Stolberg: Berzelius auf Suche nach Ausweg aus der Ertragslage

Stolberg : Berzelius auf Suche nach Ausweg aus der Ertragslage

„Der Preisverfall ist mittlerweile dramatisch“, sagt Dr. Urban Meurer. Als Primärmetallhütte „lebt“ Berzelius Binsfeldhammer in erster Linie von den Schmelzlöhnen — das Entgelt, das die Hütte von der Aufbereitung der Rohstoffe in Blei, Silber und Gold erhält. Seit eineinhalb Jahren ist der Erlös für die Arbeit, die die rund 280 Mitarbeiter in der Bleihütte leisten, rückläufig.

„Die Situation wird immer schwieriger“, sagt der BBH-Geschäftsführer. „Es ist ein unfairer Wettbewerb“.

IGM prüft wirtschaftliche Lage

Die Nachfrage nach Blei, Silber und Gold steige zwar, aber die Wertigkeit der Produktion in China sei eine andere als in Westeuropa. Alleine schon durch den Preisunterschied lohne es sich, die Konzentrate zur Aufbereitung in das „Land des Lächelns“ zu verschiffen. Derweil werde es für das Stolberger Unternehmen immer schwieriger, Rohstoffe für die Herstellung einkaufen zu können. „Denn wir wollen ja produzieren und unsere Mitarbeiter beschäftigen können“, sagt Meurer.

Für die Mitarbeiter hat die schwindende Ertragslage aber eine andere Seite der Medaille. Sie sollten auf die seit April geltende Tariferhöhung in Höhe von 4,3 Prozent für die Dauer eines Jahres verzichten. „Das hat das Unternehmen beantragt“, sagt Martin Peters, „und damit das sogenannte Pforzheimer Verfahren in Gang gesetzt“. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall verweist auf eine lokale Tarifkommission aus Vertretern der Belegschaft und des Unternehmens, das über die Konditionen eines Verzichts auf Tariferhöhung zu verhandeln hat.

Dem voraus geht eine Überprüfung der wirtschaftlichen Zahlen des Unternehmens durch einen Experten der Gewerkschaft. Diese hat ergeben, dass die Grundlagen für eine solche Verhandlungsrunde bestehen. Peters: „Das Verfahren ist für uns nicht neu“. Bei KME und Leoni Kerpen wurde es in der jüngeren Vergangenheit in Stolberg angewandt. Und im Vorjahr bei Berzelius, wo es letztlich an der Abstimmung in der Belegschaft knapp gescheitert sei, sagt Meurer. „Damals waren wir aufgrund der Kürze der Zeit nicht so gut vorbereitet, aber diesmal haben wir umfassend und transparent über die Lage des Standortes und seine Rolle auf dem Weltmarkt informiert.“

Betriebsratsvertreter mit ihrem Vorsitzenden Jürgen Müllegans an der Spitze sowie Martin Peters auf der einen sowie Management-Vertreter auf der anderen Seite handelten einen mehrere Punkte umfassenden Plan aus. Dem Verzicht auf mehr Lohn auf der einen standen Gegenleistungen auf der anderen Seite gegenüber. Unter anderem auch eine Einsparung an extern eingekauften Leistungen in gleichem Umfang. Dies war eine „Kernforderung auf Seiten der Belegschaft“, so Peters, und „auch im Sinne des Unternehmens“, so Meurer.

Die Folgen sind noch offen

Die Kommission einigte sich über das Kompromisspapier. Aber bei der Abstimmung unter der gewerkschaftsangehörigen Belegschaft — rund 80 Prozent bei Berzelius — wurde es mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. „Es fehlte den Mitarbeitern wohl an Vertrauen in die Umsetzung durch die Werksleitung“, analysiert Peters das Ergebnis.

Die Konsequenzen: „Den Mitarbeitern werden die aktuellen Tariflöhne gezahlt“, berichtet Peters. „Und in unserem Stab beraten wir derzeit, wie die dramatische Ertragslage kompensiert werden kann“, sagt Urban Meurer. „Details stehen noch nicht fest.“

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