Stolberg: City-Tarif bringt 20 Prozent mehr Fahrten

Stolberg : City-Tarif bringt 20 Prozent mehr Fahrten

Mit einer solchen Resonanz hatte vor zwei Jahren wohl niemand gerechnet, als sich der Stolberger Stadtrat dazu entschloss, einen City-Tarif für das Stadtgebiet einzuführen und ihn zu subventionieren. 60.000 Euro hatte die große Koalition dazu im Haushalt bereitgestellt.

Mit einem Zuschussbedarf von 42.000 bis 53.000 Euro hatten die Fachleute eines Ingenieurbüros im Falle eines starken Zustroms von Kunden kalkuliert. Nun macht die Aseag die Rechnung auf für das vergangenen Jahr: Lediglich 13.965 Euro an Mindereinnahmen muss die Stadt der Aseag erstatten. Nicht nur der City-Tarif hat Kunden zurück auf Bus und Euregiobahn geholt, sondern auch die bisherige normale Preisstufe 1 wurde trotz der vergünstigten Innenstadt-Fahrscheine stärker genutzt, als erwartet.

Begonnen hatte alles im Juni 2013, als der Aachener Verkehrsverbund (AVV) ein neues Tarifsystem einführte. Die neue Kurzstrecke reicht seitdem nur noch vier Haltestellen weit. Seinerzeit 1,50 Euro, heute 1,60 Euro kostete das neue „Flugs-Ticket“, mit dem die Stolberger aber nicht mehr wie zuvor gewohnt aus den der Innenstadt nahen Stadtteile ins Zentrum kamen. Wer dorthin wollte, musste angesichts der topographischen Situation in Stolberg gleich einen Fahrschein der Preisstufe 1 zum Preis von damals 2,55 Euro, heute 2,70 Euro, erstehen, weil man in der Regel weiter als vier Haltestellen reisen muss.

Ein Sturm der Entrüstung brach unter Stolberger Aseag-Kunden aus. Preissteigerungen bis zu 70 Prozent waren für sie die Folge des veränderten Tarifsystems. Der AVV argumentierte, in den meisten Kommunen würden die Kunden durch die Neuerung nun besser gestellt, Stolberg sei dagegen zuvor bevorzugt worden.

Zuvor bedeutete viele Jahre, in denen die Stolberger in der kompletten Zone 29 für den Kurzstrecken-Tarif fahren durften: zwischen Vicht Kirche und Gut Schwarzenbruch hinter Atsch, vom Birkengang auf dem Donnerberg bis zur Elgermühle im Gedautal. Diese Zone deckte den bevölkerungsreichsten Teil Stolbergs ab. Die übrigen drei Kurzstreckenzonen im Stadtgebiet — 30 (Dorff, Breinig, Venwegen), 31 (Gressenich, Mausbach, Schevenhütte, Werth) und 32 (Vicht, Zweifall) — erreichten mit 19.143 Fahrten nicht einmal zehn Prozent der Verbindungen in der 29er Zone mit 232.251 Fahrten (Stand 2011).

Nach intensiven Gesprächen mit dem AVV und weiteren Untersuchungen führte Stolberg zum 1. November 2016 für den Bereich dieser alten Kurzstreckenzone 29 einen City-Tarif zum Preis von 1,80 Euro bzw. 6,80 Euro für das Vierer-Ticket (das entspricht 1,70 Euro pro Fahrt) für Bus und Bahn ein. Grundlage der Vereinbarung ist, dass die Stadt die Differenz zwischen dem Soll, den potenziellen Einnahmen ohne City-Tarif, und dem Ist, den tatsächlichen Einnahmen, übernimmt. Dabei wurde auf eine Auswertung der ersten beiden Monate verzichtet, die zur Etablierung des Stolberg-Tarifes am Markt führen sollten. Dabei zeigte im Herbst vergangenen Jahres bereits eine Prognose der Aseag für unsere Zeitung auf Basis der ersten neun Monate in 2017, dass sich der City-Tarif in der Kupferstadt schnell etabliert hatte: Insgesamt 53.427 City-Tickets gingen bis Ende September über die Theke; knapp 72.000 prognostizierte die Aseag für das ganze Jahr.

Die nun vorliegende Bilanz listet 61.619 Einzelfahrscheine und 1963 Vier-Fahrten-Karten im City-Tarif auf sowie in der Preisstufe 1 weitere 27.519 Einzelfahrscheine und 1880 Vier-Fahrten-Karten. Diese Zahlen werden auf das Jahr 2015 bezogen, in dem insgesamt 83.612 Fahrten (69.292 Einzelkarten und 3455 Vier-Fahrten-Karten der Preisstufe 1) verkauft wurden. „Es wurden also 2017 rund 20 Prozent mehr Fahrten verkauft als 2015“, bilanziert Aseag-Sprecher Paul Heesel die um den Stolberg-Tarif bereinigten Zahlen. „Auch ohne City-Ticket hätte es mehr Fahrten in Stolberg gegeben, dann liegt die Steigerung bei rund 25 Prozent“, so Heesel.

Verkehrspolitisch bemerkenswert

„Tatsächlich stellte sich der Rückgang bei den normalen Tickets der Preisstufe 1 durch die Einführung des City-Tarifes nicht so gravierend wie angenommen heraus“, sagt auch Tobias Röhm in seiner Stellungnahme für den Ausschuss für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt. Und damit fallen auch die finanziellen Folgen mit 13.965 Euro deutlich geringer als kalkuliert aus, so der Technische Beigeordnete. „Vor allem verkehrspolitisch bemerkenswert“, so Röhm weiter, „ist die sehr gute Akzeptanz des City-Tarifes und eine entsprechend hohe Nutzung“.

So hatten die Verkehrsingenieure vor drei Jahren prognostiziert, dass eine Einführung des City-Tarifs eine Steigerung der Fahrgastzahlen um 13 Prozent erwarten ließe. Dass diese nun bei rund 20 Prozent liege, zeige, „dass der City-Tarif eine sinnvolle und gut angenommene Anpassung der Tarifstruktur darstellt“, sagt Röhm. Die Einführung des City-Tarifes könne demnach als Erfolg angesehen werden.

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