Stolberg: Ansichten über Jahrzehnte: Enger Steinweg bereitet Kopfzerbrechen

Stolberg : Ansichten über Jahrzehnte: Enger Steinweg bereitet Kopfzerbrechen

Der 117. Teil unserer Serie „Gleich und doch anders - Ansichten über Jahrzehnte“ beschäftigt sich dieses Mal mit dem Steinweg. Was der Steinweg einmal war, trägt er im Namen: ein Weg, der wiederum mit Steinen gepflastert war.

Selbstverständlich erscheint das für die Zeit der historischen Aufnahme, die um 1900 entstand, als der Weg den holprigen Namen Steinwegstraße trug. Aus dem Weg war eine Straße geworden und das sollte auch der Name vermitteln. Kein Stadtbewohner wollte an einem banalen „Weg“ wohnen.

cc. Foto: Stadtarchiv Stolberg/T.Dörflnger</p>

Im mittlerweile historischen, ursprünglichen Sprachgebrauch war ein Weg eine außerörtliche Wegeverbindung, eine Straße eine Hauptverkehrsverbindung innerhalb einer Siedlung.

In der Frühneuzeit war der Steinweg also „der“ gepflasterte Weg vorbei an Wiesen und Gärten von Ober- nach Unterstolberg. Oder wie man noch im 19. Jahrhundert gesagt hätte, von Stolberg über Rosenthal nach Mühle. Denn bis ins 19. Jahrhundert war die Altstadt rund um die Burg das Stadtzentrum mit verstreuten Hofanlagen und Wohnhäusern zwischen Binsfeldhammer und Schnorrenfeld. Größer war die Gemeinde, seit 1856 Stadt, nicht.

Das historische Foto zeigt eine dicht bebaute Hauptverkehrsstraße, wo auch von 1881 bis 1959 die Pferde- bzw. Straßenbahn verkehrten. Gesäumt ist die Straße von Häusern des 18. und 19. Jahrhunderts. Viel hat sich bis heute nicht verändert. Die Pracht aus Spätklassizismus, historistischem Neobarock und Jugendstil ist überwiegend erhalten und bildet ein Denkmalensemble mit Seltenheitswert.

Zerstörerischer Schwamm

Rechts stehen die stuckverzierten Gründerzeithäuser des Architekten Carl Peltzer, der neben dem anderen Spross aus Stolberger „Uradel“ Wilhelm Schleicher, prägend für Stolbergs Stadtbaukunst der Epoche war. Linkerhand wurde das legendäre Hotel Scheufen als Ort zahlreicher Festivitäten und Versammlungen 1959 abgerissen. Der Holzschwamm hatte ihm ein Ende gesetzt. Mit der Wohnanlage „Rhenania“ wurde der historische Straßenzug aufgebrochen und um moderne Architektur ergänzt.

Man möchte fast meinen, die alleeartige Bepflanzung des Steinwegs, seit Mitte der 1980er Jahre Fußgängerzone, sei eine Reminiszenz an den alten Steinweg. Bis vor zweihundert Jahren standen dort nur einzelne Häuser und Höfe. Bergenes Hof neben dem Rathaus, Hof Krone am Anfang des Steinwegs, einige Häuschen rund um die Einmündung der Stielsgasse und nicht zuletzt das Kortum’sche Haus.

In beiden Ansichten ragt es als stattliches Bruchsteinhaus in den Straßenraum. Ursprünglich ein barockes Anwesen der Kupfermeisterfamilie Schleicher, übereigneten diese das Gebäude dem berühmtesten Stolberger Mediziner Carl Georg Theodor Kortum (1765-1847). Der gebürtige Dortmunder hat sich vor allem als Wegbereiter der Palliativmedizin einen Namen gemacht, während die Straße neben seinem ehemaligen Domizil seinen Namen trägt.

Das Haus Kortum ragt in den Straßenraum, da die Stadtplaner um 1900 für Neubauten am Steinweg eine breitere Trasse für den steigenden Verkehrsfluss vorgeschrieben hatten. Es hätte wie andere Altbauten irgendwann ebenso durch Abriss oder Rückbau zurücktreten sollen. Bereits in den 1920er Jahren bereitete der enge Steinweg den Verkehrsplanern Kopfzerbrechen.

Man dachte schon über Einbahnstraßenregelungen nach, um des Verkehrschaos Herr zu werden. Mit der umfassenden Motorisierung einige Jahrzehnte später war eine Verbannung aller Kraftfahrzeuge unumgänglich geworden.