Stolberg: Die Euregiobahn wird unter Strom gesetzt

Stolberg: Die Euregiobahn wird unter Strom gesetzt

Der Ausbau des Streckennetzes der Euregiobahn gilt schon seit den Anfängen als ambitioniert. Wenn auch mit zeitlicher Verzögerung — durch nicht immer so optimal fließende Zuschüsse — zieht das Projekt zunehmend Kreise in der Region. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll die von der Stolberger Euregio Verkehrsschienennetz GmbH (EVS) bereitgestellte Infrastruktur für den Personenverkehr entscheidend ausgebaut und komfortabler gestaltet werden.

Der Beirat der EVS stellte jetzt die Weichen für die vermutlich wichtigsten Zukunftsprojekte in der Unternehmensgeschichte. Die größte Herausforderung stellt dabei die Elektrifizierung der Nebenstrecken. Der Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) will in den nächsten Wochen bei der Neuausschreibung für den Betrieb der Euregiobahn ab Fahrplanwechsel im Dezember 2021 auf elektrische Triebzüge setzen. Das macht den Verkehr flexibler, komfortabler und ökologischer.

Für die EVS bedeutet das, dass sie bis dahin alle Strecken mit Oberleitung bestücken muss. Das sind rund 35 Kilometer Gleise von Stolberg über Weisweiler nach Langerwehe, über Alsdorf nach Herzogenrath und über Altstadt letztlich bis Breinig. Rund 25 Millionen Euro an zuwendungsfähigen Kosten hat der NVR dafür anerkannt. „Das alles zeitgerecht durchzuziehen, ist ein anspruchsvolles Projekt“, sagt Beiratsvorsitzender Tim Grüttemeier. Die konkreten Vorbereitungen laufen in den nächsten beiden Jahren; die Umsetzung in 2020/21.

„Skywalk“ wird ab Juni gebaut

Spätestens bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2019 soll die Euregiobahn fahrplanmäßig über Altstadt hinaus bis Breinig verkehren. Die Ertüchtigung der Strecke läuft in diesem Jahr an. Rund fünf Millionen Euro werden investiert — vor allem in den Abriss und Neubau des Rüstbach-Viaduktes.

Der ist für die Dauer von gut vier Monaten im Sommer 2019 angedacht. Während dieser Zeit kann der Umladepunkt in der Rüst nicht angefahren werden. In Absprache mit den Logistikkunden soll während dieser Bauphase der Umschlag der Waren im westlichen Teil des Güterbahnhofs erfolgen.

Das Streckennetz der Euregiobahn soll nach Baesweiler verlängert werden. Die Bürgermeister Willi Linkens und Alfred Sonders erklärten den Konsens der Nordkreiskommunen über die Streckenführung. Sie soll demnach vom Abzweig Kellersberg über die bestehende Trasse via Mariagrube, Hoengen, Hoengen-Gewerbegebiet bis Siersdorf und als Neubaustrecke weiter nach Setterich erfolgen. Die Kosten dafür sind mit rund 9,1 Millionen Euro angesetzt.

Damit ist mit Verweis auf den Naturschutz die Entscheidung erst einmal gegen die Reaktivierung der noch bestehenden Gleise über Busch und Boscheln gefallen. Darüber hinaus wird der Wunsch Baesweilers nach einer späteren Streckenverlängerung über das Gewerbegebiet hinaus bis zum Carl-Alexander-Park anerkannt. Sie setzt der NVR mit weiteren 10,8 Millionen Euro an.

Der Stolberger Hauptbahnhof soll zu einem Euregio-Railport ausgebaut werden. Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie — auch für das Industriedrehkreuz Weisweiler — werden jetzt für den 21. März erwartet. Bereits heute werden mehr als 1,5 Millionen Tonnen Güter jährlich umgeschlagen. Mit dem Euregio-Railport soll Stolberg zu einem Hinterland-Terminal der expandierenden Nordseehäfen ausgebaut werden. Ein Potenzial von aktuell 1,475 Millionen Quadratmeter Logistikflächen steht zur Verfügung.

„Die Kupferstadt hat ein großes Interesse an diesem Zukunftsprojekt“, sagt der Stolberger Bürgermeister. Kontakt zu Hafenlogistikern in Rotterdam sowie potenziellen Kunden in der Region werden bereits fleißig geknüpft. „Es gibt interessierte Betreiber und Logistiker“, sagt Thomas Fürpeil. „Es kann heute schon losgehen“, so der EVS-Geschäftsführer. Allerdings muss mit zunehmendem Ausbau eines Euregio-Railports der Verkehrsanschluss ertüchtigt werden. „Dann muss mittelfristig auch der dritte Bauabschnitt der L 238 zur Autobahn her“, betont Grüttemeier.

