"Freigeist Bierkultur": Sebastian Sauer aus Stolberg macht Craftbeer

Bier zum Geschmackserlebnis machen : Stolberger hat bereits 300 Sorten Craftbeer gebraut

Nicht den Konventionen entsprechen, individuell und neu denken: Das sind die Vorsätze, nach denen ein Freigeist handelt. Als solchen bezeichnet sich Sebastian Sauer, 31 Jahre alt, einer der ersten Craftbeer-Brauer in Deutschland. „Ich bin jemand, der außerhalb der Box denkt“, sagt er über sich selbst. Deshalb hat er sein Unternehmen dann auch „Freigeist Bierkultur“ genannt, mit der entsprechend aussagekräftigen Bedeutung.

„Gerade in der traditionellen deutschen Braukultur gibt es die sehr vorherrschende Meinung, dass man schon alles hat, was man braucht“, erzählt Sauer. Das sieht der Stolberger allerdings anders, er hat unabhängig vom Bier schon immer gerne neue Zutaten und Rezepte probiert. Vor etwa 15 Jahren dann entwickelte sich das Interesse an Bierspezialitäten.

Erst hat er sich die klassischen Sorten im Getränkemarkt zusammengestellt und bewusst mit Freunden getestet. „Die Marken kennt man ja alle, aber probiert hat man viele noch nie“, berichtet Sauer. Beim Bier-Tasting haben sie versucht, die Geschmäcker zu beschreiben und sich eine Meinung zu bilden. Schnell gingen ihnen jedoch die möglichen Sorten aus.

Neue Eindrücke im Ausland

Weil Stolberg in der Grenzregion liegt, hatte Sauer es nicht weit, um belgische und niederländische Biere zu testen. „Das war sehr spannend, weil dort vieles anders war, als man es aus Deutschland kannte“, erzählt er. In Deutschland teile man meist die Auffassung, dass das eigene Bier das beste überhaupt sei, doch das sieht der Unternehmer seit Jahren nicht mehr uneingeschränkt so. Deshalb hat er 2009 Freigeist Bierkultur gegründet und begonnen, alle seine Eindrücke von verschiedenen Sorten und Zutaten in Eigenkreationen zu verarbeiten.

Das erste Bier, das er auf den Markt gebracht hat, trug den Namen „Abraxxxas“ und entstand nach dem historischen deutschen Bierstil „Lichtenhainer“, dessen Rezept Sauer recherchiert hatte. „Es hatte eine rauchige, aber auch säuerliche Note und war schon extrem speziell“, erinnert er sich. Es sei nicht das Bier für jedermann gewesen, darum ging es dem 31-Jährigen damals aber auch nicht. Denn angefangen hat das Brauen als reines Hobby. Dass er damit einmal seine Brötchen verdienen würde, damit hat Sauer zu Beginn nicht gerechnet.

Schnell wurde aber klar: Er hatte mit seinen Kreationen einen gewissen Nerv getroffen. Sauer war Gast auf belgischen Bierfestivals, wurde von italienischen Importeuren angesprochen und machte sich schnell einen Namen in der Szene. Sein erstes Bier „Abraxxxas“ wurde sogar in den USA bekannt. Es folgten Aufträge und Kooperationen in Frankreich, Spanien, Brasilien und Neuseeland. „In Deutschland selbst gab es zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar keine Spezialitäten“, berichtet Sauer.

Demnach hat er damals begonnen, den Trend nach Deutschland zu holen. Seine Firma „Bierkompass“ war eins der ersten Unternehmen, bei dem man die besonderen Biere kaufen konnte. Seit dem Start vor zehn Jahren sind rund 300 Sorten entstanden. Aber wie kommt man überhaupt auf die einmaligen Kreationen?

Ein Faktor sind spontane Einfälle, wie Sauer erklärt. Aber auch von anderen Getränken lässt er sich inspirieren. So hat er zum Beispiel ein Kaffeebier kreiert. „Ich bin ein bisschen ein Geschmacksfetischist, ich probiere gerne alles“, gibt er zu, „man muss seine Zutaten kennen und viel interpretieren können“. Meistens entscheide er nach seinem eigenen geschmacklichen Empfinden, ganz nach dem Motto: Wenn es mir schmeckt, dann schmeckt es auch anderen Leuten.

Die Früchte und Gewürze, die er für seine Biersorten verwendet, findet er überall auf der Welt. Zwischen neun und zehn Monaten im Jahr verbringt der Stolberger nicht in seiner Heimat, sondern auf Reisen. In den letzten Jahren hat er rund 65 Länder besucht, darunter Nordkorea, Peru, Georgien. Zurzeit befindet er sich in Jordanien.

„Bier verbindet Leute“

Dort hat er das Bier „Spiritus Sancti“ entwickelt, das mit lokalen Zutaten gebraut wird. Malz wird dafür über Olivenholz und Weihrauch geräuchert und mit Dattelmelasse und Myrrhe gewürzt. Diese Kooperation zeigt, dass Bier ein sehr universales und internationales Thema ist. „Bier verbindet Leute“, findet Sauer und freut sich darüber, dass in einer Kneipe Menschen unabhängig von Hautfarbe, Religion und anderen Faktoren gemeinsam ihr Bier genießen können.

Nach Jordanien geht es für den Stolberger übrigens nach Schweden und Russland. Bis Mai ist er unterwegs. „Es ist einfach spannend, andere Sichtweisen zu hören und neue Sachen zu probieren“, sagt er. Die Reisen sind für ihn Teil seines Geschäfts. Denn: „Man kann nicht von zu Hause aus lokale Zutaten probieren, das geht nicht am Computer!“ Man könne in fernen Ländern eine riesige Vielfalt von unterschiedlichen Zutaten erleben, in Peru zum Beispiel gebe es tausende Sorten Kartoffeln. „Auch, wenn man nicht direkt was daraus macht, hat man den Erfahrungswert und die Inspiration“, erklärt Sauer, „ich lerne jeden Tag etwas dazu“.

Nach seinen Reisen kommt er deshalb oft mit zahlreichen Ideen wieder nach Hause, die er nicht immer alle umsetzen kann. Denn der 31-Jährige ist nach wie vor Einzelunternehmer ohne Angestellte. Verrückte Dinge wie Tiefkühlpizza oder geräuchertes Ziegenhirn kommen Sauer allerdings nicht ins Bier. „Das hat es alles schon gegeben, aber solche Dinge haben keinen positiven Geschmackseffekt“, findet er. Auch künstliche Geschmäcker sind nicht sein Fall. „Ich arbeite lieber mit richtigen Kirschen als mit Kirscharoma“, lautet seine Einstellung. Und wenn etwas mal nicht klappt, sammelt er eben die Erfahrung für das nächste Bier.