Automobil-Flaute sorgt für Kurzarbeit bei KMD Connectors und Aurubis

KMD und Aurubis betroffen : Automobil-Flaute sorgt für Kurzarbeit in Stolberger Metallindustrie

„Wenn in China ein Sack Reis umfällt, ist ein Stolberger darüber gestolpert“: So oder ähnlich spottet man in der Kupferstadt über Ereignisse in der Ferne, die für unwichtig gehalten werden. Aber seitdem die USA und China sich einen Handelskrieg liefern, machen sich die Auswirkungen selbst im fernen Stolberg bemerkbar. Die Kupferstadt wird in einem ihrer Lebensnerven getroffen – eben dem Kupfer.

Allen voran die KMD Connectors, die als ältestes Messingwerk der Welt firmiert, und Aurubis, „Erbin“ der nicht minder traditionsreichen Prymetall, spüren, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist. Beide Produzenten von Legierungen, die vor allem für Steckverbindungen in der Automobil- und Elektrobranche eingesetzt werden, fahren aktuell Kurzarbeit.

 „Der Absatz der Automobilindustrie ist dort spürbar zurückgegangen“, sagt Martin Thiel. Der Geschäftsführer der Stolberger KMD mit ihren rund 270 Mitarbeitern ist nah dran an der Entwicklung in China. Im vergangenen Jahr hat das Joint Venture des Kupferrohrproduzenten Golden Dragon Precise Copper Tube Group mit Sitz in Xinxiang und der KME AG mit Sitz im italienischen Florenz die neue Produktionsstätte in China in Betrieb genommen. Eigentlich mit dem Ziel, von dort die asiatischen Märkte zu beliefern und von Stolberg aus Europa besser betreuen zu können.

Aber auf dem alten Kontinent sieht die Lage nicht besser aus als im fernen Asien. Der Absatz der Automobile stockt. Die Verunsicherung durch die ungelöste Brexit-Frage und den neuen Abgastest WLTP (“Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure“) macht Thiel als weitere Ursachen aus.

KME stellt sich neu auf

„Nachdem es im vergangenen Sommer noch gebrummt hat, hat im vierten Quartal die Nachfrage nachgelassen“, sagt Thiel. Anfangs konnte eine Unterauslastung der Kapazitäten durch die Nutzung flexibler Arbeitszeitregelungen abgemildert werden. Aber mittlerweile ist der Nachfragerückgang so spürbar, dass seit dem 1. April an der Kupfermeisterstraße Kurzarbeit gefahren wird: mit 25 Prozent der Arbeitszeit.

Die großpolitische Lage macht sich bei KMD stets früh und besonders spürbar, weil das auf 444 Jahre Geschichte zurückblickende Unternehmen heute hauptsächlich die Vorprodukte für die Zulieferer der Automobilindustrie liefert. Die haben mittlerweile ihre – eher geringen – Lagerbestände reduziert und warten auf ein Anziehen der Nachfrage. Wann das sein wird, kann heute keiner seriös sagen. Erst einmal  „bis Ende September“ hat sich KMD auf Kurzarbeit eingestellt.

Großauftrag weggebrochen

Erschwerend kommt für das Werk an der Kupfermeisterstraße hinzu, dass ihm ein Mitbewerber einen Großauftrag vor der Nase weggeschnappt hat: Der international tätige Schweizer Konzern TE Connectivity hat einen Lieferauftrag über 5000 Tonnen bei den Gebrüdern Kemper in Olpe platziert. Das entspricht rund 20 Prozent der Auslastung des Stolberger Werkes.

„Das ist nicht schön in unserer schwierigen Situation“, bestätigt Thiel auf Nachfrage, „aber auch kein Weltuntergang.“ Jährlich würden die Lieferaufträge neu ausgehandelt. Da gebe es immer Schwankungen und einen Wettbewerb unter den Zulieferern, der angesichts nicht ausgelasteter Werke über den Preis ausgetragen wird.

So hat die die Muttergesellschaft KME am Stammsitz Osnabrück die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter um rund 10 bis 14 Prozent gekürzt, um Jobs zu sichern. Begründet wird dies mit der Auftragsflaute, die durch die aktuellen Probleme in der Automobilindustrie verursacht wurde. So berichtet die Neue Osnabrücker Zeitung zudem, dass sich KME neu aufstelle.

So hat der Konzern zum 1. April sein europäisches Messing- und Rohrgeschäft an die Hailiang Group, einer der führenden chinesischen Hersteller von Rohren und Stangen aus Kupferlegierungen, verkauft. Ende 2018 erfolge die Übernahme der MKM Mansfelder Kupfer und Messing GmbH in Hettstedt. Spekulationen machen die Runde, dass KME dort die Kupfer-Produktion und im Gegenzug in Italien die Messing-Herstellung konzentrieren könnte.

Zudem hat es bei der KMD-Holding im Hauptquartier in Hongkong einen Personalwechsel gegeben. Kenneth Wu löst als neuer Vorsitzender des Vorstands Sergio Rinaldi ab, der das nagelneue Werk in Xinxiang aufgebaut hat. Es wurde im vergangenen Sommer eingeweiht und ist auf eine Jahreskapazität von 45.000 Tonnen ausgelegt, die bei weitem noch nicht erreicht ist. Die Stolberger Belegschaft hat maßgeblichen Anteil daran, den chinesischen Mitarbeitern das notwendige Kowhow zu vermitteln.

