Stolberg: Ein „Stolberg-Ticket“ ist längst noch nicht in Sicht

Stolberg: Ein „Stolberg-Ticket“ ist längst noch nicht in Sicht

Es ist der neben dem Hauptbahnhof wichtigste Verkehrsknoten für den Öffentlichen Personennahverkehr. Doch der Mühlener Bahnhof ist seit seinem Bestehen immer wieder ein Ärgernis im Stadtbild.

Regelmäßig machen dort Vandalen Station und zertrümmern Scheiben, Bänke und Einrichtungen. Stetig ist der Rendezvouspunkt von Euregiobahn und Bussen verdreckt. Insbesondere die Gleistrasse der Bahn dient Zeitgenossen oftmals als ein einziger großer Papierkorb.

Toller Service in Aachen: Dort wird an stark frequentierten Haltestellen in Echtzeit die Abfahrt der Busse angezeigt. Foto: H. Krömer

Reinigungskräfte von Euregio-Verkehrsschienennetz GmbH (EVS) als Gleiseigentümer und der Stadt kommen der Verschmutzung nicht bei. Ungepflegt und zunehmend verkommen wirkt die vor gut zehn Jahren eröffnete Anlage. Der Leerstand eines früheren Supermarktes auf der anderen Platzseite und die Wertstoff-Container, die zum Müllsammelpunkt geworden sind, tragen zu diesem tristen Bild der Verödung bei.

Keine modernen Anzeigetafeln

Service für Buskunden wird nicht sonderlich groß geschrieben an dem Punkt, den zwölf Linien und eine Zugverbindung ansteuern. Zumindest nicht im Vergleich zu Aachen und Herzogenrath. Dort weisen an mittlerweile 57 Haltestellen digitale Anzeigen in Echtzeit auf die Ankunft der nächsten Buslinie hin — ein Serviceangebot, das auch an manchem Knotenpunkt in der Kupferstadt angebracht wäre.

Dass diese Anzeigetafeln nicht in Stolberg stehen, liegt jedenfalls nicht an der Aseag, betont Pressesprecherin Anne Linden. Die Städte Aachen und Herzogenrath haben das Serviceangebot beim Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) beantragt. Der hat das 1,6 Millionen Euro schwere Projekt mit 85 Prozent bezuschusst. Buskunden in Stolberg bleibt zumindest der Griff zum Smartphone, tröstet Linden: Mit der App „Aseag mobil“ bleibt der Kunde auf dem aktuellen Stand der Abfahrtszeiten seiner Linie.

Doch noch weit mehr wurmt die Stolberger, dass sie seit einem Jahr mit dem Kurzstrecken-Tarif nicht mehr von den Höhen in ihre Innenstadt sowie zurück kommen. Ein Sturm der Entrüstung brauste vor einem Jahr durch die Kupferstadt, als der Aachener Verkehrsverbund nicht nur die Preise erhöhte, sondern auch sein Tarifsystem reformierte. „Das ist eine Steigerung von 70 Prozent“, markierte AVV-Kunde Georg Ganser die Dimension der Veränderungen.

Konnte man bis dato von Vicht Brücke bis Schwarzenbruch, vom Donnerberg bis Büsbach als Kernbereich vor 1,60 Euro fahren, sind jetzt zwar nur 1,50 Euro fällig, aber die Reise endet dafür bereits nach vier Haltestellen. Das bedeutet beispielsweise, dass die Büsbacher von Elgermühle nur bis mitten in ihr Dorf kommen, die Bewohner des Seniorenzentrums von der Liester oder die Donnerberger und Atscher nicht einmal mehr bis in die Innenstadt. Anstelle des „Flugstickets“ muss mindestens ein Ticket der Stufe zum Preis von bis dato 2,55 Euro, seit 1. April sogar 2,65 Euro gekauft werden.

Wie schnell man diese Summe ausgeben muss, zeigt ein Blick auf die Abfahrt am Mühlener Bahnhof. Das „Flugsticket“ endet je nach Linie an Finkensief, Krankenhaus, Vogelsang, Zinkhütter Hof, Schneidmühle, Nikolausstraße, Goepelschacht oder Breslauer Straße — die eigentlichen Fahrtziele in den Stadtteilen erreichen die meisten Stolberger in der Regel nicht mehr für 1,50 Euro. Die ex-trem schwierige Topographie mit entsprechend langen Wegen bei der Fahrt in die Innenstadt wurden bei der pauschalen Preisgestaltung nicht berücksichtigt, empörte sich vor einem Jahr der Stadtrat.

„Gewinner und Verlierer“

„Es gibt Gewinner und Verlierer“, verteidigte der damalige AVV-Geschäftsführer Hans-Joachim Sistenich die „neue Struktur der Tarifsysteme, die mehr Transparenz bringen soll“. Und die bisherige ÖPNV-freundliche Regelung in der Kupferstadt sei nur eine „lex specialis für Stolberg“ gewesen. Doch mit der Sonderstellung sei es vorbei. Der Stadtrat forderte auf Initiative der großen Koalition von der Stadtverwaltung Verhandlungen unverzüglich mit dem AVV ein — und die Einführung eines Stadttarifes. Vergleichbare Beschwerden wurden in Herzogenrath laut. Mittlerweile mahnen immer wieder Rolf Engels von der AG 60plus und Ludwig Hahn von der Seniorenunion Ergebnisse an.

Getan hat sich dennoch ein Wenig. Der AVV-Beirat beauftragte auf Initiative von Stolberg und Herzogenrath ein Gutachten über den Erfolg des neuen Tarifsystems — inklusive einer Bilanz für Gewinner und Verlierer, bestätigte Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt auf Anfrage. „Bis Mitte Mai sollen Ergebnisse vorliegen“. Sollten auf Basis dieses Gutachtens weitere Expertisen erforderlich sein, „dann müssten Stolberg und Herzogenrath sie aus eigener Tasche bezahlen“, so Pickhardt weiter.

Die Anzahl der Beschwerden beim AVV über die Verschlechterungen in den beiden Städten seien aber geringer als das Lob über Verbesserungen aus den anderen Kommunen. In vielen Fällen könnte die Preissteigerung über das neue Sozialticket aufgefangen werden. Es gebe auch mehr Dauerticket-Inhaber. „Das ist ja das, was der AVV anstrebt“, sagt Pickhardt. Gelegenheitsfahrer hätten da schlechtere Karten.

Gar keine Hinweiskarten, wie weit denn der Kurzstrecken-Tarif auf ihrer Linie gilt, finden Buskunden in Stolberg an zwei der vier (die fünfte ist für Schulbusse und Pausen reserviert) regulär bedienten Haltebuchten. An Haltestelle 1 fehlt die Info für die Linien 1,8, 12, 40, 42 und 62 in Richtung Schevenhütte/Zweifall/Büsbach/Münsterbusch sowie an Haltestelle 4 für die Linien 8, 12, 42 und 48 in Richtung Donnerberg/Eschweiler

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