Stolberg: Frau Nitsche und die ewige Suche nach den Verlierern

Stolberg: Frau Nitsche und die ewige Suche nach den Verlierern

Wir sind eine Gesellschaft von Verlieren, dass muss man einfach mal so sagen, und paradoxerweise ist es der große Wohlstand, der uns dazu gemacht hat,

Anders lässt sich nicht erklären, warum Catrin Nitsche so viele Uhren, Schmuckstücke, Handys und Navigationsgeräte hat, dass sie ein ausgeklügeltes System anwenden muss, um den Überblick zu behalten.

Nitsche arbeitet im Bürgeramt der Stadt Stolberg und neben anderen Aufgaben ist sie auch für das Fundbüro zuständig. Und weil dort stets mehr abgegeben als abgeholt wird, gibt es am Mittwoch, 13. Juli eine Fundsachen-Versteigerung im Rathaus (siehe Infobox).

Bürokratie in ihrer reinsten Form

Es ist nicht so, dass die Stadt sich wenig Mühe gibt, verlorene Sachen wieder ihrem Besitzer zuzuführen, im Gegenteil. So eine Versteigerung ist vielmehr das letzte Mittel, um zu verhindern, dass die Mitarbeiter der Verwaltung irgendwann ihre Bürotüren nicht mehr aufbekommen, weil sich davor Navigationsgeräte und Handys Richtung Decke stapeln

Zwischen 60 und 80 Fundsachen werden bei Nitsche Jahr für abgegeben und man kann davon ausgehen, dass tatsächlich noch viel mehr gefunden wird, aber natürlich bringt nicht jeder seine Entdeckung brav zum Bürgeramt. Was aber dort ankommt durchläuft den ewig gleichen Prozess und wenn Nitsche ihn erklärt, dann wirkt es ein bisschen wie ein Vortrag über das Wesen der Bürokratie.

„Für jeder Fundsache”, sagt sie, „wird zunächst mal eine Fundanzeige angefertigt.” Das ist ein kleiner gelber Zettel auf dem Informationen über den Gegenstand, Fundort und -zeit sowie die Daten des Finders notiert werden. Letztere bekommt eine Durchschrift des Dokuments und wenn es zum Beispiel um ein Fahrrad geht, dann bekommt die Polizei auch so einen Zettel. Sie kann dann mit Hilfe der Rahmennummer überprüfen, ob irgendjemand das Gefährt als gestohlen gemeldet hat.

Wenn das Fundstück nicht gerade ein Fahrrad ist, sondern etwas handlicher, dann packt Nitsche es zusammen mit dem gelben Zettel in eine quadratische Klarsichtfolie und wartet darauf, dass es jemand abholen kommt. Meldet sich nach sechs Monaten niemand bei ihr, dann bekommt zunächst einmal der ehrliche Finder die Chance, sich seine Entdeckung zu sichern. Hat auch der kein Interesse daran, dann wandert das Fundstück eben irgendwann in eine der Versteigerungen.

Gesucht: Eine Schafherde

Vorher allerdings werden zumindest Dinge wie Schmuck von einem geschulten Auge geschätzt, um ein realistisches Mindestgebot festlegen zu können. Diesmal hatte die Verwaltung dabei ziemliches Glück, weil ein örtlicher Juwelier kein Geld für seine Dienste nahm, aber auch so werden die Erlöse aus der Versteigerung, die in den städtischen Haushalt fließen, sicher nicht wesentlich dazu beitragen, diesen zu sanieren. Nach dem Ende der letzten Versteigerung lagen gerade einmal 400 Euro in der Kasse.

Diesmal darf es gerne mehr werden, neben den Klassikern wie Schmuck, Handys und Uhren kommen auch einige Fahrräder unter den Hammer. Das kurioseste ist noch ein Motorroller, aber Nitsche hat in der Vergangenheit schon ganz anderes erlebt. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde zum Beispiel ein Käfig am Straßenrand gefunden und darin auch ein Kanariernvogel. „Beim schlimmsten Unwetter saß der da draußen”, sagt Nitsche, „Das arme Tier.”

In solchen Fällen verzichtet man im Fundbüro auf den Einsatz von quadratischen Klarsichtfolien und kontaktiert das Tierheim. Sollte es dessen Mitarbeitern nicht gelingen, den Besitzer ausfindig zu machen, bemüht man sich nach einer bestimmten Frist, einen neuen zu finden.

Nitsche kann auch von dem Menschen der erzählen, der sich bei ihr meldete, weil er ein Wildschwein gefunden hatte und einmal fragte sogar jemand, ob nicht zufällig jemand eine Horde Schafe abgegeben habe. Die Geschichte nahm dann noch ein glückliches Ende, weil die Tiere an einer Stelle vorübergehend den Straßenverkehr lahm legten, bevor sie dem Bauern zurückgegeben werden konnten. Vielleicht hat er dann gezählt, ob auch alle da sind. Ruhiger schlafen konnte er danach allemal.

Nicht zuletzt deswegen mag Catrin Nitsche ihre Arbeit beim Fundbüro so gern, wenn sie morgens aufsteht, weiß sie eben nie so genau, was der Tag und die Finder bringen werden. Nachdem man sich verabschiedet hat, sagt sie noch schnell: „Und vergessen Sie Ihre Tasche nicht!” Stimmt, Arbeit hat sie auch so wirklich genug. Kein Wunder bei den ganzen Verlierern.

Versteigerung von Fundsachen im Rathaus

Am Mittwoch, 13. Juli, werden im Ratssaal des Rathauses Fundsachen versteigert.

Los geht es um 14 Uhr, unter den Hammer kommen Fahrräder, Handys, Schmuck und neben vielen Kleinigkeiten auch ein Motorroller.

Geboten wird in 50-Cent- oder Ein-Euro-Schritten. Mitmachen kann jeder, eine Anmeldung ist nicht nötig.

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