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Kostendruck steigt: Dalli baut 36 Arbeitsplätze ab

Kostendruck steigt : Dalli baut 36 Arbeitsplätze ab

Das Stolberger Traditionsunternehmen Dalli baut 36 Stellen in der Verwaltung ab. Die betroffenen Mitarbeiter sollen in eine Transfergesellschaft vermittelt werden. Die Gewerkschaft will Anfang Juli wieder Verhandlungen aufnehmen.

Angesichts eines zunehmend härter werdenden Wettbewerbs will sich die Dalli-Gruppe effizienter aufstellen. Das seit Jahresbeginn laufende Programm „Fit for Future“ beinhaltet neben Optimierungen von Prozessabläufen den Verzicht auf Lohnsteigerung und Weihnachtsgeld der Belegschaft sowie den Abbau von 36 Arbeitsplätzen – ausschließlich in der Verwaltung, wie Reinhold Schlensok als Vorsitzender der Geschäftsführung im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt.

In dieser Situation wirbt die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) um neue Mitglieder, die ihnen bei den Verhandlungen mit dem Unternehmen den Rücken stärken sollen. Denn eigentlich geht es der Dalli-Gruppe gut. Nach drei Jahren Vorbereitung werden dieser Tage die neue Kantine und der neue Werksverkauf eröffnet. Die drei Standbeine Produktion für Industriebetriebe, Eigenmarken sowie das besonders wichtige Handelsmarken-Segment entwickeln sich besser als geplant, bestätigt Schlensok.

Für das Geschäftsjahr 2018 veröffentlichte der Konzern inklusive der Mäurer & Wirtz-Gruppe Anfang diesen Jahres einen Überschuss in Höhe von 15,415 Millionen Euro. Zwei Jahre zuvor waren es allerdings noch gut 36 Millionen Euro. Für die Dalli Werke GmbH & Co KG wird die Bilanz nur beim Bundesanzeiger eingereicht, jedoch nicht publiziert.

Im vergangenen Jahr ziehen Wolken auf am Horizont. Der Preiskampf unter den Handelsketten verschärft sich zusehends. Das trifft die Lieferanten. „Der Wettbewerb ist beinhart“, sagt Reinhold Schlensok. Im Herbst verliert das Unternehmen den Millionen Euro schweren Liefervertrag für Putz- und Waschmittel bei der Lidl-Gruppe. „Das war eine Warnlampe, die aufleuchtete“, verdeutlicht Schlensok.

Die Schwerpunkte des Handels verschieben sich beim Einkauf. Neben innovativen und neuen Produkten, Sicherheit, Zuverlässigkeit und Qualität mit besten Testurteilen rückt zunehmend der Preis als Auswahlkriterium in den Mittelpunkt. Er wird für den Handel zunehmend zum Verkaufs- und somit zum Einkaufsargument. Für die Hersteller, die bei minimalen Margen über die Menge ihre Erlöse erzielen, wird die Preisfrage zur Überlebensaufgabe.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Handel dazu tendiert, Produkte regional statt zentral zu beschaffen und die Discounter immer mehr Markenprodukte ins Sortiment nehmen. Absatz und Umsatz schwinden bei den Lieferanten. Auch bei Dalli.

Im Januar überdenken im früheren „Dollgarten“ Beirat und Geschäftsführung ihre Strategie. Wesentliches Ergebnis: „Dalli muss seine Kostenstrukturen verbessern“, sagt Reinhold Schlensok.

Vor diesem Hintergrund legt die Geschäftsführung das auf drei Jahre angelegte Programm „Fit for Future“ auf. „Wir müssen jetzt unsere Hausaufgaben machen“, so Schlensok, „um zukünftig weiter wettbewerbsfähig sein zu können“. Aus eigener Kraft soll das Familienunternehmen nachhaltiger aufgestellt werden.

Zwei Ziele sind definiert: Mit mehr Umsatz zusätzliche Erträge zu generieren, und mit verbesserter Effizienz die Kosten zu reduzieren. Zudem wird geprüft, wie beim Einkauf der Rohstoffe Kosten reduziert werden können.

Alle Bereiche des Unternehmens rücken in den Fokus. „Dazu haben wir bewusst keine externen Berater ins Unternehmen geholt“, betont Schlensok. Stattdessen setzt das Familienunternehmen auf die Kenntnisse und Erfahrungen seiner Beschäftigten „ganz im Sinne der Dalli-Kultur“.

In mehreren Teams arbeiten 40 Mitarbeiter die Punkte heraus, an denen Kosten eingespart und Ergebnisse verbessert werden können. Das betrifft die gesamte Wertschöpfungskette ebenso wie die Verwaltung.

Die Ergebnisse wurden mit der Geschäftsführung abgestimmt und befinden sich jetzt in der Umsetzungsphase. Zu dem Programm sieht Schlensok „keine Alternative“. Das umfasst neben Optimierungen bei Technik und Betriebsabläufen auch spürbare Einschnitte im Personalbereich.

