Stolberg: Dauerausstellung „Turbo, Traffic, Transport“ öffnet im Zinkhütter Hof

Stolberg : Dauerausstellung „Turbo, Traffic, Transport“ öffnet im Zinkhütter Hof

Er ist ein Mann der ersten Stunde. Seit 1992 arbeitet Sebastian Wenzler im Industriemuseum Zinkhütter Hof, mit der Eröffnung im Jahr 1996 wurde er zu dessen Leiter. Die Ausstellung zur Industrie-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Region Aachen hielt sich 22 Jahre lang. Am 17. Juni eröffnet eine neue Dauerausstellung rund um das Thema Mobilität.

Unter dem Titel „Turbo, Traffic, Transport“ werden historische Exponate und zukunftsweisende Prototypen die Geschichte der Automobilität in der Region Aachen präsentieren. Im Interview mit Annika Thee erklärt der Museumsleiter, warum die Region schon im 20. Jahrhundert Vorreiter war und welches Exponat ihm besonders am Herzen liegt.

Sebastian Wenzler steht neben einem Lkw der Marke Mannesmann-Mulag von 1901. Im Hintergrund steht ein Pater Noster, bestückt mit Motoren. Wenzels Lieblingsstück ist auch dabei: ein Motor des Unternehmens de Dion-Bouton, ursprünglich eingebaut in einem Aachener Cudell. Foto: at

Herr Wenzler, am Sonntag beginnt die neue Dauerausstellung. Ist alles bereit für die Eröffnungsfeier?

Sebastian Wenzler: Wir sind sehr gut in der Zeit, es fehlen nur noch ein paar kleinere elektrische Arbeiten, beispielsweise die Anschlüsse von dem 6,50 Meter hohen Pater Noster, auf dem acht verschiedene Motoren zu sehen sind. Das letzte Exponat ist eines der wichtigsten und wird erst heute geliefert. Das ist das älteste noch existierende Fahrzeug aus Aachener Produktion: ein Cudell von 1901. Es gibt auch Exponate, die erst Sonntag früh aufgestellt werden.

Die vorherige Ausstellung war 22 Jahre lang zu sehen. Was hat sich nun verändert?

Wenzler: Die meisten anderen Ausstellungen, die wir hatten, waren rückwärts gewandt. Zum Beispiel ist die Nadelindustrie aus unserer Region vollkommen verschwunden. Das Thema Mobilität wird aber niemals verschwinden. Durch neue Exponate soll die Ausstellung mit der Zeit ergänzt werden und so aktuell bleiben.

Woher kam die Idee für eine Ausstellung zum Thema Mobilität?

Wenzler: Die Sonderausstellung 1998 zum Thema Aachener Automobilgeschichte kam zustande, weil ich bei vielen Leuten verdammt interessante Exponate gesehen habe. Der Sammler Heinz Vogel hatte in Aachen in kleines Automobilmuseum. Er hat mir gezeigt, wie spannend die Geschichte der Mobilität im Raum Aachen ist und welch große Bedeutung sie hatte. Inzwischen ist Vogel leider verstorben, aber wir haben einige Exponate von ihm in unserer neuen Ausstellung. Es gab viele Unternehmen wie Fafnir, Cudell oder Scheibler, die den Mut hatten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in neue Technik zu investieren. Unsere Recherchen zeigen, dass Fafnir weltweit über 30 Fahrzeughersteller mit Teilen beliefert hat. Von Australien bis Litauen hat man Aachener Technik verwendet. In der Weltwirtschaftskrise ist Fafnir dann Bankrott gegangen. Aber die Forschungsrichtung hat sich an den Hochschulen gehalten und die Automobilforschung hat bis heute weltweite Bedeutung. Das wollen wir auch darstellen.

Wie wurde die Ausstellung entworfen und geplant?

Wenzler: Wir haben extra ein Expertengremium gegründet. Da waren Vertreter der Fachhochschule, der RWTH, aus der Wirtschaft und aus Museen dabei. Das war sehr hilfreich. Wir zeigen ja viel Historisches, aber auch den aktuellen Status Quo. Und wir werfen Fragen der Zukunft auf, beispielsweise bei den Themen Elektromobilität und autonomes Fahren.

Wie wollen Sie junge Menschen mit der Ausstellung erreichen?

