Stolberg: Der Zinkhütter Hof macht Platz für die Mobilität

Stolberg : Der Zinkhütter Hof macht Platz für die Mobilität

Wenn Sebastian Wenzler sagt, „für uns ist das eine komplette Neuausrichtung“, dann ist das nur ein Teil der Wahrheit. Denn der Leiter des Museums Zinkhütter Hof ist schon immer ein großer Oldtimerfreund gewesen, der mehr oder weniger klamm heimlich schon ein Vierteljahrhundert lang Historisches rund um das Automobil gesammelt hat. Das kommt jetzt der neuen Abteilung „Turbo, Traffic, Transport“ zugute, die am 16. Juni offiziell eröffnet wird.

Der Neuanfang bezieht sich aber nicht nur auf diese Präsentation der vergangenen, heutigen und zukunftsweisenden Automobilität in der Region, sondern „er ist auch der Aufbruch in eine neues Informationszeitalter“, betont Wenzler. „Turbo, Traffic, Transport“ ist für den Zinkhütter Hof der Einstieg in eine multimediale Präsentation per App, zusätzlich zur klassischen Ausschilderung der Exponate, mit der die Barrierefreiheit deutlich erhöht und das Informationsangebot wesentlich ausgeweitet wird. Besucher werden Tablets ausleihen (oder die App auf eigene Geräte laden) können, um audiovisuell vielfältig in die Welt der Automobilität einsteigen zu können.

Die „Bütt“ aus Zink hat nicht ausgedient, sondern bekommt einen anderen Platz im Museum Zinkhütter Hof. Die Exponate der bisherigen Abteilung werden den Abteilungen Messing, Nadeln und Bodenschätze angegliedert sowie im Treppenhaus des Hauptgebäudes zur Schau gestellt. Foto: Jürgen Lange

Eine umfassende Förderung durch den Landschaftsverband Rheinland und die NRW-Stiftung macht‘s möglich, die sich mit 120.000 und 130.000 Euro an der neuen Präsentation beteiligen. Die Sparkasse Aachen und der Rheinische Sparkassen- und Giroverband sind mit jeweils 60.000 Euro mit von der Partie.

Einer der Vertreter des neuen Aufschwungs der regionalen Automobilindustrie: ein früher Prototyp des Streetscooters in der Pkw-Version wird im Zinkhütter Hof ebenso zu sehen sein wie ausgewählte Vertreter der großen historischen Kraftfahrwesen-Entwicklung in der Region. Foto: Jürgen Lange

Die virtuelle Ergänzung erweitert die klassische Ausstellung. Immerhin muss sich Sebastian Wenzler mit 362 Quadratmeter auf Wesentliches konzentrieren in dem Museum, das mit seinem Multifunktionsflächen gut 10 000 Quadratmeter misst. „Es könnte sehr gerne noch einiges an Ausstellungsflächen mehr sein“, schmunzelt Wenzler und gerät ins Schwärmen von Menschen und Maschinen, die in dieser Region und darüber hinaus Automobilgeschichte geschrieben haben und ganz aktuell wieder schreiben.

Feinstes Handwerk wie anno dazumal: Eigens für das Museum umgebaut wurde ein Teppich-Lift zu einem Pater Noster. Mit diesem Aufzug wird die Entwicklung von Motoren mobil erlebbar sein — im Parterre ebenso wie von der Empore des Ausstellungsraumes gleich neben dem Restaurant. Foto: Jürgen Lange

e.Go und Streetscooter sind nicht nur Stichworte, sondern auch präsent in der neuen Abteilung mit Motortechnik oder dem Prototypen eines Streetscooter-Pkw. Entsprechend engagieren sich auch der Aachener Motorenentwickler FEV mit einem Common-Rail-Diesel und die Kölner Ford-Werke mit einem Ecoboost-Motor aus ihrer Aachener Forschungs- und Entwicklungsschmiede. Sie werden zu bewundern sein in einem echten Hingucker: einem Pater Noster. Der Aufzug wurde passgenau für das Museum um- und eingebaut. Die Originalversion versah früher in einem Baumarkt als Teppichabroller seinen Dienst. Nun ermöglicht der Pater Noster vom Parterre wie auch von der Empore des Ausstellungsraumes zum Greifen nahe Einblicke in den Wandel der Technik.

Nicht nur Freunde der Mobilität und ihrer Geschichte werden auf ihre Kosten kommen können, wenn am 17. Juni die neue Abteilung im Zinkhütter Hof eröffnet wird, sondern auch Fotografen werden sich dank der neuen Ausstellungsstücke viele neue Perspektiven eröffnen können. Foto: Jürgen Lange

Platz machen für die Automobile

Apropos Wandel. Platz machen für die Automobile muss die bisherige Zinkabteilung. Ihre Pretiosen verschwinden jedoch nicht, sondern werden sinnmachend integriert in andere Abteilungen des Museums sowie als schmückende Wandausstellung im Treppenhaus.

