Gleich und doch anders: Stolberger Ansichten über Jahrzehnte

Stolberger Ansichten | Damals und Heute : Firmen-Boom in Stolberg vor 400 Jahren

Frisches Grün im Hintergrund der „Stolberger Ansichten“ ist ja eigentlich nichts besonderes, aber der wüste Hintergrund des Kupferhofes Weide auf dem historischen Foto von 1866 ruft Staunen und Schaudern hervor. Etwa einhundertfünfzig Jahre liegen zwischen den beiden Abbildungen und man stellt fest: baulich hat sich jedoch nicht viel verändert.

Nun die Geschichte des Kupferhofes von vorn, natürlich in gegebener Kürze.

Im frühen 17. Jahrhundert beginnt sie, wie die so vieler Kupferhöfe Stolbergs. 1598 bewirkte die erste Reichsacht über Aachen den Zuzug von Kupfermeistern nach Stolberg, die zweite von 1614 ließ vermutlich Simon Lynen nach Stolberg kommen. Als unerwünschte Protestanten sollten sie die Reichsstadt verlassen. Für ihr Unternehmertum war es aber ein befeuernder Impuls. Zuvor betrieb Lynen schon einen Kupferhof in Eilendorf und gründete nun zusammen mit seiner 1615 geehelichten Frau Johanna Schleicher im selben Jahr den Hof Weide. Er befand sich in erlauchter Nachbar- und Verwandtschaft. Seine Gattin die Enkelin von Leonhard Schleicher, dem ersten in der Kupferstadt – , die eigentlich eine Messingstadt ist – ansässigen Kupfermeister.

Sein Nachbar Jeremias Hoesch auf dem 1611 von ihm neu erbauten Hof Krautlade einerseits, der Unterste Hof als Kupfermühle 1612 von Franz Östringer und Servas von der Weiden erbaut andererseits. Drei Manufakturgründungen innerhalb von vier Jahren, weitere kurz zuvor und danach im ganzen unteren Vichttal – man würde es heute Boom nennen, was sich da abspielte. Architektonisch wie wissenschaftlich lässt sich der Aufbau dieses Kupferhofes besonders gut nachvollziehen. Viel ist in der Kupfermeistergeschichte noch zu untersuchen und nur wenige Höfe sind so gut erforscht wie die Weide durch Kurt Schleicher.

Das historische Foto zeigt den großen Hof überragt vom Herrenhaus des Kupferhofes, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und als kleineres Wohngebäude wiedererrichtet wurde. Davor lag ursprünglich noch der Weider Bend und ein Weiher. Die Wiesen und Weiher der Kupferhöfe überdauerten fast nie den modernen Städtebau. Der mittige Torturm wurde 1905 von Emil Schleicher umgestaltet, ebenso der Giebel rechts im Bild. Der Eigentümer, Industrielle und Bauherr brachte an seiner Wohnstätte im benachbarten Untersten Hof historisierende Jugendstilgestaltungen zur Anwendung bei einem umfassenden Ausbau, beim Hof Weide sollte es der Stil der deutschen Renaissance sein.

Baulich hat sich nach etwa einhundertfünfzig Jahre nicht viel verändert. Foto: Christian Altena

Die originale, nämlich einfache wie pragmatische Architektur zeigt das historische Foto. Repräsentativ genug war im 17. Jahrhundert der Torturm an sich und die Breite der Fassade, da konnte das Dachhäuschen auch außerhalb der Mittelachse den Dachraum belichten. Ein mittiger Dachsparren machte dies notwendig. Unnötiges Dekor sucht man vergebens. Im rechten Flügel des Torbaues waren Ställe, Remisen und Werkstätten untergebracht. Im linken u. a. das „Comptoir“, also Kontor bzw. Büro in heutiger Sprache, und ein Tiegellager. Bis 1866 wurde schließlich eine Messinggießerei mit acht Öfen im hinteren Hofbereich betrieben. Das Herrenhaus besaß neben zahlreichen Wohnstuben einen repräsentativen Salon.

Und eine bauliche Besonderheit ergänzten die neuen Besitzer von 1723. Theodor Peltzer, zeitweise auch Bürgermeister der Stolberger Gemeinde, und seine Frau Margarete Prym hatten den Hof übernommen und wie so oft brachte dies Umbauten mit sich. Der Torturm erhielt das große Barockfenster, das bis heute erhalten ist – wenn auch ohne die obligatorischen Fensterläden seiner Zeit. Man hatte eine „Kupferkammer“, eigentlich wohl eher „Showroom“, wie man neudeutsch sagt, für Lagerung und Präsentation der Messingprodukte aus eigener Herstellung gegenüber des Herrenhauses angelegt. Klein, aber mit repräsentativer Fassade in ordentlichen Mergelsteinlagen.

Ähnlich gediegen waren nur die zeitgleich entstandenen Fassaden der Herrenhäuser der Höfe Rosenthal und Stöck. Das war subtile Prachtenfaltung puritanischer Protestanten. Das Allianzwappen über der Tür bewies, dass der kleine Bau mehr als eine funktionale Kammer war. Das aktuelle Foto zeigt eine historische Wohnanlage an der Europastraße inmitten von Grün, das wieder sprießen konnte, nachdem die Zinkhütte in Münsterbusch um 1890 den Langen Hein errichtet hatte. Lange hatte Emil Schleicher gegen die Firma prozessiert, deren giftige Emissionen jegliche Vegetation auf seinem Grund abtötete. Als die Schwefelverbindungen in höhere Luftschichten abgeführt wurden, konnte Emil Schleicher das Terrain wieder als Park begrünen. Nicht anders muss die Situation im Jahr 1615 ausgesehen haben, als die Hofanlage gegründet wurde.