Stolberg: Für Pflegekinder wird es in Stolberg eng

Stolberg : Für Pflegekinder wird es in Stolberg eng

Den Polizeieinsatz im vergangenen Sommer wird Sebastian Heyn so schnell nicht mehr vergessen. „Da mussten wir kurzfristig drei kleine Kinder aufnehmen und sind an unsere Grenzen gestoßen“, kann sich der Leiter der „sozialpädagogischen Sonderdienste“ im Stolberger Jugendamt noch sehr genau an jenen denkwürdigen Tag erinnern.

Es war der Tag, an dem die Nachfrage zum ersten Mal das Angebot überstieg und die Stadt nur mit sehr viel Mühe noch die drei in Not geratenen Geschwister unterbringen konnte. Entspannt hat sich die Situation seitdem nicht mehr. Im Gegenteil: „Die Bereitschaftsstellen brechen uns förmlich weg“, hat Heyn eine dramatische Entwicklung bei den verfügbaren Pflegeplätzen für Kinder in Stolberg ausgemacht.

Sebastian Heyn hofft, die Zahl der Pflegestellen für Kinder in Stolberg erhöhen zu können. Foto: M. Grobusch

Dem will das Jugendamt nun mit einem öffentlichen Aufruf entgegenwirken — in der Hoffnung, dass sich neue potenzielle Pflegeeltern melden und somit Kindern, die von ihren leiblichen Eltern getrennt werden müssen, auch in Zukunft vorübergehend oder auf Dauer ein neues Zuhause geboten werden kann.

„Wir bevorzugen die familienanaloge Unterbringung. Vor allem kleine Kinder brauchen Nestwärme. Die kann man nicht einfach in einem Heim unterbringen“, stellt Heinz-Josef Labs fest. Und benennt damit den Grundsatz, den er und seine Kolleginnen beim städtischen Pflegekinderdienst verfolgen. Mit zunehmender Mühe allerdings.

„Wir verzeichnen eine starke Zunahme von jungen, zum Teil noch minderjährigen Müttern, die mit einem Kind überfordert sind oder dieses ablehnen“, berichtet Sebastian Heyn. Dies habe oftmals nicht nur mit dem Alter, sondern auch mit der eigenen Lebenssituation zu tun. „Es handelt sich häufig um Mütter, die keine eigenen sozialen Ressourcen haben, weil sie diese selbst nie vermittelt bekommen haben“, so der Abteilungsleiter.

Das habe schon vor Schwangerschaft und Geburt drastische Auswirkungen. „Heute haben wir fast keinen Fall mehr, wo nicht wenigstens ein Elternteil eine schwere Störung hat.“ Vor allem psychische Erkrankungen und Drogenprobleme zählen dazu. Seit fünf Jahren in einem besonders auffälligen Maße. „Die Zunahme ist wirklich dramatisch“, wählt Heyn deutliche Worte. Und zu Übertreibungen neigt er sicherlich nicht.

Mutter-Kind-Einrichtung, Bereitschaftspflege, Familienhilfe: Nicht immer müssen die Probleme zwangsläufig zu einer Trennung des Kindes von seinen Eltern führen. Immer öfter aber tun sie das. Dann können Pflegefamilien einen wichtigen Beitrag zur weiteren Entwicklung der betroffenen Kinder leisten.

In der akuten Krisensituation und für einen beschränkten Zeitraum, oder aber bis zur Volljährigkeit. Einen Mangel gibt es derzeit vor allem beim Bereitschaftsdienst. Die Zahl der Plätze für eine langfristige Unterbringung ist ebenfalls nicht (mehr) ausreichend. Gut 60 Pflegestellen gibt es derzeit im Stadtgebiet, mit fast 80 Kindern sind sie allesamt belegt. Auch die sechs Bereitschaftsstellen werden häufig beansprucht.

Keine beruflichen Vorkenntnisse

Interessenten, die eine Pflegestelle anbieten möchten, müssen keine beruflichen Vorkenntnisse mitbringen. „Ganz wichtig ist die Bereitschaft, den Kindern Raum und viel Zeit zu bieten“, nennt Sebastian Heyn ein wesentliches Kriterium. Darüber hinaus müssen sie in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen leben.

Für den Bereitschaftspflegedienst ist es zudem erforderlich, eine 24-Stunden-Verfügbarkeit sicherstellen zu können — jeweils für einen Monat und im Wechsel mit anderen für Notfälle eingerichteten Pflegestellen. Sind diese Voraussetzungen geprüft und erfüllt, kann das Aufnahme- und Ausbildungsverfahren beginnen.

„Pflegeeltern stellen sich einer großen Herausforderung“, macht Sebastian Heyn keinen Hehl aus dem hohen Anspruch, der mit dieser Aufgabe verbunden ist. Zugleich verweist er aber auch auf die Chance, die hilfsbedürftigen Kindern mit der Aufnahme in einer Familie geboten werden kann.

„Das Aufwachsen in intakten Verhältnissen ist ganz entscheidend für das gesamte Leben.“ In diesem Sinne hofft Heyn, mit Hilfe neuer Pflegeeltern die Balance zwischen Angebot und Nachfrage in den nächsten Monaten wiederherstellen zu können.

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