Eine Zierde für das Haus wie für die Region sind die Meilensteine in einer Zeit, in der das Automobil laufen lernte, und die Synergieeffekte, die hiesige Unternehmer zu nutzen wussten.

Beispielsweise die Fafnir-Werke in der Kaiserstadt. 1894 zur Produktion von Nähmaschinennadeln gegründet, wurde das Werk mit dem Siegeszug des Fahrrades zum Hersteller von Speichen, produzierte später Einbaumotoren für Motorräder und Automobile, um sich dann mit eigenen Modellen einen Namen zu machen als innovativer Hersteller. Klar ist Wenzler stolz, einen Fafnir präsentieren zu. Etwa acht Stück sind in ganz Europa noch erhalten aufzufinden.

Der Name Fafnir führt ganz schnell zu Rudolf Caracciola — der wohl erfolgreichste europäische Rennfahrer vor dem Zweiten Weltkrieg. Seine Karriere begann bei dem Aachener Automobilbauer, wo er sich für Spritztouren durch die Eifel Fahrzeuge ausleihen durfte. 1922 belegte er als Fafnir-Werksfahrer beim Berliner Avus-Rennen den vierten Platz, nur ein Jahr später wurde Carraciola Werksfahrer für Mercedes. Durch den Zinkhütter Hof wird Caracciola als 3-D-Print „brausen“.

Neben einem markanten Lkw der Marke Mannesmann-Mulag mit Baujahr 1911 ist ebenfalls ein Cudell aus dem Jahre 1901 „made en Oche“ zu bewundern. Schon 1908 musste die 1897 begründete Produktion komplett eingestellt werden, die mit Tricycles mit Einzylindermotoren startete und im vierrädrigen Motorwagen mit Vierzylindermotor mündete. „Cudell war damals eine Marke für Betuchte“, erinnert Wenzler. Dabei habe das Auto seinen Siegeszug nicht antreten können ohne Erfindung des Fahrrades.

Breiniger Rennfahrerin Inge Stoll

Luftreifen, Tangential-Speichen oder Kugellager — eine Entwicklung ermöglichte die nächste. Und so ist man schnell bei Ernst Neumann-Neander, die in Euskirchen und Düren bis zum Zweiten Weltkrieg Motorräder produzierte und Rennen fuhr. Selbstverständlich ist ein Neander-Krad zu bewundern. „Er ist ein ,hidden champion‘„, freut sich Wenzler, einen großen Teil seines Nachlasses verwalten zu dürfen. Selbstverständlich wird auch die Breiniger Rennfahrerin Inge Stoll thematisiert.

In Stolberg wird in diesen Tagen letzte Hand angelegt an einem Ausstellungsmodul rund um die Mobilität, „wie es sonst nur in München, Berlin, Wolfsburg oder Stuttgart zu finden ist“, sagt Wenzler. Die Faszination der (historischen) Technik, die Inszenierung einer Tankstelle, eine Präsentation zukunftsweisender Projekte sowie die Entwicklung der Infrastruktur von Straße und Schiene in der Region werden sich in der Dauerausstellung widerspiegeln.

Wenig bekannt ist, dass Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers Aachener Wurzeln hat. Er studierte an der RWTH, erwarb sich einen Ruf als Professor für Thermodynamik und meldete Patente zu Schwerölmotoren an. In Aachen legte er die Grundlagen zum Flugzeugbau aus Metall — auch zur legendären „Tante JU 52“.

Wenn auch in den Nachkriegszeiten Mobilität produzierende Firmen in der Region selten waren, lief die Forschung an den Hochschulen und Instituten weiter, und seit einigen Jahren ist der Standort eng mit den unterschiedlichen Angeboten von Mobilität wieder eng verknüpft.

Schon 1998 präsentierte der Zinkhütter Hof eine Mobilitätsausstellung, aus der sich auch das regelmäßige und renommierte Oldtimer-Treffen zum Tag des offenen Denkmals entwickelte. Jetzt erfährt das Museum, das im vergangenen Jahr gut 30 000 Besucher zählte, mit der Ausstellung „Turbo, Traffic, Transport“ einen neuen Zugang und eine konsequente Weiterentwicklung seiner Präsentation der Wirtschafts-, Industrie- und Sozialgeschichte der Region.

Noch zwei Wochen lang kann die bewährte Ausstellung genossen werden, dann erfolgt komprimiert der Aufbau der neuen Ausstellung, die am Sonntag, 17. Juni, mit hochkarätigen Besuchern eröffnet wird.

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