Wenzler: Mobilität betrifft jeden. Männer und Frauen, alte und junge Menschen. Es gibt viele Technik-Themen. Außerdem wollen wir den jungen Menschen zeigen, wie faszinierend eigentlich das Fahrrad ist. Das ist seit fast 150 Jahren nahezu unverändert geblieben. Erst durch die Erfindung des Fahrrads war die Entwicklung anderer Fahrzeuge möglich, von der Umsetzung dem Gewicht und der Kraftverteilung her. Das ist für viele junge Menschen interessant. Es gibt aber auch die Möglichkeit zur Berufsorientierung. In unserer „Future Zone“ präsentieren sich einige bedeutende Firmen, zu denen junge Menschen Kontakt aufnehmen können. Wir wollen die Jugendlichen aber auch an den Hörstationen zum Nachdenken anregen, beispielsweise zum Thema Energieträger der Zukunft.

Es gibt große Exponate wie Autos, Fahrräder und Motorräder. Welche Aspekte zum Thema Mobilität werden noch berücksichtigt?

Wenzler: In der oberen Etage werden weichere Themen behandelt. Beispielsweise lernen die Besucher, dass bis in die 70er Jahre gar keine Anschnallpflicht galt und die Promillegrenze erst in den 50ern eingeführt wurde. Außerdem gibt es Infos zu bedeutenden Rennfahrern aus der Region, wie Rudolf Caracciola und Inge Stoll aus Breinig. Wir haben auch eine eigene Abteilung zu Frauen und Mobilität, denn Frauen brauchten bis 1958 eine Erlaubnis von ihrem Mann oder Vater, wenn sie einen Führerschein machen wollten.

Wie sind Sie an die Exponate gekommen, die ausgestellt werden?

Wenzler: Der Kern der technischen Entwicklung liegt 120 bis130 Jahre zurück. Exponate aus dieser Zeit zu bekommen, ist verdammt schwer. Viel ist verschrottet worden oder in fester Sammlerhand. Manche Dinge tauchen zufällig aber doch noch einmal wieder auf. Dann muss man zuschlagen. Nach bestimmten Exponaten habe ich im Internet gesucht. Andere Dinge sprechen sich auch rum, denn ich bin in der Oldtimer-Technik-Szene gut vernetzt. An Prototypen ranzukommen ist aber schwer, weil die noch für die Forschung gebraucht werden.

Wie finanziert das Museum die Ausstellung?

Wenzler: Wir sind ein kleines Museum, das von einem Verein getragen wird. Ein solches Ausstellungsprojekt geht nur, wenn wir Förderer gewinnen. Der Landschaftsverband Rheinland und die NRW- Stiftung haben sich beteiligt, auch die Sparkasse Aachen und der Rheinische Sparkassen- und Giroverband. Für Sonderausstellungen suchen wir weiter nach Förderern.

Sind denn schon zusätzliche Sonderausstellungen geplant?

Wenzler: Im Archiv haben wir noch unglaublich viel Material, das wir im Nachgang noch präsentieren könnten. Beispielsweise von einem sehr bedeutender Jugendstil-Künstler, der damals für die gesamte mobile Branche Werbung und Konstruktionsgrafiken erstellt hat: Ernst Neumann-Neander. Später hat er selbst Motorräder hergestellt. Davon haben wir vier Modelle als Leihgabe in der Ausstellung. Das besondere ist, dass er als Künstler versucht hat, ästhetische Prinzipien auf die Technik anzuwenden, ähnlich wie Ettore Bugatti. 1954 ist Neumann-Neander in Düren gestorben und seinen Nachlass würden wir gerne erwerben, wenn wir genügend Sponsoren zusammen bekommen.

Haben Sie ein Lieblings-Exponat?

Wenzler: Ja, weil da auch eine grandiose Geschichte dranhängt. Es gab in Paris den Graf Albert de Dion, eine Art historischen Elon Musk. Er hat viel privates Kapital in seine Firma gesteckt, die zeitweise der bedeutendste Automobilhersteller der Welt war: de Dion-Bouton. Wir haben einen Motor in der Ausstellung, der ein Lizenzbau von de Deion-Bouton ist. Auf der Seite des Gehäuses steht Cudell & Co Aachen, denn der Aachener Max Cudell wollte ebenfalls Fahrzeuge bauen und hat sich in Paris die Lizenz geholt. Das älteste Auto der Ausstellung ist ein Cudell mit genau diesem de Dion-Bouton-Motor. Mein Lieblingsexponat ist ein Internetfund von jemandem, der Cudells restauriert. Er hat uns diesen Motor angeboten. Der ist in einem schrecklichen Zustand, mit Löchern drin, verrostet und kaputt. Aber hat alles, was er braucht, um diese Geschichte zu dokumentieren.

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