Kinderbuchautorin : „Alltagsgeschichten sind zu langweilig“

Kinderbuchautorin : „Alltagsgeschichten sind zu langweilig“

Kinderbuchautorin Susan Niessen weiß, wie wichtig Vorlesen ist. Sie schreibt über Dinge, die ihr selbst Spaß machen.

Fips Fidibus ist ein außergewöhnliches Kerlchen. Er ist nämlich ein Zauberlehrling. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem kleinen Drache Zwiebelchen, Ritter Oskar und dessen Knappe Arthur, erlebt er eine Menge Abenteuer. Und was hat der kleine Zauberer mit dem blauen Mantel und dem schwarzen Hut mit Stolberg zu tun? Ganz einfach: Seine Erfinderin ist Autorin Susan Niessen und die lebt in der Kupferstadt – oder genauer gesagt in Breinig. Ihr ist der kleine Zauberlehrling sehr ans Herz gewachsen. Rund ein Jahr arbeitete Niessen an dem ersten Teil, der vor sieben Jahren erschien. „In dem Buch steckt viel von mir drin. Darauf bin ich noch immer sehr stolz“, sagt sie. Am Freitag ist bundesweiter Vorlesetag. Wie kommt man eigentlich dazu, Texte für Kinder zu schreiben? Welche besonderen Herausforderungen bringt dies mit sich? Und was kann man beim Vorlesen so alles falsch machen? Diese Fragen beantwortet Autorin und Lektorin Susan Niessen. Doch von vorne.

Mehr Spielraum

Geschrieben hat Niessen eigentlich schon immer gerne. „Schon als Kind habe ich angefangen Bücher zu schreiben“, sagt sie. Als „Leseratte“ sei sie von ihrer Eltern entsprechend gefördert und mit Lesestoff versorgt worden. „Es dauerte nicht lange, bis ich dann selbst angefangen habe zu schreiben.“ Mit dem Beginn des Literatur-Studiums rückte das Schreiben in den Hintergrund. Warum dies so geschah, kann Niessen heute nicht mehr sagen. Fest stand für sie allerdings schon während des Studiums, dass sie einmal in einem Verlag arbeiten wollte. In einem Kinderbuchverlag ergatterte sie schließlich eine Stelle als Lektorin. Nachdem sie sich selbstständig gemacht hatte, kam auch wieder das Schreiben hinzu. „Dabei hat mir geholfen, dass ich wusste, was der Buchhandel und die Leser wollen“, sagt sie. Was Niessen am Verfassen von Texten für Kinder besonders gefällt? „Man hat in einem Kinderbuch mehr Spielraum.“ Heißt: Man könne viel mehr mit Fantasie und Kreativität spielen als in der Literatur für Erwachsene.

Und wie schwierig ist es, Texte für Kinder zu schreiben? „Ich glaube nicht, dass es schwieriger oder einfacher ist als Texte für Erwachsene zu schreiben“, sagt Niessen. Schließlich müsse man sich in beiden Fällen – egal ob Klein oder Groß – seiner Zielgruppe bewusst sein, sein Handwerk beherrschen und natürlich spiele auch Kreativität eine wichtige Rolle. „Einen qualitativen Unterschied gibt es meiner Meinung nach nicht. Aber natürlich einen quantitativen. Schließlich hat ein Bilderbuch weniger Umfang als ein Roman.“

Und welche Themen kommen bei Kindern besonders gut an? „Es gibt einige klassische Themen, bei denen denkt man, dass sie ewig sind“, sagt Niessen und lacht. Für Kinder im Bilderbuch-Alter seien vor allem Geschichten über Tiere, Feen, Zauberer, den Bauerhof oder auch erste kleinere Abenteuer interessant.

Hexen, Zauberer, Piraten, Vampire und Pferde würden bei Grundschulkindern hoch im Kurs stehen, weiß Niessen. Damit kann die Kinderbuchautorin sich übrigens gut anfreunden. „Fantastische Elemente kommen in meinen Geschichten immer in irgendeiner Form vor“, sagt sie. „Reine Alltagsgeschichten sind nicht mein Ding. Das ist mir zu langweilig. Ich schreibe hauptsächlich über Dinge, die mir selbst Spaß machen.“

Besonders viel Wert lege sie übrigens auf den richtigen und vernünftigen Umgang mit Sprache. „Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man auch für Kinder eine gepflegte und vollkommen korrekte Sprache verwendet. Schließlich können Kinder nicht beurteilen, ob ein Buch in einem guten oder einem schlechten Stil geschrieben ist. Allerdings werden sie geprägt von dem, was sie lesen“, sagt Niessen.

Sie hat übrigens folgende Erfahrung gemacht, wenn es um das Thema Vorlesen geht: „Ich habe den Eindruck, dass das den Kindern wichtiger ist als den Eltern.“ Wie oft wirklich vorgelesen wird, hat nun eine Studie ermittelt (siehe Infobox). Was Eltern oft nicht bewusst sei: Das Vorlesen sei überaus wichtig. Schließlich entstehe so ein Zwiegespräch zwischen dem, der vorliest und demjenigen, der zuhört. „Das ist etwas anderes, als wenn ein Kind alleine vor dem Fernseher sitzt oder alleine ein Hörbuch hört. Ich selbst kann mich noch an viele Situationen erinnern, in denen meine Eltern mir vorgelesen haben. Daran sieht man, welchen emotionalen Stellenwert solche Situationen besitzen“, ist sich Niessen sicher.

Und was kann man tun, damit das Vorlesen für den Nachwuchs auch zu einem besonderen Erlebnis wird, das man so schnell nicht vergisst? Das Verstellen der eigenen Stimme und ein wenig Schauspielerei seien wichtige Aspekte, die man nicht unterschätzen dürfe. Schließlich könne man das Vorlesen so auch „lebendig gestalten“.

Momentan arbeitet Niessen übrigens an einem neuen Buch. Ein weiteres ist gerade fertig. Es trägt den Titel „Lotti & Dotti – Die schönsten Ferien der Welt“ und soll im Januar erscheinen. Das Besondere: Das Buch ist nicht illustriert, wie ein Bilderbuch im klassischen Sinne, sondern bebildert mit Fotografien. Rund vier Wochen dauerten die Vorbereitungen. Zeit spiele beim Schreiben eine wichtige Rolle, sagt Niessen.

Da sie vorwiegend als Lektorin ihren Lebensunterhalt verdiene, stünden diese Aufträge im Vordergrund. Das Schreiben „stricke“ sie dann darum. „Das funktioniert mal mehr und mal weniger gut“, sagt Niessen. Damit sie schreiben kann, müssen einige Kriterien erfüllt sein. Von ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer schaut sie ins Freie. „Ich brauche Zeit, Muße und es muss absolute Ruhe herrschen“, sagt Susan Niessen.

Polieren und Schleifen

Bevor das Schreiben am Computer so richtig losgehe, mache sie sich zunächst handschriftliche Notizen. „Ich schreibe die Texte nicht so einfach runter, sondern in kleinen Bröckchen“, sagt Niessen und lacht. Heißt: Auf ein Kapitel folgt das nächste. Dann wird das vorherige Kapitel noch einmal überarbeitet. „Das ist ein Reifungsprozess. Meine Texte werden so lange poliert und geschliffen bis jedes Wort sitzt – und das kann manchmal auch ganz schön dauern“, sagt Niessen.