Ein Stück Stolberg mitten  Xinxiang: Das neue KMD-Werk auf dem Dragon-Gelände hat freie Kapazitäten. Foto: KMD Connectors

Verzinnung in Osnabrück

Derweil investiert nach Informationen unserer Zeitung KME in Osnabrück einen zweistelligen Millionenbetrag unter anderem in den Neuaufbau einer Verzinnung, die bald in Betrieb gehen soll. Bereits vor drei Jahren soll die Entscheidung zu dieser Investition getroffen worden sein. Damit wäre das Werk in Niedersachsen nun technisch in der Lage, auch die in Stolberg hergestellten Produkte herzustellen.

Bereits vor zwei Jahrzehnten – bei der Zusammenlegung der beiden Stolberger Produktionsstandorte  – wurde das Szenario einer Verlagerung der Fertigung nach Osnabrück diskutiert, das an der Kupfermeisterstraße nun neue Nahrung gewinnt. Seinerzeit fehlte die Verzinnung und vor allem das Knowhow, das die Belegschaft in Stolberg über Generationen aufgebaut hat.

Zuletzt hatte Osnabrück seiner Stolberger Tochter 2012 den Abbau eines Drittels der seinerzeit 213 Stellen verordnen wollen. Langwierige Verhandlungen mit Betriebsrat und IG Metall sowie Streik- und Protestaktionen trugen mit dazu bei die Entlassungswelle abzuwenden.  Im Mai 2013 wurde ein Standortsicherungsvertrag über 36 Monate vereinbart, im August wurde das Metallwerk als eigenständige GmbH ausgegliedert, und im März 2014 wurde das Joint Venture KMD mit 50-prozentiger chinesischer Beteiligung begründet.

Martin Thiel mochte zu diesen Zukunftsfragen des Stolberger Metallwerks keine Stellung mehr beziehen. Er verlässt das Unternehmen zum Monatsende und wechselt zu einem Mitbewerber. Eine Stellungnahme aus Osnabrück steht noch aus.

Aurubis: Niedriges Niveau

Vergleichsweise deutlich besser sieht im Tal der Vicht die Lage bei Aurubis aus. Dort ist zwar auch seit Herbst vergangenen Jahres der Auftragseingang rückläufig, wie Geschäftsführer Dr. Jürgen Jestrabek auf Anfrage erklärte: „Wesentlicher Grund hierfür ist der Produktionsrückgang in der Automobilindustrie“. Die deswegen notwendigen Anpassungen an die Produktion konnten bisher durch Instrumente wie Arbeitszeitkonten oder den Abbau von Mehrarbeit abgefedert werden, „lediglich in einem Monat haben wir Kurzarbeit angemeldet“, so Jestrabek weiter.

Aurubis ist im Vergleich zu KMD breiter aufgestellt. Etwa die Hälfte der Kundschaft nutzt die an der Zweifaller Straße produzierte Halbzeug als Basis für die Herstellung von Zubehör für die Automobilindustrie. Jürgen Jestrabek bleibt skeptisch: „Derzeit stabilisiert sich zwar der Auftragseingang, wenngleich auf niedrigerem Niveau“. Sollte sich dieser zurückhaltende Trend fortsetzen, werde „bei Aurubis in Stolberg aller Voraussicht nach weitere Kurzarbeit vonnöten werden“.

Ruhiger bei Schwermetall

„Es ist auch bei uns ruhiger geworden seit einigen Monaten“, sagt auch Dirk Harten. Der Geschäftsführer von Schwermetall, das die Vorprodukte für Kunden wie Aurubis herstellt,  spürt eine nachlassende Nachfrage der Kundschaft. Spürbar sei vor allem die rückläufige Nachfrage nach Halbzeug bei den Vorproduzenten der Automobilindustrie. Aber auch in den Sparten Elektroindustrie und Maschinenbau mache sich Zurückhaltung bemerkbar. Aber noch sei die Lage auf dem Breiniger Berg nicht kritisch. Auftragsengpässe könnten weiterhin mit internen flexiblen Regelungen zur Arbeitszeit aufgefangen werden, so Harten. Kurzarbeit sei nicht geplant.

IGM mit Argusaugen

Mit besonders großer Aufmerksamkeit verfolgt die IG Metall die Entwicklung – nicht nur – in Sachen Kurzarbeit bei den Stolberger Werken. Aber Martin Peters hat als 1. Bevollmächtigter auch die Lage auf den Weltmärkten und insbesondere der Automobilindustrie im Blick. Die IG Metall kalkuliert für dieses Jahr mit einer leichten Stagnation, setzt aber für 2020 wieder auf ein positives Wirschaftswachstum. Eindeutig ist allerdings bereits die Positionierung. Sollte es zu einem Versuch Arbeitsplätze abzubauen kommen, droht ein harter Arbeitskampf.

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