Stolberg: Der Knautzenhof: Ein bemerkenswertes Phänomen in Stolberg

Stolberg: Der Knautzenhof: Ein bemerkenswertes Phänomen in Stolberg

Im Knautzenhof soll 1719 Stolbergs Geschichte als Tuchfabrikationsort begonnen haben. Was im Aachener Raum seit Jahrhunderten wegen der Schafzucht und guten Wasserqualität Tradition hatte, wurde im 18. Jahrhundert auch in der Kupferstadt zum Erfolgsmodell.

Nicht zuletzt dürften auch das vorhandene technische und kaufmännische Know-how der Kupfermeister die Chance geboten haben, einen neuen Gewerbezweig in Stolberg zu etablieren. Doch von Mühlgräben und Mühlrädern ahnt der Besucher heute fast nichts mehr.

heute Foto: Stadtarchiv/Toni Dörflinger. ▶ <span class="Fett">Weiter Seite XX</span></p>

Architektonisch war der Knautzenhof für Stolberg ein bemerkenswertes Phänomen. Beim ersten Blick scheint er sich von den Bauformen der Kupferhöfe nicht zu unterscheiden. Bruchsteinmauerwerk, Werksteingewände in Blaustein, ein Torbogen als Zufahrt, wie ihn jeder Hof besaß. Erkennbar sind die dreifachen Keilsteine in den Fensterstürzen, die das Gebäude ins frühe 18. Jahrhundert datieren lassen. Und die Kloben, das sind die Haken für die Fensterläden, befinden sich nur in der unteren Fensterhälfte, da nur diese mittels Schlagläden zu schließen war.

Als regionaltypische Form waren Bohlenkämpferfenster, die mittig durch ein Brett waagerecht geteilt waren, auch in Stolberg verbreitet. Das Oberlicht blieb ohne Läden. Die Vorläuferform der Spätgotik und Renaissance war das Kreuzstockfenster und lässt sich an der Burg beobachten. Die Kreuze ließ man weg, um mehr Lichteinfall zu ermöglichen. Die stark der Verwitterung ausgesetzten Fensterläden sind nicht erhalten. Was den Knautzenhof aber abhebt von den Kupferhöfen, ist seine Geschosszahl. Er besitzt drei Vollgeschosse, was bei den älteren oder zeitgleichen Messingmanufakturen nie üblich war. Man baute bis zwei Geschosse und ansonsten in die Breite. Der beengte Raum, auf dem der Hof erbaut worden war, könnte eine Erklärung sein, warum man in die Höhe ging.

Wesentlicher erscheint die Verwandtschaft zu den Tuchmanufakturen der Familien Stoltenhoff, Offermann. Sie waren Tuchmacherhöfe, die über drei Geschosse verfügten. Darin muss man vor allem funktionale Gründe sehen. Wesentliche Verarbeitungsschritte waren von den Produzenten in ihren Häusern konzentriert worden, während andere als Heimarbeit vergeben wurden. Links oben lag eine Luke im Zwerchhaus, die vermutlich zur Einlagerung von Rohmaterial im Wolllager im Dachgeschoss diente.

In den 1930er Jahren wurde der Hof abgebrochen und so bildet sein Standort eine Freifläche in der Altstadt, die es in dem engen Siedlungsraum rund um die Burg im 18. und 19. Jahrhundert nie gegeben hatte. So kann man in der Altstadt an der kleinsten Freifläche einen großen Hof oder ein kleines oder winziges Häuschen der Vergangenheit vermuten, die in den letzten 100 Jahren einer Auflockerung der Bausubstanz weichen mussten.

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