G8 zu G9: Ritzefeld- und Goethe-Gymnasium Stolberg bereiten sich vor

Rückkehr zu G9 : Früher Schulschluss, mehr Lernzeit und bessere Allgemeinbildung

Im Sommer ist die mit 14 Jahren doch recht kurz geratene Phase G8 Geschichte: Dann kehren die Stolberger Gymnasien wieder zu G9 zurück. Sowohl das Ritzefeld- als auch das Goethe-Gymnasium haben sich nicht dazu entschieden, bei der verkürzten Schulzeit zu bleiben.

Wie die Vorbereitungen auf das kommende Schuljahr aussehen, was sich für Schüler und Lehrer ändert und was sie von der Umstellung halten, erklären die Schulleiter der beiden Gymnasien. Bernd Decker, Leiter am Goethe-Gymnasium, ist zwar Freund von der Umstellung, kritisiert aber, dass der erneute Umschwung schon mit viel Aufwand verbunden ist. „Es ist sehr viel Organisationsarbeit in der Schulleitung und bedeutet für alle Lehrer Mehrarbeit“, berichtet er. Die Systemänderung sei keine Kleinigkeit, sie beschäftige einen hingegen über lange Zeit, denn es dauere, bis sich neue Arbeitsweisen einschleifen. „Die gewonnene Routine können wir wieder über Bord werfen“, sagt Decker.

Es brauche viel Energie, die Umwandlung zu stemmen. Decker ist durchaus Befürworter des G9-Modells, zum Versuch der verkürzten Schulzeit findet er relativ klare Worte: „Es ist keine Erfolgsgeschichte, wenn man nur etwas mehr als zehn Jahre G8 macht und dann wieder in die andere Richtung fährt.“

Die Vorbereitungen auf die Zeit nach G8 laufen am Goethe-Gymnasium bereits auf Hochtouren. Anfang des laufenden Schuljahres habe es eine Vorabversion der Stundentafel von der Regierung gegeben, in der steht, wie sich die Schulstunden auf Fächer und Jahrgänge verteilen. „Damit wird ein Rahmen vorgegeben, es werden ganz starke Leitplanken gesetzt“, erklärt Decker. Trotzdem lässt der Plan auch einen gewissen Spielraum für schuleigene Anpassungen.

Zum Beispiel wird vorgeschrieben, dass Informatik als zweites Wahlpflichtfach angeboten werden muss. Man kann es darüber hinaus auch als Pflichtfach einführen, wenn man es denn möchte. Das Goethe-Gymnasium hat sich dafür entschieden: „Bei uns wird Informatik dann mit zwei Stunden als Pflichtfach eingeführt“, erzählt Decker. Weitere Anpassungen sind die Beibehaltung des bilingualen Zweiges und der Fokus auf individuelle Förderung im Fach Mathematik.

„Die wesentlichste Änderung wird aber sein, dass der Unterricht kürzer wird“, betont Schulleiter Decker. Die Kinder und Jugendlichen sitzen dann nicht mehr bis 15.45 Uhr in der Schule, wie es bisher der Fall war. „Um 15 Uhr ist für alle Schluss“, sagt Decker. Die Umstrukturierung geht sogar so weit, dass der eigentliche Unterricht am Vormittag stattfinden soll, der Nachmittag wird gefüllt mit Lernzeit und AGs. „Der Schulalltag verändert sich schon ganz deutlich“, bilanziert Decker.

Mehr Zeit für Vereine

Die Meinung in der Schulkonferenz am Goethe-Gymnasium war eindeutig: Keines der 18 Mitglieder oder der Schulleitung wollte beim sogenannten Turbo-Abi bleiben. „Letztlich ist es richtig, den Kindern mehr Freiraum zu geben“, findet Decker. Schule habe zu sehr im Fokus gestanden, freiwillige Zusatzangebote und Vereinsarbeit sei deshalb nicht mehr so intensiv wahrgenommen worden. Decker verspreche sich von der Umstellung, dass das Vereinsleben davon profitiere. „Was auch stark abgenommen hat, war ein Auslandsaufenthalt während der Schulzeit“, fügt er hinzu.

Er betont aber auch, dass unter G8 nicht alles schlecht war: „Die öffentliche Wahrnehmung war deutlich schlechter als die Meinung der meisten Schüler selbst.“ G8 habe dafür gesorgt, dass der oft beschriebene Leerlauf in Jahrgangsstufe 11 gestoppt wurde. Dass dieser sich wieder einschleichen wird, wenn die erneute Umstellung erfolgt ist, glaubt Uwe Bettscheider, Schulleiter am Ritzefeld-Gymnasium, allerdings nicht. „Man kann den Unterricht jetzt besser mit Inhalt füllen und Themen vertiefen, dafür war vorher oft keine Zeit.“

Durch die Bank habe er ein niedrigeres Niveau in der Oberstufe festgestellt. „Ich habe gemerkt, dass die Vorkenntnisse der Schüler deutlich schlechter waren, obwohl sie nicht weniger gymnasial geeignet waren“, berichtet Bettscheider. Deshalb begrüßt er die Rückkehr zu G9 in jeder Hinsicht. „Die vertiefte Allgemeinbildung, die man an deutschen Gymnasien dann wieder erhält, ist etwas Besonderes im internationalen Vergleich“, ist er sich sicher. Das sei die große Stärke unseres Schulsystems.

Uwe Bettscheider, Schulleiter am Ritzefeld-Gymnasium, erwartet gespannt die Lehrpläne der Regierung. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Auch am Ritzefeld-Gymnasium war man sich einig, dass man dem Standard folgt und zu G9 zurückkehrt. Den kommenden Übergang hält Bettscheider für deutlich einfacher als vor 14 Jahren, als zum Schuljahr 2005/06 G8 eingeführt wurde. „Die größte Herausforderung ist, eine neue Stundenverteilung für die Sekundarstufe I aufzustellen und die internen Lehrpläne zu erarbeiten“, erzählt er. Dazu findet am Aschermittwoch ein pädagogischer Tag statt, nachdem Ende Februar die Kernlehrpläne der Landesregierung zur Verfügung gestellt werden. „Aber es ist jetzt natürlich einfacher, da man entscheiden muss, wie man die zusätzliche Zeit sinnvoll nutzt“, erklärt Bettscheider, „aber man muss nichts aus dem Lehrplan streichen“.

Als Beispiel nennt er das Fach Geschichte: Wenn man dort ein Thema in zwei Stunden abhaken müsse, könne man nicht alles behandeln, sondern müsse Schwerpunkte setzen. Das führe dazu, dass man die weiteren Entwicklungen auch nicht vollständig verstehen kann. „Das Ziel der neuen Kernlehrpläne ist, die Nachteile von G8 auszugleichen“, sagt Bettscheider. Man habe mehr Zeit für alles, könne mehr in die Tiefe gehen und mehr Übungsphasen anbieten. Allgemein ist er der Meinung, dass die Rückkehr zu G9 der richtige Schritt und das richtige Signal der Politik waren: „Man kann Dinge ausprobieren, aber wenn es nicht das Richtige war, muss man es wieder anders machen. Es weiß keiner, was der goldene Weg ist.“

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