Das Fehlen einer zeitgemäßen Personenüberführung im Stolberger Hauptbahnhof zu den Mittelgleisen „ist ein massives Ärgernis“, sagt Hildegard Nießen. Aber „ab Juni will die DB mit dem Bau beginnen“, so die Beirats-Vize. Die Fertigstellung des „Skywalks“, der mit Aufzügen zum neuen Parkhaus hin die Barrierefreiheit der Bahnsteige garantieren soll, sei für Ende September geplant.

Kooperation der Hochschulen

Die Verlängerung der Euregiobahnstrecke über Breinig hinaus nach Eupen soll nun angegangen werden. Das berichtet das neue Beiratsmitglied Dr. Werner Pfeil (MdL) mit Verweis auf die EU-Anträge der Landesregierung zur Harmonisierung des Grenzverkehrs. Dabei spiele die historische Schienenverbindung mindestens in zweierlei Hinsicht eine Rolle.

Neben einem angestrebten Ausbau der grenzüberschreitenden Infrastruktur im Dreiländereck soll die Kooperation der Hochschulen in Aachen, Lüttich und Maastricht deutlich intensiviert werden. „Ein Aspekt dabei ist die Erreichbarkeit“, so Pfeil. Attraktive Verkehrsziehungen müssten geschaffen werden. „Eine eineinhalb Stunden dauernde Busfahrt zwischen zwei Hochschulstandorten ist dabei indiskutabel.“

Neben einer Qualitätsverbesserung auf den Strecken nach Maastricht komme der Reaktivierung der Gleise von Eupen über Walheim und Stolberg nach Aachen und Merzbrück Bedeutung zu, wo RWTH und FH ihre Flugzeugentwicklung konzentrieren wollten. Diese langfristigen Pläne passen laut Beirat in das Konzept der EVS, die dieses Projekt weiter forcieren wolle.

Beirat der EVS soll für Konsens sorgen

Seine Aufgabe ist es, Weichen zu stellen und den Weg freizumachen: Der Beirat der Euregio-Verkehrsschienennetz GmbH (EVS) wurde von dem Stolberger Infrastrukturunternehmen ins Leben gerufen, als es kurz nach dem Startschuss der Euregiobahn im Juni 2001 schwierig wurde mit dem Ausbau des geplanten Gleisnetzes.

Die Euregiobahn pendelte damals nur von Stolberg-Altstadt bis Heerlen. Aber auch die anderen Nebenstrecken wollten reaktiviert werden, um den Öffentlichen Personennahverkehr auf der Schiene ins Rollen zu bringen. Wegbrechende Fördermittel des Landes erschwerten das Vorhaben. Die Bundesregierung musste als neuer Zuschussgeber gewonnen werden.

Das war der Anlass, zur Gründung eines Gremiums, in dem führende politische Vertreter aus der Region überparteilich Konsens und Schulterschluss üben, den ländlichen Raum gegenüber den Ballungsgebieten positionieren und mit ihren Verbindungen dafür sorgen sollten, dass die Signale für die Prosperität der Euregiobahnstrecken in Brüssel, Berlin und Düsseldorf möglichst auf Grün geschaltet sind.

Im Juni 2004 wurde der EVS-Beirat mit den Vertretern aus den Parlamenten und Bürgermeister der Bahn-Kommunen ins Leben gerufen. Erste Vorsitzende war die damalige Landtagsabgeordnete Hildegard Nießen, ihr Vertreter der seinerzeitige Parlamentskollege Axel Wirtz.

Im Dezember 2010 wechselten beide ihre Positionen, und seit diesem Monat hat Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier (Mitte) den Vorsitz inne. Als Stellvertreterin steht die Stolberger Ehrenamtsbeauftragte Nießen für jahrelange Kontinuität. Weitere Mitglieder für die Beiratsperiode bis 2020 sind die Bürgermeister Alfred Sonders (Alsdorf), Dr. Willi Linkens (Baesweiler) und Rudi Bertram (Eschweiler), die Landtagsabgeordneten Dr. Werner Pfeil (FDP) und Stefan Kämmerling (SPD), die beiden ehemaligen Landstagsabgeordneten Axel Wirtz und Hendrik Schmitz (beide CDU) sowie der wissenschaftliche Landtagsmitarbeiter Horst-Dieter Heidenreich (Grüne).

Zudem sind die EVS-Geschäftsführer, Thomas Fürpeil und Christian Hartrampf, sowie die Eigentümerfamilien Conrads und Schmitz geborene Beiratsmitglieder.

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