unter und wurden im Kellergewölbe gefoltert, wo wurde das Urteil anschließend ausgeführt?

Das soll an zwei Orten in Stolberg stattgefunden haben. Im 16. Jahrhundert soll genau dies in der Henkerei stattgefunden haben. Im Laufe der Jahre ist das H weggefallen und daraus wurde die Enkerei. Damals soll dieser Ort außerhalb der Siedlung genutzt worden sein, um die Verurteilten hinzurichten. Dass in der Henkerei der Henker gewohnt habe soll, sei übrigens „Unfug“, meint Altena. Es sei unwahrscheinlich, dass dieser Ort nach einem Wohnort benannt worden sei, sondern vielmehr beziehe sich der Name auf die Tätigkeit, die dort einst ausgeübt wurde. Nachdem in der Enkerei der Kupferhof erbaut wurde, verlegte man das Hinrichten an den Galgenberg.

Dabei handelte es sich um einen besonderen Ort. Denn dieser befand sich damals direkt an der Grenze zum benachbarten Eschweiler. Dort soll allerdings im 18. Jahrhundert Schluss gewesen sein. Warum die Hinrichtungen nicht auf dem Marktplatz stattfanden? Man wollte, dass dieses Geschehen sich nicht innerhalb, sondern außerhalb der Siedlung abspielte, so Altena. Was dort genau geschah? Die einzige schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahr 1542.

Dort, wo heute die Enkereistraße ist, war früher die Henkerei angesiedelt. Foto: ZVA/Sonja Essers

Damals wurde ein geflohener Gefangener auf dem Stolberger Stadtgebiet aufgegriffen, verurteilt, mit dem Schwert hingerichtet und auf das Rad geflochten. Daran, dass dies allerdings auch tatsächlich so geschehen ist, hegt Altena Zweifel. Denn: „Mit einem Schwert sind damals nur Adlige hingerichtet worden. Und wenn in Stolberg ein Adliger aufgegriffen worden wäre, dann hätten wir darüber vermutlich viel mehr gewusst. In diesem Fall ist das, was überliefert ist und das, was wirklich passiert ist, sehr dünn.“

Dass der Geflohene gerädert wurde, sei wiederum durchaus realistisch. Damals sei es Gang und Gäbe gewesen, zu rädern – also ihnen gewaltsam die Gliedmaßen zu brechen, sie dann auf ein Rad zu flechten und den Vögeln zum Fraß auszusetzen. Der Fall von 1542 ist übrigens der einzige, der in den geschichtlichen Dokumenten auftaucht. Unterlagen oder Überlieferungen zu weiteren Prozessen gibt es nicht. „Es könnte sein, dass in diesem Gerichtssaal nie etwas passiert ist“, meint Altena. Im Archiv gebe es lediglich Schriftstücke, in denen festgehalten wurde, dass ein „Gericht am üblichen Ort tagte“.

Was allerdings belegt ist: Im 18. Jahrhundert gab es in Stolberg ein großes Problem mit dem sogenannten Messerziehen. Bei etlichen Messerstechereien richteten sich Männer gegenseitig so schlimm zu, dass sie nicht mehr arbeiten konnten. Unvorstellbar in einer Zeit, in der selbst Kinder und ältere Menschen arbeiten mussten, erklärt Altena. Und wie sah die Strafe für dieses Vergehen aus? Wer sich strafbar gemacht hatte, musste entweder 25 Goldgulden zahlen oder wurde an den Pranger gestellt und zwar auf dem alten Marktplatz, damit jeder Mitbürger den Übeltäter sehen konnte.

Übrigens: Damals war die Todesstrafe eine Möglichkeit, Buße zu tun und sich von seinen Sünden wieder zu reinigen. Wurde ein Verbrecher hingerichtet, hat sich die Bevölkerung Glück davon versprochen, ihn vorher zu berühren oder Überreste zu ergattern. Dass ein Straftäter zu einer lebenslangen Haft verurteilt wurde, sei damals – in einer Zeit, in der nahezu jedes Mitglied der Gesellschaft arbeiten musste – undenkbar gewesen. Das sei eine andere Denkweise gewesen als heutzutage, meint Stadtarchivar Christian Altena.

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