Stolberg: Das Taxi ist die zweite Heimat

Stolberg: Das Taxi ist die zweite Heimat

Der gelbe Personenbeförderungsschein von Günter Senftleben ist übersät mit Stempeln. Er ist so ausgeblichen und mit so vielen Erneuerungen versehen, dass die Polizei bei einer Verkehrskontrolle lange suchen musste, um den Stempel seiner aktuellen Fahrerlaubnis ausfindig zu machen.

„Fast wollten sie mich nicht weiterfahren lassen”, lacht Senftleben. Der gelbe Schein steckt voller Erinnerungen an 49 Jahre Taxifahrertätigkeit in der Kupferstadt. Fast ein halbes Jahrhundert stand der 76-Jährige im Dienst der verschiedensten Taxiunternehmen und ist damit Stolbergs dienstältester Taxifahrer.

Ob „Thonke”, „Drehsen”, „Fritzemeier” oder „Bougé”. Die Liste der Unternehmen, für die er seit 1960 seine Runden drehte, ist lang und im Gegensatz zu ihnen, ist Senftleben immer noch aktiv.

Doch nun kann er die Arbeitstage für seine aktuelle Firma Koppermann noch an einer Hand abzählen. „Mach doch noch die 50 voll”, haben seine Kollegen gesagt, aber am 23. März ist nun endgültig Schluss.

Der Aufwand, seine Fahrerlaubnis nochmals zu erneuern, sei ihm zu hoch, sagt er. Auch Partnerin Resi konnte ihn letztendlich überzeugen, den Taxischlüssel an den Nagel zu hängen und seine Leidenschaft für das Autofahren zukünftig auf private Unternehmungen und Reisen zu beschränken.

Sowohl beruflich als auch privat kann Günter Senftleben auf ein abwechslungsreiches und bewegtes Leben zurückblicken. Mit zwölf Jahren wurde er mit seiner Familie zum Ende des Krieges aus Schlesien vertrieben.

Nach kurzem Aufenthalt in Calau in der Lausitz zog es die Familie 1947 in das hessische Marburg. Dort blieb Günter Senftleben bis er 17 Jahre alt war.

Nach abgeschlossener Schneiderlehre - 17,50 D-Mark die Woche waren ihm zu wenig - packte er seine Sachen und verließ die Familie Richtung Rheinland.

Bis zur Rente bei Schwermetall

Dort lockte der vielversprechende Bergbau viele junge Männer in die Region und Senftleben war fortan bei den Kumpeln in Alsdorf-Mariadorf beschäftigt.

In der Kupferstadt arbeitete Senftleben seit 1964, zunächst in der Gießerei von Prym, danach bei Schwermetall, bis zu seiner Rente. Für Nebenjobs war er sich dabei nie zu schade.

„Morgens kam ich um 6 Uhr von der Nachtschicht. Danach bin ich noch bis mittags Taxi gefahren”, berichtet das Arbeitstier. Auch Partnerin Resi Strich charakterisiert ihren Lebensgefährten als strebsam, pünktlich und natürlich lustig.

„Er hat nie nein gesagt, wenn er für weitere Touren gefragt wurde und war immer zur Stelle”, erinnert sie sich. Außerdem sagt sie: „Das war wenigstens einer, der den Fahrgästen noch die Türe aufgemacht hat”.

Sie muss es wissen, denn durch das Taxifahren haben sich die beiden erst kennengelernt und nach dem Tod ihrer Partner zu ihrem zweiten Glück gefunden.

„Er war immer freundlich und hilfsbereit zu seinen Kunden”. Das bestätigen auch sein Chef Heinz Koppermann und Kollege Peter Klotz. „Günter und zu spät kommen? Das gab es nicht”, erinnern sich die beiden an den stets zuverlässigen Kollegen.

Sie finden es sehr schade, dass er das Taxiunternehmen zum Ende des Monats verlässt, denn: „Güter war wirklich ein prima Kerl”, lobt Kollege Klotz.

Doch auch der größte Gentleman am Taxisteuer bleibt von Sanktionen nicht verschont, wenn er es einmal zu eilig hat und dabei erwischt wird.

Vor einigen Jahren sei er in Düsseldorf geblitzt worden und „durfte dann einen Monat zu Fuß gehen”, scherzen seine Kollegen.

Viel auf Stolbergs Straßen erlebt

Auch sonst hat der 76-Jährige viel auf Stolbergs Straßen erlebt, kennt so ziemlich jede Straße in der Stadt und ihrer Umgebung und hat viele Stammkunden.

„Man kennt mittlerweile fast jeden”, erzählt er. 90 Prozent der Fahrgäste seien Stammkundschaft und auch Heinz Koppermann erzählt: „Den Taxiopa kannte jeder”. Neben vielen lustigen Anekdoten aus seinem Taxifahreralltag, als er damals bei „Fritzemeier” einige Fahrgäste regelmäßig zu Bordellausflügen nach Aachen kutschierte, habe er auch einmal richtig Angst um sein Leben gehabt, berichtet er.

„Im Wald zwischen Vicht und Schevenhütte habe ich zwei Fahrgäste nach Hause gebracht. Wenn man nachts immer tiefer in den Wald geführt wird und weit und breit kein Haus sieht, da macht man sich schon so seine Gedanken”, berichtet Senftleben. Doch seine Kunden beruhigten ihn: „Keine Angst, wir wohnen wirklich hier”.

„Früher hat das Taxifahren mehr Spaß gemacht”, blickt der erfahrene Taxifahrer auf fast 50 Jahre Berufserfahrung zurück. „Wir hatten immer die neusten Autos und es war viel mehr zu tun”.

Doch vermissen wird er seinen Nebenjob trotzdem. Vor allem die Gewohnheit, früh am Morgen in sein Taxi zu steigen und viel Kontakt zu anderen Leuten zu haben, werde ihm fehlen.

Voller Tatendrang

Vielleicht hat sein langes Arbeitsleben den 76-Jährigen auch nach seiner Rente jung und fit gehalten, denn immer noch stecken er und Partnerin Resi voller Tatendrang und haben noch viel vor.

„Viel Reisen und rumfahren. Vielleicht noch mal nach Spanien”, sagt der leidenschaftliche Autofahrer.

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