Stolberg: „Goethe” soll ein „Haus des Lernens” werden

Stolberg: „Goethe” soll ein „Haus des Lernens” werden

Auf dem Lehrerparkplatz vor dem Goethe-Gymnasium sucht man sein Auto derzeit meist vergebens: Bernd Decker hat sich passend zur neuen Aufgabe auch ein neues Sportprogramm verschrieben. Aus der Heimat in Kornelimünster fährt der neue Schulleiter (fast) jeden Tag die rund 6,5 Kilometer bis zur Liester mit dem Rad.

Die Strecke kennt der 44-Jährige bestens, schließlich ist er an dem Gymnasium seit zwölfeinhalb Jahren als Mathe-, Physik- und Informatiklehrer aktiv. Nur seine Tätigkeit hat sich grundlegend verändert: Sechs Unterrichtsstunden pro Woche müssen reichen, stattdessen stehen jetzt Verwaltungsaufgaben, Personalführung und Organisation auf seinem persönlichen Stundenplan.

Am 1. August hat Decker die Schulleitung übernommen. „Das ging von Null auf Hundert”, sagt er. „Wir haben ja einen richtigen Umbruch, sieben neue Lehrkräfte mussten eingeführt werden, vieles war in den Ferien zu regeln.”

Einen Umbruch erlebt auch das Schulleitungsteam, nachdem nicht nur Deckers Vorgängerin Stefanie Luczak, sondern auch fünf Lehrer das Kollegium verlassen haben. Und auch wenn das Schuljahr erst vor drei Wochen begonnen hat, im Einsatz ist Decker seit seiner Amtseinführung eigentlich jeden Tag.

Wenig Persönliches

Elf Jahre lang hatte Stefanie Luczak die Schule geprägt, nun hat sich ihr Nachfolger im Rektorenbüro neben dem Sekretariat eingerichtet. Es wirkt noch sehr aufgeräumt, persönliche Gegenstände finden sich kaum, sieht man einmal von dem großen Geokalender mit Naturaufnahmen ab und von einigen Blumen - Geschenke zu seiner Amtseinführung. Die Zahl der Aktenordner lässt sich an einer Hand abzählen - der Informatiker vertraut halt auf digitale Speichermedien.

Sein neuer PC ist schon da, weitere Computer sollen folgen, wenn der Erweiterungsbau nebenan fertig ist. Ein „Haus des Lernens” soll die Schule werden, der Neubau dafür symbolisch stehen. Neben der Mensa entstehen dort Räume für selbstständiges und selbstgesteuertes Lernen, die neue Bibliothek, PC-Räume für die Recherche.

„Zum Haus des Lernens gehört aber auch, dass wir Räume für Bewegung schaffen”, sagt Decker. Eine Kletterwand in der Turnhalle wird demnächst eingeweiht, weitere Bewegungsangebote sind in Planung. „Die Schule wird immer mehr zu einem Lebensmittelpunkt”, sagt Decker, deshalb müsse auch das soziale Miteinander weiter gefördert werden. Ressourcen sieht der Schulleiter in der gegenseitigen Hilfe von Schülern, zum Beispiel bei der Hausaufgabenbetreuung oder Unterstützung bei Problemen mit dem PC.

Nicht Lebens- aber zumindest Arbeitsmittelpunkt wird die Schule auch immer mehr für die Lehrer. Sie bekommen ebenfalls Arbeitsräume im Neubau, darüber hinaus sollen sie sich auch gegenseitig befruchten. Teams werden gebildet für verschiedene Aufgabenbereiche, darüber, hofft Decker, sollen sich Kooperationen auch im Unterrichtsalltag bilden. „Lehrer waren bisher Einzelarbeiter”, sagt der Schulleiter, doch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, sei groß in dem jungen Kollegium.

Während organisatorisch schon einiges auf den Weg gebracht ist, sind die räumlichen Voraussetzungen dafür aber noch Zukunftsmusik. Frust komme dennoch nicht auf, sagt Decker mit Blick auf die Baustelle vor seiner Tür. Am 14. Juni war - nach langem Hickhack - der erste Spatenstich für den Neubau. Außer Erdarbeiten ist seitdem aber noch nicht viel passiert. „Ich bin aber optimistisch, dass wir in den kommenden Osterferien Einweihung feiern können”, sagt Decker.

Optimistisch ist der Schulleiter auch, was das Profil der Schule betrifft. Neben dem bilingualen Zweig seien die Naturwissenschaften als zweiter Schwerpunkt seit zwei Jahren am „Goethe” etabliert. „Das war und ist mein Projekt”, sagt Decker. „Wir haben damit einen innovativen Weg eingeschlagen, das praktische Experimentieren steht im Vordergrund.”

Ausgebaut werden soll das Programm, für das gerade die Jüngsten leicht zu begeistern seien, in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen, mit der die Schule auch im Rahmen der Begabtenförderung kooperiert. Er hat sich viel vorgenommen, der altbekannte Neuling am Ruder der Schule. „Mein eigener Alltag hat sich völlig verändert”, sagt Decker und lacht. „Man braucht gute Nerven, aber es macht auch Spaß, weil die Aufgaben vielseitig sind und ich merke, dass ich etwas gestalten kann.”

Dankbar ist Decker für das „ausgesprochen gute Klima” an der Schule. Nur das Abschalten vom Job, dass müsse er erst wieder lernen, sagt der leidenschaftliche Radfahrer. Beim Sport könne er das ganz gut, und deshalb wird man ihn wohl auch in Zukunft häufiger mit dem Rad auf dem Schulweg sehen.

G8: „Kein Grund, das Rad zurückzudrehen”

Die neue Landesregierung möchte den Gymnasien freistellen, ob sie weiter an G8 (Abitur nach 12 Schuljahren) festhalten oder wieder zur 13-jährigen Schullaufbahn zurückkehren. Sollte es dazu kommen, spricht sich Decker klar für G8 aus.

Das „Goethe” habe sich für den gebundenen Ganztag entschieden, um die höhere Belastung zu bewältigen. Auch habe man das Doppelstundensystem eingeführt, wodurch auch an langen Tagen nie mehr als vier Fächer unterrichtet würden, und man bekomme vom Land mehr Lehrerstellen.

Den Ärger von Eltern und Schülern über G8 könne er dennoch nachvollziehen, sagt Decker, da es „mit heißer Nadel gestrickt” worden sei. Die Kernlehrpläne seien erst vor Kurzem gekommen und man sei immer noch dabei, die passenden Lehrbücher zu kaufen. Das alles habe natürlich für Unmut gesorgt, dennoch sagt er: „Ich will der Entscheidung der Schulkonferenz nicht vorgreifen, hielte es aber für falsch, das Rad zurückzudrehen.”

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