Stolberg: Die Familiengründung als Armutsrisiko

Stolberg: Die Familiengründung als Armutsrisiko

Die Zahl der Beratungsfälle hat sich nicht wesentlich verändert, die inhaltliche Entwicklung aber ist alarmierend: „Die Kontakte werden immer intensiver, die Probleme immer größer”, fasst Claudia Blau die Erfahrungen der vergangenen Monate zusammen.

Gemeinsam mit Katja Bock und Annika Blumenthal bildet die Sozialpädagogin das Team der Schwangerschaftsberatung von „Rat und Hilfe” beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Stolberg.

614 Jugendliche und Frauen hat die Beratungsstelle im Jahr 2010 betreut. Und in vielen Fällen bot sich ein ähnliches Bild: „Schon beim Erstgespräch hat sich oft eine komplexe Problemlage aufgetan. Das kann man vergleichen mit einem Fächer, der sich öffnet”, umschreibt Claudia Blau bildhaft, was für die Betroffenen ganz konkret und real ist.

„Häufig spiegeln sich in der Situation der Hilfesuchenden die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wider”, hat Katja Bock eine weitere Tendenz festgestellt. Ihre Einschätzung der Lage fällt deutlich aus: „Es passiert sehr, sehr viel Bedenkliches.”

Große finanzielle Not

Alarmierend schätzen die Beraterinnen vor allem den Zusammenhang zwischen materieller Lage und familiärer Planung ein. Eher sollte man allerdings von einem Gegensatz sprechen, wie Annika Blumenthal feststellt: „Die Gründung einer Familie stellt zunehmend ein Armutsrisiko dar.”

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat deutliche Spuren hinterlassen. Auch die Anrechnung des Elterngeldes als Einkommen bei Empfängern von Arbeitslosengeld II seit Januar 2011 hat die finanzielle Not vieler Menschen verschärft. Hinzu kommt die deutlich steigende Zahl von sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen.

„Befristete Verträge, Leiharbeit und geringe Stundensätze führen in vielen Fällen zu einer ganz unsicheren Lebenssituation und stehen damit der Familienplanung und dem Bedürfnis nach Sicherheit im Weg”, so Claudia Blau. Selbst eine abgeschlossene Ausbildung biete heute längst nicht immer mehr eine verlässliche Basis für das weitere Leben. „Denn eine Garantie für eine Anstellung gibt es leider auch dann nicht.”

Doch nicht nur mit finanziellen Sorgen werden die Beraterinnen in den Gesprächen konfrontiert, auch wenn im vergangenen Jahr rund 25 Prozent der schwangeren Frauen, die den SkF Stolberg aufsuchten, hauptsächlich von Leistungen der Arge lebten und allein in 95 Fällen das Thema Überschuldung einen Schwerpunkt bildete.

So ließ sich jede fünfte schwangere Frau beraten, weil sie alleinerziehend war. Auch sozialrechtliche und medizinische Fragen sowie Hilfsbedarf wegen physischer und psychischer Be- bzw. Überlastung lagen in vielen Fällen vor.

Sehr positiv aufgenommen worden ist seit der Einführung im November 2009 das Projekt „Guter Start ins Leben”. Es ist eines von drei Säulen des Verbundprojektes „Familien stützen, Kinder schützen”, das durch ein netzwerkartiges Frühwarnsystem in Stolberg sowie die Familienpatenschaften von Bethlehem-Gesundheitszentrum und SKM ergänzt wird. Das Projekt, das im Kern ein Elterntraining anbietet, besteht aus zwei Teilen, die aufeinander aufbauen, aber auch separat in Anspruch genommen werden können.

Im ersten Teil werden Schwangere (und ihre Partner) auf ihre zukünftige Rolle vorbereitet, der zweite Teil bietet eine Lebensbegleitung während des ersten Lebensjahres des Kindes. „Durch die Teilnahme werden die Beteiligten wesentlich besser auf die Elternschaft vorbereitet als ohne Hilfestellung”, ist Katja Bock nicht zuletzt wegen der vielen positiven Rückmeldungen überzeugt.

Eine positive Rückmeldungen erhoffen sich die Beraterinnen auch von der Städteregion. Auf ihr geografisches Gebiet nämlich möchten sie den Verhütungsmittelfond ausweiten, den es in der Stadt Aachen bereits seit 2009 gibt. „Ganz oft wird uns berichtet, dass für die Verhütung das Geld fehlt”, so Annika Blumenthal. Eine finanzielle Unterstützung mit Mitteln aus dem Fonds könnte dazu beitragen, dass die Zahl der ungewollten Schwangerschaften spürbar zurückgeht.

Ehrenamtliche Helfer gesucht

Steigen soll, wenn es nach den Expertinnen des SkF geht, hingegen die ehrenamtliche Unterstützung von jungen Familien. Die Beratungsstelle hat deshalb einen Aufruf gestartet, um Interessierte zu ermutigen, sich mit ihrer Hilfe einzubringen.

„Die Tendenz zur Vereinsamung ist sehr ausgeprägt, vor allem bei Alleinerziehend bricht oftmals der Freundeskreis weg”, gibt Claudia Blau zu bedenken. Mit einem gelegentlichen Besuch, einer übernommenen Erledigung oder auch einem handwerklichen Dienst könnte bei relativ geringem Aufwand ein großer Effekt erzielt werden.

Effektiv und zudem noch sehr gefragt ist auch die sexualpädagogische Hilfe, die Annika Blumenthal Schulen bzw. Schulklassen in Stolberg anbietet. Nach Geschlechtern getrennt macht sie Aufklärungsunterricht vornehmlich in den Jahrgangsstufen 5 bis 8. „Jede Schule hat die Möglichkeit, dieses Angebot über den SkF zu buchen”, betont die Sozialpädagogin. Pro Schüler und Unterrichtsblock wird ein Beitrag von einem Euro erhoben.

Wie hoch der Beitrag des Bistum Aachen an der Arbeit von „Rat und Hilfe” in Stolberg in Zukunft sein wird, bleibt derweil abzuwarten. Nachdem zunächst eine Mittelkürzung und damit verbunden der Wegfall einer halben Stelle für Ende vergangenen Jahres gedroht hatte, wird der Zuschuss nunmehr zunächst bis Ende 2012 uneingeschränkt gezahlt. Dann, so fürchten die Mitarbeiterinnen, könnte endgültig ein Einschnitt folgen - obwohl Beratungsbedarf und Beratungsintensität immer größer werden.