Naturschutzgebiet Schlangenberg: Auf „Galapagos“ wird Bilanz gezogen

Naturschutzgebiet Schlangenberg : Auf „Galapagos“ wird Bilanz gezogen

„Einzigartig auf der Welt wie Galapagos“: Das sagten Christoph Vanberg und Dr. Richard Raskin im Januar 2011 mit Blick auf den Schlangenberg. Damals hatte eine dichte Kiefernvegetation weite Teile des Naturschutzgebietes zugewuchert. Der Bestand von Stolbergs einzigartigem Galmeiveilchen wurde zunehmend bedroht.

Die beiden Biologen der Biologischen Station sowie des Büros Ümweltplanung und -beratung hatten in Abstimmung mit der Unteren Landschaftsbehörde und Stolbergs Förster Theo Preckel einen „Schlachtplan“. Ein wenig Sorge bereitete seinerzeit noch die Frage nach dessen Akzeptanz in der Bürgerschaft. Doch letztlich blieben große Proteste aus. Die Bedeutung von Stolbergs seltener „Wappenpflanze“ ist mittlerweile in der Kupferstadt tief verankert. Dagegen hatten Kiefern keine Chance. Denn sie wurden großflächig auf dem rund 40 Hektar umfassenden Schlangenberg gefällt.

Ein Luftbild aus dem Jahr 1951 zeigt als Folge von geogener Belastung und Bergbau einen noch nahezu baumlosen Breinigerberg. 50 Jahre später gab’s kaum noch freie Flecken mit der für Stolberg so typischen Magerrasen. Die Kiefern-Explosion raubte der Galmeiflora Licht und Standort. „Es ist Zeit zum Handeln“, sagten Förster und Biologen vor acht Jahren, bevor mit schwerem Gerät die Landschaft in die Vergangenheit katapultiert wurde.

Heute ist es an der Zeit Bilanz zu ziehen, ob die erwarteten und prognostizierten Ziele der Naturschutzmaßnahme auch tatsächlich eingetroffen sind. Bereits für die Entkieferung hatte die Untere Landschaftsbehörde 2011 rund 970.000 Ökopunkte gutgeschrieben. Etwa die gleiche Summe winkt dem städtischen Sparkonto, wenn der angestrebte Erfolg der Maßnahme auch nachgewiesen werden kann.

Sie sind quasi die Wappenblumen der Kupferstadt Stolberg: Das Gelb blühende Galmeiveilchen gedeiht im Naturschutzgebiet Schlangenberg wieder reichhaltig. Foto: Lydia Flink

Die Kupferstadt hat dazu jetzt die Endbilanzierung beauftragt. Das Prinzip dabei verbindet im Grunde Buchhalter und Biologen: das sogenannte Erbsenzählen – bei ersteren mit Geldbeträgen, bei letzteren mit dem Abzählen von Pflanzen und Tieren innerhalb von Untersuchungsrastern.

Das ist eine recht umfangreiche Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass der Untersuchungsraum insgesamt gut 21 Hektar umfasst, für die die entstandenen Biotope erfasst und kartiert werden müssen. Zudem wird selektiv die Vegetation in den Zielbiotopen erfasst – intensiver in den Galmeimagerrasenfeldern, aber auch in Bereichen mit Vor- und Buchenwald. Die Ergebnisse werden als Text, Tabellen, Karten und Fotos dokumentiert. Auf dieser Grundlage wird die tatsächliche Aufwertung in dem Naturschutzgebiet berechnet. Basis des Vergleichs ist der Ausgangszustand in den Jahren 2008 und 2011.

Vor elf Jahren hatte Förster Preckel an einzelnen Standorten quasi getestet, was drei Jahre später im großen Maßstab folgte .Mit großem Erfolg, denn schnell kehrten die Bestände der Schwermetallflora auf ihre angestammten Standorte zurück. Damals hatte das Aachener Büro des Stolberger Biologen Dr. Richard Raskin das grundlegende Gutachten für die Entkieferung erarbeitet.

