Bei Großveranstaltungen

Nach dem Spülmobil : Dem Wegwerf-Plastik schwört Stolberg später ab

„Wir wollen der Plastik- und Wegwerfkultur etwas entgegensetzen“, postulierten die Mütter und Väter des Burghaus-Vereins anno 1984. Keine zwei Jahrzehnte später beschlossen die Ratsgremien auf Vorstoß der Grünen, künftig bei Großveranstaltungen auf Wegwerfplastik zu verzichten.

Weitere zwei Jahrzehnte später wird Vergleichbares auf Vorstoß der Jusos beschlossen, weil die Stadt sich an den alten Beschluss nicht gehalten hat: „Ausschankgenehmigungen bei städtischen Veranstaltungen sind nur noch unter dem Vorbehalt der Nutzung von umweltfreundlichen, mehrmals nutzbaren Hartplastikbechern oder sonstigen geeigneten Alternativen zu erteilen“, lautet die Forderung angesichts der aktuellen Plastik-Krise und den Plastikmüllbergen bei Stolberger Großveranstaltungen in Zeiten, in denen „das Meer im Plastik schwimmt“.

Dennoch läuft einen Monat später „Stolberg goes Cuba“ mit einem Meer von Plastikbechern über die Bühne, als wäre Müllvermeidung noch nie ein Thema gewesen. Und auch bei der Stadtparty am ersten September-Wochenende darf sich der Besucher auf den Veranstaltungsplätzen auf eine Reihe Plastikbeckern und -besteck einrichten.

„Nächstes Jahr wird alles besser“, verspricht der städtische Event-Manager Jürgen Gerres nach kritischen Nachfragen. Dann sollen auch bei den städtischen Großveranstaltungen nachhaltige Akzente gesetzt werden in Richtung Abfallvermeidung. Und warum noch nicht in diesem Jahr?

Ganz einfach, weil die Vertragspartner der Stadt in Sachen Bewirtschaftung noch auf einem kleinen Berg an Wegwerf-Plastikbechern „sitzen“, der zunächst verbraucht werden soll. „Es wäre ja auch nicht im Sinne der Sache, diese Becher einfach ungenutzt zu entsorgen“, meint Gerres. Da wird man wohl noch einmal in den sauren Apfel – oder besser noch Plastikbecher – beißen müssen, während die Organisatoren geeignete Lösungen für die Veranstaltungen im kommenden Jahr suchen wollen.

Aber bereits bei den Kupferstädter Weihnachtstagen wird es im Vergleich zur Stadtparty wesentlicher nachhaltiger zugehen“; so Gerres. Immerhin gibt es dort bereits seit Jahren die beliebten Glühwein-Becher aus Glas und Porzellan, die gerne auch als Souvenir gekauft und mitgenommen werden. Und selbst das Bier wird bei diesem Veranstaltungsangebot mit Flair und Ambiente eigentlich schon immer im Glas serviert.

Hartplastikbecher für ein Euro wurden während des Musikfestes in der Partnerstadt Valognes den ganzen Tag über wieder verwendet. Foto: ZVA/Sonja Essers

Eine wunderbar einfache Lösung zur Vermeidung von Wegwerfbechern präsentierten im Juni die Städtepartner in Valognes beim großen Fest ihrer Musikschule im Stadtpark ihren erfreuten Gästen aus Stolberg: Für einen Euro kaufte man einen stabilen Hartplastikbecker mit Skala. Der begleitet den Besucher die ganze Veranstaltung über: Zum Nachschenken reichte man ihn einfach weiter an die Bedienung. Auch dieser Becker eignete sich als Souvenir zum Weiternutzen oder einfach auch zum Mitnehmen beim nächsten Event.

Wer sich noch an die Zeiten der Jahrtausendwende erinnern kann, der wird sich noch an das „Spülmobil“ erinnern, das bei jeder besseren Veranstaltung in der Kupferstadt und ihrem Umfeld im Einsatz war. Zwischen 1995 und 2006 gab es kaum ein Vereinsfest, bei dem nicht der Umwelt zuliebe Speisen auf Porzellan und Getränke in Gläsern serviert wurden. Frisch gespült für die Wiederbenutzung wurden Teller, Besteck und Gläser dann von Vereinsmitgliedern vor Ort.

Die Stolberger EWV stellte dieses Spülmobil zur Verfügung und organisierte den Verleih. „Es gab wohl kaum ein Wochenende, an dem es nicht im Einsatz war“; erinnert sich EWV-Expertin Klaudia Ratzke. Das Spülmobil war ein Anhänger, der alles enthielt, was für die Bewirtschaftung einer Veranstaltung erforderlich war. Von Besteck, Geschirr und Gläsern bis hin zu Waschbecken und Spülmaschine. Letztlich musste der Energieversorger seinen Service aber einstellen. Allzu oft war das Spülmobil bei der Rückgabe so verdreckt, dass ein EWV-Mitarbeiter einen Tag lang damit beschäftigt war, es wieder in Schuss zu bringen. „Wir haben es seinerzeit an den Stadtjugendring Eschweiler weitergegeben, wo es aber auch nicht mehr im Einsatz ist“, sagt Ratzke. Gar bundesweit für Schlagzeilen sorgte eine Bürgerinitiative aus Boslar bei Linnich, die im Mai 1990 das 11. Jugendfest von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Park von Schloss Bellevue „bespülte“. Die Bürger trieb die Sorge um um geplante Müllverbrennungsanlagen und Sondermülldeponien im Jülicher Land, sie setzten sich für Müllvermeidung ein. Sie schrieben dem Bundespräsidenten, der sie kurzerhand auf sein Fest einlud. Unterstützt wurden sie bei ihrem Ausflug nach Berlin von einem Waschmittelproduzenten, der sein erstes biologisch abbaubares Spülmittel präsentierte.

Beim Bundespräsidenten gespült

Anstelle des üblichen Plastikgeschirrs beschaffte das Bundespräsidialamt 5000 Porzellangedecke für die 3000 Besucher. 80 Auszubildende des Gastronomiegewerbes sammelten das benutzte Geschirr ein und brachten es in ein Spülzelt, wo die 48 Gäste aus dem Jülicher Land vom Morgen bis in den Abend es per Hand spülten. Auch Marianne von Weizsäcker packte spontan mit an. Der Bundespräsident lobte das Engagement: „Das ist mir der sympatischste Stand, Sie beschweren sich nicht nur einfach, sondern sie packen an“, sagte von Weizsäcker den Mitgliedern der „Spülinitiative“.

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