Stolberg: Helfer auf vier Pfoten nehmen Angst und Scheu

Stolberg : Helfer auf vier Pfoten nehmen Angst und Scheu

Nepomuk und Minou könnten unterschiedlicher kaum sein — und damit ist nicht nur die Farbe ihres weichen Fells gemeint. Während der neunjährige Nepomuk sich von rein gar nichts aus der Ruhe bringen lässt, begrüßt die sechs Monate alte Minou aufgeregt jeden Besucher. Das soll sich allerdings bald ändern.

Schließlich soll der Jungspund von seinem erfahrenen Kollegen lernen, damit er einst dessen Aufgaben übernehmen kann. Nepomuk ist nämlich kein gewöhnlicher Hund. Er ist ein sogenannter Pädagogikbegleithund und aus dem Stolberger Pflegekinderdienst nicht mehr wegzudenken.

Ein Eisbrecher

Seit rund einem Jahr ist Nepomuk nun im Einsatz und die tiergestützte Pädagogik nimmt in der Arbeit von Franziska Salehi und ihren Kollegen einen immer größeren Stellwert ein. „Unsere Hunde leisten einen unglaublichen Beitrag“ sagt Salehi, die gemeinsam mit Nepomuk die sechsmonatige Ausbildung zum Begleithundeteam gemacht hat. Minou soll in seine Fußstapfen treten. Die Ausbildung kann allerdings erst starten, wenn das Tier 18 Monate alt ist.

So sammelt die schwarz-weiße Hündin derzeit noch jede Menge Erfahrungen im Umgang mit Klein und Groß. Dabei haben Nepomuk und Minou verschiedene Aufgaben. Auf der einen Seite haben sie oft die Funktion von Eisbrechern. Durch die Hunde fällt es den Mitarbeitern des Pflegekinderdienstes oft leichter, Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen herzustellen. Ist das Eis dann erst einmal gebrochen, sind Kinder und Jugendliche meist ganz angetan. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder strahlen, wenn sie zu uns kommen“, sagt Salehi.

Und das sei keineswegs selbstverständlich. Schließlich gebe es immer wieder Kinder und Erwachsene, die vor einem Besuch beim Pflegekinderdienst Scheu haben. „Das Jugendamt ist für manche Kinder mit Angst besetzt“, sagt auch Abteilungsleiterin Christine Stadler. Sind Nepomuk und Minou allerdings da, trete häufig ein Entspannungszustand ein — auch bei den Erwachsenen. Vor allem in schwierigen Gesprächen oder in Krisensituationen, sorgen die Hunde dafür, dass Spannungen abgebaut werden. Die Taktik von Nepomuk ist einfach aber wirkungsvoll: Merkt das Tier, dass Spannungen aufkommen, fordert es Streicheleinheiten ein.

Eigene Herkunft kennen

Neben der tiergestützten Pädagogik ist auch die Biografiearbeit aus dem Alltag von Franziska Salehi und ihren Kollegen Vanessa Jopke, Nadine Dujardin und Heinz-Josef Labs nicht mehr wegzudenken. Ein Fachbereich, der in den vergangenen Jahren an Bedeutung zugenommen hat, weiß Jugendamtsleiter Willy Seyffarth. „Ohne die Biografiearbeit könnte man die Arbeit im Pflegekinderdienst gar nicht mehr leisten. Sie ist unerlässlich, um eine gute Sozialarbeit leisten zu können“, sagt er.

Warum es für Kinder und Jugendliche wichtig ist zu wissen, woher sie kommen? „Oft geben sich Kinder für ihre Situation selbst die Schuld“, sagt Nadine Dujardin. Aus diesem Grund sei es wichtig, so früh wie möglich mit der Biografie zu beginnen — vorausgesetzt das Kind möchte sich damit auseinandersetzen.

Nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft spielen dabei eine wichtige Rolle. „Es ist wichtig, dass wir den Blick weg vom Defizit nehmen, hin zur Stärkung“, sagt Labs. Wenn ein Kind wisse, wo es herkomme, könne es davon auch profitieren. Deshalb sei es wichtig, an einer wertschätzenden Haltung gegenüber seiner Herkunftsfamilie zu arbeiten.

Eine von vielen Aufgaben, bei der Pflegekinderdienst, Kinder, Pflegeeltern und die Herkunftsfamilie an einem Strang ziehen müssen. Besonders intensiv ist die Begleitung durch den Pflegekinderdienst bei der sogenannten Bereitschaftspflege, für die Familien gesucht werden (siehe Infobox). Bei dieser nimmt die Pflegefamilie ein Kind für einen bestimmten Zeitraum auf — bis geklärt ist, wo dieses in Zukunft leben kann. „Das ist ein großer Spagat, den die Pflegefamilien leisten müssen. Auf der einen Seite schenken sie unheimlich viel Wärme und Zuneigung, auf der anderen Seite müssen sie aber auch wieder loslassen können“, sagt Christine Stadler. Deshalb seien für diese Aufgabe gefestigte Persönlichkeiten gefragt.

Wichtig sei zudem auch der Austausch mit anderen Pflegeeltern. Außerdem steht der Pflegekinderdienst in regelmäßigem Kontakt mit dem Arbeitskreis Pflegeeltern. Elterncafés zu bestimmten Themen sollen ebenfalls in Zukunft initiiert werden. „Wir wollen ganz nah dran sein“, sagt Christine Stadler. So wie Nepomuk und Minou, die mit bestem Beispiel vorangehen.

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