Womit man wieder beim Thema Galapagos wäre. Auf der Insel im Pazifischen Ozean kamen Naturschützer dem Aussterben der Riesenschildkröten mit der Entfernung der Ziegen als Futterkonkurrenten zuvor – das Vorbild für die Entnahme der Kiefern, um die Galmeiflora auf dem Schlangenberg zu retten. Dort entspricht der Magerrasen der ursprünglichen Natur an diesem Standort. Bereits Kelten und Römer bauten auf dem Schlangenberg Schwermetall­erze ab. Erst die Preußen sorgten mit den hier standortfremden Kiefernkulturen im 19. Jahrhundert für den Import des Störenfriedes.

Dieses Luftbild des Schlangenbergs aus dem Jahr 1951 diente den Biologen als Vorlage bei der Planung der Entkieferung des Areals. Foto: grafik

Beispiel Galmei-Frühlingsmiere: Sie kommt 2011 landesweit nur noch in Stolberg vor; hier immerhin noch an fünf Standorten. Sonst ist sie nur noch im nahen Kelmis zu finden: In einem Bestand, der auf nur noch ein m 2 geschrumpft ist. Damals hatte Raskin weit über 400 seltene Pflanzenarten auf dem Schlangenberg dokumentiert – darunter 48 landesweit gefährdete Arten der Roten Liste, von denen neun Sippen als stark gefährdet eingestuft sind.

Dennoch wurde bei der großen Aktion nicht allen Kiefern der Garaus bereitet. Punktuell blieben alte Bestände erhalten, in denen die Bäume Spechten, Hohltauben, Fledermäusen und anderen Höhlenbrütern ein Heim bieten. Auch Tot­holzbestände bieten den ihnen eigenen Tier- und Pflanzenfamilien weiterhin einen Lebensraum . „Wir wollen auch ein wenig den parkähnlichen Charakter des Schlangenbergs erhalten, an den sich die Bevölkerung gewöhnt hat“, kündigte Raskin an.

Forstarbeiter und Harvester sind im Frühjahr 2011 im Einsatz: 3000 Kiefern mit 1500 m 3 Holz und etwa 5000 m 3 Schlagabraum fallen auf 40 Hektar an. Foto: Lydia Flink

Dann beseitigten Forstarbeiter im Frühjahr 2011 etwa 3000 Kiefern mit 1500 Kubikmeter Holz und etwa 5000 Kubikmeter Schreddermaterial auf den 40 Hektar. Und schufen damit die Chance, den Lebensraum der außergewöhnlichen Vegetation und die damit einhergehende Artenvielfalt der Fauna zu erhalten.

Bereit bei der Leserexkursion unserer Zeitung im Juli zeigte sich Theo Preckel sichtlich stolz. „Es wird sich alles super entwickeln“, prophezeite der Förster: „Der gewünschte Effekt ist bereits nach einem Jahr eingetreten, und heute haben wir hier tausendmal mehr Herbstzeitlose“, bilanzierte er bei der Tour zwei Jahre später; und 2016 sagte Preckel: „Wie sie sehen, ist der Plan aufgegangen, und zwar sogar noch schneller, als ich vermutet habe“.

Jetzt wird das offensichtliche Comeback von Galmeiveilchen & Co noch dokumentiert und in Zahlen übersetzt. Derweil hat der Schlangenberg an Reputation gewonnen und Stolberg ein Stück bekannter gemacht. Noch vor zwei Jahrzehnten war er ein Naherholungsort und ein Tipp für Experten. Mittlerweile lockt der zurückgewonnene natürliche Lebensraum neben zahlreichen Fachleuten vermehrt Besucher aus Nah und Fern an, die bei Führungen viel über die Besonderheiten der Natur und ihrer Geschichte erfahren.

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