Stolberg: Damals Nesthäkchen, heute Urgesteine

Stolberg : Damals Nesthäkchen, heute Urgesteine

Groß sind die beiden — und das in vielerlei Hinsicht. Groß gewachsen, im Stolberger Sportverein (SSV) groß geworden und auch innerhalb ihrer beiden Mannschaften haben sie sich zu wahren Größen entwickelt. Daniel (32) und Stefan (36) Sanft sind wohl die bekanntesten Gesichter des SSV.

Angefangen haben die Brüder im Alter von vier oder fünf Jahren im Schwimmverein. „Aber mit 13 oder 14 Jahren hat man keine Lust mehr, immer nur Bahnen zu schwimmen“, sagt Stefan Sanft. Also hat sich Stefan für eine naheliegende Sportart entschieden: Wasserball sollte es sein. Schnell stellte sich raus: Stefan hat Talent. Eine Sondergenehmigung musste her, denn mit gerade einmal 15 Jahren war er damals eigentlich noch viel zu jung, um in der ersten Herrenmannschaft zu spielen.

Auf dem Spielfeld gibt er vollen Einsatz: Daniel Sanft spielt Handball beim SV. Foto: Lennart Ebersbach

Auch Daniel wurde das Bahnenziehen im Schwimmbad irgendwann zu langweilig. Handball faszinierte ihn aber mehr. Und so wechselte auch er die Sportart innerhalb des Stolberger Vereins und stieg in die C-Jugend der Handballer ein. Eigentlich war auch er mit seinen 17 Jahren zu jung für die erste Herrenmannschaft, aber das hielt ihn nicht davon ab, seine Mannschaftskollegen mit seinem sportlichen Geschick zu überzeugen.

Stefan Sanft (vorne 4. von links) ist auch bei den Wasserballern aktiv. In einem harten Sport.

Der Ehrgeiz ist den Sanft-Brüdern in die Wiege gelegt. „Vor allem als Jüngster in der Mannschaft muss man noch mal etwas ehrgeiziger sein, als die Kollegen“, sagt Daniel, der mit seinem Bruder auf der Tribüne der Sporthalle Glashütter Weiher sitzt und einer Jugendmannschaft beim Handballtraining zuschaut.

Diesen Ehrgeiz haben die Brüder bis heute nicht verloren. „Wenn ich ins Wasser gehe, will ich gewinnen“, sagt Stefan. „Wir spielen immer ergebnisorientiert“, stimmt Daniel zu.

Viele Gemeinsamkeiten

Obwohl die beiden Sportarten völlig unterschiedlich scheinen, finden die beiden Brüder viele Elemente, die Wasserball und Handball verbinden. „Das Runde muss ins Eckige“, sagt Daniel vereinfacht und lacht. Natürlich unterscheiden sich die Wurftechniken und auch die Ballformen voneinander, aber einige Elemente wie die Grundaufstellung oder Konter-Taktiken seien in beiden Sportarten sehr ähnlich. Außerdem müssen die Spieler viel Ausdauer beweisen. „Die richtige Kondition ist brutale Voraussetzung in beiden Sportarten“, sagt Stefan. Dabei sind sich beide Brüder sicher, dass sie auf dem jeweils anderen Spielfeld keine gute Figur machen würden.

Hinzu kommt eine weitere Gemeinsamkeit: Auf dem Spielfeld geht es mitunter sehr wild zu. Da bleiben Verletzungen nicht aus, auch wenn die Sanft-Brüder bei dem Thema nur mit der Schulter zucken. Im Handball sei die Gefahr groß, sich an den Bändern zu verletzen. Nach einer schweren Verletzung am Fuß ist Daniel fünf Monate lang ausgefallen.

Auch Stefan kann eine lange Liste von Blessuren aufzählen, darunter Rippenbrüche, gebrochene Nase und Hakenbein. Über der Wasseroberfläche würden Zuschauer kaum mitkriegen, wie brutal es unter Wasser manchmal zugeht. Prellungen, Kapselrisse und eben auch gebrochene Rippen würden häufig vorkommen. Dabei passieren Tritte oder Stöße nicht immer mit Absicht. „Entweder man ist gesund oder man treibt Sport“, sagt Daniel schmunzelnd.

