Erinnerungskultur in Stolberg

Auf Spurensuche : Gegen das Vergessen

Auf den Spuren jüdischen Lebens machte sich am Samstagmorgen unter Leitung von Fatima Küster eine Gruppe von Jugendlichen und Erwachsenen, um der Opfer der mörderischen Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus zu gedenken.

Die Tour „Gegen das Vergessen“ startete am Galminusbrunnen, wo Küsters gleich einen Einblick auf die Ereignisse vor genau 81 Jahren gab. Auslöser der Reichsprogromnacht war zwei Tage vorher am 7. November 1938 das Attentat des jungen Herschel Grynszpan auf Ernst Eduard vom Rath, einem Mitarbeiter in der deutschen Botschaft in Paris. Die Naziführung schrie nach „Vergeltungsmaßnahmen“ und gab dies als Parole an die regionalen und lokalen Führer der SA weiter. Mit Benzinkanistern und Hacken bewaffnet und zum Äußersten bereit, machten sich die Schergen (=Vollstrecker) auf den Weg und hinterließen eine Spur der Verwüstung und des puren Hasses. Stolberg hatte damals die Gauleitung für den Kreis Aachen und da war es selbstverständlich, dass sie die furchtbaren Ereignisse und Gewaltverbrechen unterstützten.

Der Stadtrundgang, der historische Fakten vermittelte und Einblicke in die jüdische Kultur gab, führte dann über die ehemalige Adolf-Hitler-Straße - heute wieder Steinweg genannt - bis zu den Hausnummern 15, 56 und 78, wo die geschäftstüchtigen Familien Bernhard Wächter, Sigmund Zinnader und Albert Falkenstein wohnten und dort ihre Schuh- und Spielwarengeschäfte betrieben. Das „Betlocal“ im Hause des Vorstehers Albert Falkenstein wurde ebenso verwüstet wie weitere zahlreiche andere jüdische Geschäfte und Wohnungen. Stolpersteine erinnern heute noch an die Schicksale der Stolberger Bürger. Die kleinen Mahnmale in Form von 10 x 10 cm großen Messingplatten wurden mit dem Schriftzug „Hier wohnte“, dem Namen, Geburtsjahr und dem Schicksal des Menschen, meist das Datum der Deportation oder des Todes versehen. Mit den Steinen vor den Häusern, ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, soll die Erinnerung an die Menschen lebendig gehalten werden.

Menschen jüdischer Herkunft, die nicht nach England, Frankreich, Palästina und später nach China fliehen konnten, kamen ins Konzentrationslager, wo sie mit weiteren Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Woher der Judenhass komme, erklärte Fatima Küsters mit dem sogenannten Gottesmordvorwurf. Dabei wurde übersehen, dass nicht die Juden, sondern die römische Besatzungsmacht Jesus zum Tode verurteilt hat. In polemischen Bibelauslegungen, in Predigten, in der christlichen Geschichtsschreibung sowie unter den Gläubigen habe sich seit dem frühen zweiten Jahrhundert eine judenfeindliche Haltung entwickelt. Als Finanziers der Feudalherren und der Städte sowie als Großkaufleute galten sie als reiche Wucherer, denn Zins von Kapital nehmen war in der Kirche nicht erlaubt.

„Für Prophet und Führer“

Dann ging Küsters auf Hitlers Neigung zum Islam über. Über diese merkwürdige Allianz der Nazis mit den Muslimen hat der junge Historiker David Motadel mehr als sechs Jahre geforscht. Als Sohn iranisch-deutscher Eltern mit Wurzeln in vielen Religionsgemeinschaften lehrt er heute in England als Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics. Sein Buch „Für Prophet und Führer“ ist auch in Deutschland erschienen und lasse einem das Blut in den Adern gefrieren. Laut Motadel waren Hitler und Himmler vom Islam fasziniert, während sie die katholische Kirche kritisierten. Hitler, der sogar den Großmufti von Jerusalem empfangen hatte, ließ Hunderttausende starke und aggressive, muslimische Rekruten von der Krim und dem Balkan für Deutschland kämpfen. Dahinter stand „militärisches Kalkül“: der Islam war für das NS-Regime vor allem Mittel zum Zweck. Islamische Praktiken wie zum Beispiel das Schächten wurde für die Juden verboten, aber für die Muslime gestattet.

Auf dem Ludwig-Philipp-Lude Platz vor dem Rathaus erzählte Fatima Küsters einiges über Stolbergs Widerstandskämpfer in der NS-Zeit. (mlo)/Foto: Marie-Luise Otten. Foto: Marie-Luise Otten

Von der Sonnentalstraße 1, wo Salomon Hartog mit seiner Familie einen Metzgerladen betrieb, ging es zum Ludwig-Philipp-Lude-Platz vor dem Rathaus. Obwohl das „Reichskonkordat“, 1933 vom Vatikan und dem Deutschen Reich unterzeichnet, den Geistlichen eine politische Einmischung verbot, gab es in Stolberg einige Widerstandskämpfer. Zu ihnen zählten Franz Keller, Joseph Dunkel und Ludwig Philipp Lude. Der Weg führte weiter auf den jüdischen Friedhof „Trockener Weiher“, wo stumme Steine zu sprechenden Zeugen und Mahnmale der Geschichte geworden sind. Hier liegt unter anderen auch Berthold Wolff, ein Textilhändler jüdischen Glaubens, der wegen seines sozialen Engagements sehr beliebt war. So kleidete er jährlich ein armes Mädchen und einen armen Jungen für die Kommunion ein und ließ in der Weltwirtschaftskrise Kartoffeln an die notleidende Bevölkerung verteilen. Vor dem Eingang befindet sich eine moderne Menora, der traditionelle siebenarmige Leuchter und eines der wichtigsten religiösen Symbole des jüdischen Volkes. Geschaffen wurde er von dem Stolberger Kunstschmied Matthias Peters (1947 bis 2007). Das jüdische Gesetz verpflichtet Männer zum Tragen einer Kippa (kleine runde Kopfbedeckung aus Stoff) aus Respekt und Ehrung vor Gott.

Haus der Ewigkeit

Im jüdischen Glauben wird der Friedhof als „Haus der Ewigkeit“ bezeichnet. Zum Begräbnis gehört, dass die Ruhefrist zeitlich unbegrenzt ist. Die Grabsteine sind eine Art Gedenkstein, eine Ehrung und Würdigung des Lebens, die auch den Menschen, die davor stehen, zum Denkstein werden, dass auch sie einmal diesen Weg gehen müssen. Außer Inschriften zeigen Grabsteine eine Vielzahl von Ornamenten und Symbolen. Der sechszackige Davidstern wurde zum Kennzeichen jüdischer Gräber schlechthin. Vorbei am Burgfriedhof, der in früherer Zeit der erste Friedhof überhaupt in Stolberg war, wo die toleranten Burgherren es erlaubten, dass hier sowohl Katholiken, Lutheraner, Reformierte und Juden bestattet wurden, endete der Rundgang an der ehemaligen Pferdemetzgerei des Max Höflich (Burgstraße 23).

Fatima Küsters bedankte sich bei den Teilnehmern und ermutigte sie, sensibel zu bleiben gegenüber menschenverachtenden Einstellungen. Wo Menschen sich kennen lernen und einander zuhören, da wächst das Verständnis füreinander und für die gemeinsame Verantwortung im Zusammenleben. Die Begegnung mit dem Fremden sei das wirkungsvollste Zeichen gegen Ausgrenzung und Anfeindung.