Die Geschäftsführung will den Mitarbeitern für die Jahre 2020 und 2021 den Verzicht auf Lohnerhöhungen und für dieses Jahr den Verzicht auf das Weihnachtsgeld abverlangen.

Aus Sicht von Schlensok ist das ein zumutbarer Beitrag zur Zukunftssicherung des Unternehmens. „Der Tarifvertrag beinhaltet eine Öffnungsklausel, laut der sogar eine Kürzung des Entgelts um bis zu sieben Prozent möglich ist“. Soweit wolle man nicht gehen.

Allerdings soll der im vergangenen Jahr vereinbarte Demographie-Betrag umgeschichtet werden. Er sieht für Mitarbeiter etwa für den Fall des Vorruhestandes eine Rückstellung vor, mit der Einbußen ausgeglichen werden sollen. 175 Euro für vergangenes Jahr, 500 Euro für dieses Jahr waren vereinbart.

Ein für Schlensok unverzichtbarer Bestandteil des „Fit for Future“-Programms ist der Abbau von 36 Arbeitsplätzen quer durch alle Bereiche der Verwaltung. „Die Produktion ist davon explizit ausgenommen“, betont der Vorsitzende der Geschäftsführung. Die Dalli-Gruppe beschäftigt konzernweit rund 1880 Mitarbeiter. Am Standort Stolberg sind es insgesamt etwa 850 Beschäftigte, davon 550 in der Verwaltung.

Jeder einzelne dieser Arbeitsplätze in der Verwaltung sei von den Teams sehr genau analysiert worden. Die vom Abbau betroffenen entsprächen nicht mehr heutigen Anforderungen. Eine Chance, die betroffenen Menschen im Familienunternehmen anderweitig weiter zu beschäftigen, sieht der Geschäftsführer nicht.

Ein „plakatives Beispiel“ überflüssiger Aufgaben in der Verwaltung lässt sich Reinhold Schlensok entlocken: „Bei uns werden noch Unterschriftenmappen durch die Verwaltung getragen. Das geht heute schneller und einfacher digital“.

Die 36 Betroffenen sind informiert und sollen mittels einer Transfergesellschaft in andere Arbeit weitervermittelt oder in Vorruhestand und Pensionierung begleitet werden. Diese Aufgabe soll der Düsseldorfer Personaldienstleister von Rundstedt & Partner übernehmen. Finanziert werden sollen die Leistungen der Transfergesellschaft unter anderem mit den eigentlich für den Demographie-Vertrag vorgesehenen Mitteln. Darüber herrsche Einvernehmen mit dem Betriebsrat, da in Vorjahren das Budget ohnehin noch nicht in Anspruch genommen worden sei, argumentiert Reinhold Schlensok. Der Betriebsrat habe dem Personalabbau nicht widersprochen.

„Wir wurden nur vor die Alternative gestellt, den Personalabbau nach den üblichen Sozialkriterien zu vollziehen oder nach Namensliste mit Transfergesellschaft“, was das kleinere Übel sei, hieß es dazu aus Kreisen der Belegschaftsvertretung, die weder persönlich zitiert werden noch weitere Stellungnahmen zu den eingeforderten Einbußen abgeben wollte: „mit Blick auf die noch ausstehenden Verhandlungen“.

Die Gespräche mit der IGBCE würde die Geschäftsleitung gerne forcieren, sie ruhen allerdings seitens der Gewerkschaft mit Verweis auf die Einschränkungen durch Corona.

Im Detail geht es um den Abschluss eines neuen Haustarifvertrags. Die im Januar 2019 geschlossene Vereinbarung hatte eine Laufzeit von zwölf Monaten und sah neben dem Demographie-Beitrag eine Entgeltverbesserung über 2,75 Prozent vor.

Zuletzt verhandelt mit der Geschäftsleitung wurde Ende März. „Unser Präsenzverbot ist erst in dieser Woche aufgehoben worden“, erläutert auf Anfrage Sekretär Ernst Ungermann aus der Alsdorfer Bezirksstelle die Verhandlungspause.

Die IGBCE hat in der Zwischenzeit per Aushang die Beschäftigten über die Forderungen informiert.

Die Gewerkschaft selbst hat das Unternehmen aufgefordert, „die wirtschaftliche Situation von Dalli und Mäurer & Wirtz nachzuweisen“. Sie soll anhand der Dokumente von Fachleuten in der Hauptverwaltung geprüft und bewertet werden.

„Die Auswertung der überlassenen Unterlagen ist noch in Arbeit“, so Ungermann. Er rechnet damit, dass die Verhandlungen Anfang Juli wieder aufgenommen werden können. „Dann kommt uns aber noch die Urlaubszeit dazwischen“. Das würde die von der Geschäftsleitung angestrebten Einbußen weiter auf die lange Bank schieben.