Während Stefan nach der Schule für das Studium nach Aachen zog und dort mit der Wasserball-Mannschaft sogar in der Bundesliga spielte und vor sechs bis sieben Jahren zurück in die Herrenmannschaft des SSV wechselte, blieb Daniel dem Stolberger Sportverein auch während des Studiums treu. „Seit ich 17 bin habe ich die erste Mannschaft nicht verlassen. Ich glaube, ich bin der Einzige, der nie woanders gespielt hat“, sagt der 32-Jährige nicht ohne Stolz.

Durch Dick und Dünn

Daniel hat seine Mannschaft ganz oben erlebt und ist ihr auch treu geblieben, als sie vier Ligen bis zur Kreisliga abgestiegen ist, dem Verein das Geld ausging und viele Mannschaftskollegen daraufhin den Verein verlassen haben. Einige von ihnen sind inzwischen wieder zum SSV zurückgekehrt, denn die Handball-Herrenmannschaft kämpft sich langsam wieder nach oben.

„Es ist der besondere familiäre Charakter, der den Stolberger Sportverein auszeichnet“, sagt Stefan mit großer Überzeugung. Das zeige sich nicht nur beim Sport, sondern auch an den vielen gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie Karnevalsfeiern und Pfingstlager, die das Vereinsleben ausmachen.

Während sich die Handballer keine Sorgen um den Nachwuchs machen müssen, und es nur die besten Spieler in die erste Herrenmannschaft schaffen, geht es den Wasserballern besonders um den Spaß an der Sportart. „Beim Wasserball ging es noch nie ums Geld, denn das ist und bleibt eine Randsportart“, sagt Stefan.

Der Verein ist klein und familiär, die Mannschaft seit Jahrzehnten zusammengewachsen. Zwar gäbe es auch dort sehr gute Nachwuchsspieler, aber der Druck sei nicht so stark wie beim Handball. „Ich werde nicht bis 50 in der ersten Mannschaft spielen. Wenn ich noch zwei bis drei Spielzeiten mit den jungen Spielern mithalten kann, ist das super“, gibt der 32-jährige Daniel zu.

Für Stefan ist noch kein Ende in Sicht. Sein Verein spielt an der Spitze der Oberliga und könnte sogar bald in die zweite Bundesliga aufsteigen. „Ich bin mit meinen 36 Jahren fast der Älteste in der Mannschaft, aber ich möchte so lange spielen, wie es körperlich und familiär möglich ist“, sagt der Vater zweier kleiner Kinder. Auch sein kleiner Bruder Daniel ist verheiratet.

Die Sanft-Brüder haben ein sehr enges Verhältnis zueinander. Sie unterstützen sich gegenseitig, feuern den anderen am Wochenende bei den Spielen an. Früher haben sie freitags noch zusammen Fußball gespielt, aber mit Job, Sport und Familie fehlt dazu inzwischen die Zeit. Trotzdem sind die beiden ein eingeschweißtes Team. „Daniel ist mein einziger Bruder, war Trauzeuge bei meiner Hochzeit, ist Patenonkel meiner Kinder und wir fahren auch gemeinsam in den Skiurlaub“, sagt Stefan stolz. Außerdem verbindet beide das Berufsleben. Stefan ist Sonderpädagoge an der Stolberger Regenbogenschule, Daniel ist Gymnasiallehrer.

Kein Ende in Sicht

Ans Aufhören denken die beiden Brüder noch lange nicht. Und selbst wenn, werden sie dem Stolberger Sportverein weiter treu bleiben. „Wir haben zurzeit keine Altherren-Mannschaft im Handball. Vielleicht gründe ich ja eine“, sagt Daniel amüsiert. Er könne sich auch vorstellen eine Jugendmannschaft zu trainieren. „Aber noch denke ich da nicht dran. Auch wenn ich der Älteste in der Mannschaft bin, möchte ich gerne noch so lange wie möglich selbst auf dem Spielfeld stehen“, sagt er.

Auch Stefan will seine Mannschaft weiter unterstützen. Er könnte sich ebenfalls vorstellen, später mal eine Jugendmannschaft zu trainieren, denn seine kleinen Kinder zeigen bereits jetzt Interesse an dem Sport und stibitzen ab und zu seine Wasserball-Kappe, auch wenn sie für das große Sportbecken noch viel zu klein sind.