Arbeiten in der Kälte: Ein Besuch beim Wochenmarkt in Stolberg

Arbeiten in der Kälte : Ein Besuch beim Wochenmarkt auf dem Jordanplatz

Es ist Punkt 6.30 Uhr, als Rainer Jochims und seine beiden Mitarbeiterinnen die letzten Kisten auf ihren Tischen am Jordanplatz drapieren. Doch sie beginnen nicht nur in aller Herrgottsfrühe, an diesem Freitag herrschen zusätzlich noch Minusgrade.

Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zu arbeiten, macht den dreien jedoch überhaupt nichts aus. In diesem Punkt sind sich alle einig: Es gibt eigentlich kein Wetter, bei dem sie zu Hause bleiben würden.

„Die Kälte an sich ist nicht schlimm, erst wenn dieser Eiswind dazu kommt, wird es fies“, erzählt Tanja Meurers, die seit 13 Jahren für Jochims arbeitet. Die Planen an der Seite des Standes können zugezogen werden, das hält die Kälte wenigstens ein bisschen ab. „Außerdem haben wir Heizstrahler und ein Gebläse für die Füße“, berichtet sie. So könne es im Innern des Planenschutzes bis zu 15 Grad warm werden. Trotzdem tragen sie und ihre Kollegin Handschuhe, „außerdem helfen Tee, Kaffee und warme Thermosachen“, rät Meurers.

Generell würde Rainer Jochims diese Temperaturen aber noch nicht als kalt bezeichnen. „Ich bin schon bei Minus 20 Grad gefahren, da habe ich eine Leiter an den Lkw gestellt und von da verkauft“, erinnert er sich. Insgesamt etwa 30 bis 40 Prozent weniger Kundschaft zählt er bei dem Winterwetter. Daran gedacht, deshalb nicht zum Jordanplatz zu kommen, hat er aber noch nicht. „Für ältere Leute mir Rollatoren ist das Wetter zwar gefährlich, aber genau die sind es, die trotzdem kommen“, berichtet er. Da sei es schade, wenn sie sich dann umsonst zum Markt quälen würden. In Zweifall komme zum Beispiel jede Woche eine Frau, die bereits 92 Jahre alt ist – egal bei welchem Wetter.

Für diesen harten Kern betreibt Jochims diesen Knochenjob aber weiterhin. Auch, wenn sich dieser manchmal nicht mehr lohnt. Letzten Sommer habe er überlegt aufzuhören, erzählt er. „Aber wo du über 30 Jahre hingefahren bist, das schmeißt du nicht einfach weg“, sagt er und denkt dabei vor allem an seine Stammkundschaft.

Reiner und Matthias Lambertz (v.l.) verkaufen seit vielen Jahrzehnten auf dem Jordanplatz. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Mehr als den Menschen schadet die Kälte allerdings den Waren von Jochims. „Tomaten und Bananen liegen unter Heizstrahlern, da muss man mit der Temperatur arbeiten“, erläutert er. Das sei der deutlich größeren Auswahl geschuldet, die man mittlerweile auf Wochenmärkten finde. Zwischen 80 und 100 verschiedenen Artikeln habe er dabei. An seinem Stand sieht man nicht nur Birnen, Äpfel und Salat, sondern auch Avocados, Eier und Tulpen. Als er um kurz vor sieben Uhr fast mit dem Aufbau fertig ist, bietet sich dem Kunden ein buntes Bild.

Ein paar Meter weiter steht um Punkt sieben Uhr bereits eine Kundin im geschützten Stand von Reiner und Matthias Lambertz. Letzterer ist der älteste Beschicker auf dem Jordanplatz, er hat am vergangenen Wochenende seinen 80. Geburtstag gefeiert. Die Temperaturen können ihm jedoch nichts anhaben. Sein Sohn Reiner kennt auch den Grund dafür: „Das hier ist sein Lebenselexier.“ Bereits seit 1961 verkauft Matthias Lambertz Kartoffeln, Eier, Tomaten und mehr an seinem Marktstand. An Ruhestand hat er noch nicht gedacht: „Die Kunden wären traurig, wenn ich nicht mehr kommen würde“, behauptet er lachend.

Sein Sohn Reiner ist 2011 komplett eingestiegen, dabei ist er aber eigentlich schon immer. „Als ich sieben Jahre alt war, habe ich schon in den Schulferien geholfen, man wächst da einfach rein“, erzählt er. Gegen die Kälte braucht er vor allem eines: warme Schuhe. „Was mir auch hilft, sind zwei gekochte Eier, die haben viel Energie“, fügt er hinzu. Außerdem steht ein Heizstrahler hinter der Theke, an dem Vater und Sohn ihre Hände aufwärmen können. Mit kalten Fingern lässt sich schließlich schlecht einpacken.

Sascha Hocke (Mitte) arbeitet seit vier Jahren im Team von „Jaap de Volendammer“. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Die Arbeit auf dem Markt ist in den letzten Jahren nicht unbedingt einfacher geworden. Aber die Menschen und die Gespräche mit ihnen sind Motivation genug. „Man lernt immer etwas dazu, im Grunde ist das wie ein Volksbarometer“, erzählt er. Das entlohne für den anstrengende Job. Teilweise kämen Kunden bereits in dritter Generation an ihren Stand. Reiner Lambertz sieht deshalb Hoffnung für die Zukunft: „Zurzeit kommt das Bewusstsein der Menschen zurück.“

Das beste Beispiel für ebendieses Bewusstsein ist eine Kundin aus Stolberg, die bereits seit zwanzig Jahren zum Markt am Jordanplatz kommt. „Ich mache jede Woche den kompletten Einkauf hier, es gibt regionale Produkte zu einem fairen Preis“, freut sie sich. Zudem fallen die lästigen Verpackungen weg, die man im Supermarkt oft habe. Das Gefühl beim Einkauf sei einfach ein anderes. „Hier sind sehr nette Verkäufer, die einen auch mal beraten“, betont sie. Der Wochenmarkt gehöre für sie zum Stadtleben dazu. Dass dieser auch immer bei eisigen Temperaturen öffnet, bedeutet ihr persönlich sehr viel. „Ich finde das sehr respektvoll“.

Bei den Verkäufern sind sich aber alle einig: So kalt ist es an diesem Freitag doch gar nicht. Das sieht Sascha Hocke genau so. „Wenn es zwei Grad mit Regen und Wind sind, ist das schlimmer, als die trockene Kälte“, meint er. Im vierten Jahr arbeitet er am Fischstand. Sein Tipp, um sich warm zu halten: „Schneller arbeiten, nach dem Zwiebelsystem anziehen und eine gute Heizung dabei haben.“ Ein schöner heißer Tee wärme zudem von innen.

Die Freude am Arbeiten und der Kontakt mit den Kunden bilden für ihn seine Motivationsgrundlage. „Es ist nicht das sture an der Kasse sitzen wie im Supermarkt, hier kommt man noch mit den Leuten ins Gespräch“, sagt Hocke. Auch er sieht einen Kundenschwund von etwa 30 Prozent an den eisigen Tagen. Aber: „Umso dankbarer ist man für jeden, der kommt!“