10. Iftaressen in Stolberg

Stolz auf die Tradition : Stolberger aller Kulturen begehen gemeinsam das Fastenbrechen

Es sind schwierige Zeiten in der Kupferstadt, als vor zehn Jahren der Zusammenhalt von türkischen und deutschen Stolbergern erstmals mit dem gemeinsamen Iftar-Essen beschworen wird. Die Jahre der regelmäßigen rechtsextremen Demonstrationen sind mittlerweile vor bei. Geblieben und gefestigt ist eine Freundschaft.

Zumindest zwischen den führenden Vertretern der Religionen, Stadt, Parteien und Vereinen. Nicht ganz zu unrecht zeigen sich die Organisatoren stolz auf diese Tradition des gemeinsam gefeierten Fastenbrechens, zu dem auch Besucher aus Nachbarstädten gerne in die Stadthalle kommen.

Aber im Grunde genommen besteht die Idee, aufeinander zuzugehen, schon länger. Schon früher öffneten die Moschee-Vereine ihre Liegenschaften und luden alle Interessierte ein – so wie auch in den christlichen Gemeinden stets alle Besucher willkommen sind.

Eine Tradition

Bereits 2009 hatten die Vereine im Rahmen der Stadtparty auf den Mühlener Markt eingeladen. Und 2010 sollte das erste gemeinsame Iftar-Fest eigentlich auf dem Kaiserplatz stattfinden. Aufgrund der Wettervorhersage wurde es in die Stadthalle verlegt, wo seitdem regelmäßig die Gäste köstlich bewirtet werden und die Gelegenheit zum Gespräch und Kennenlernen gepflegt wird. Dazu bietet auch seit vielen Jahren der Interreligöse Dialog eine Basis.

„Das Gemeinsame betonen“ zieht sich am Abend wie ein roter Leitfaden durch die kurzen Ansprachen des 10. gemeinsamen Iftaressens, zu dem der Stolberger Integrationsrat mit den türkischen Moschee-Gemeinden Ditib (Rathausstraße), IBV (Schneidmühle), Mili Görös (Eschweilerstraße) und Türk-Federasyon (Schulstraße) sowie die türkische Mittelstandsvereinigung Side eingeladen haben. Schnell füllen sich die Sitzplätze an den runden Tischen im Festsaal.

Gekommen sind gut 500 Interessierte aus den türkischen Gemeinden, Vertreter der Ratsfraktionen und der Verwaltung, die beiden Bürgermeisterkandidaten, Pastor Hans-Rolf Funken und Pfarrer Axel Neudorf sowie eine Reihe nichtmuslimischer Gäste ohne besondere öffentliche Funktion. Teilweise bunt gemischt teilen sie sich am Tisch das Essen, das das Team von Hidayet Celik serviert: Linsensuppe, Rindergeschnetzeltes mit Reis und Salat sowie Baklava, ein süßes Gebäck.

Bevor die Speisen munden dürfen, will nicht nur der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs abgewartet werden, der für den Tag mit 21.47 Uhr angegeben wird. Gäste wollen auch begrüßt werden. Ahmet Ekin als Vorsitzender des Integrationsrates ergreift als erster das Wort, freut sich, dass das Fastenbrechen zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens in Stolberg geworden ist. „Wir Menschen sind verschieden, wir glauben unterschiedlich, leben unterschiedlich und haben unterschiedliche Bräuche und Riten“; sagt Ekin: „Aber wir können miteinander auskommen, einander respektieren, einander schätzen und das wichtigste ist, wir können voneinander lernen.“ Und Ekin vergisst nicht zu betonen, dass Stolberg auch für die hier lebenden Muslime ihr Lebensmittelpunkt ist, wo sie in allen Bereichen des Geschehens teilhaben wollen.

Wie wichtig das gegenseitige Kennenlernen ist und wie sehr Toleranz gefordert ist, unterstreicht dann Karina Wahlen. Die stellvertretende Bürgermeisterin spricht von der Vielfalt und fordert zum Dialog auf. Auch Ahmet Yildiz das Gemeinsame. Hand in Hand wolle man in Stolberg voranschreiten, sagt der Side-Sprecher. Und der Erste Beigeordnete Robert Voigtsberger unterstreicht bei diesem Fest des Glaubens: „Die Dialog gibt Hoffnung.“

Ein besonderer Gast ist eigens aus Köln angereist – der Attaché: Muharrem Kuzey ist der Vorsitzende des religiösen Beirats der Ditib-Zentralmoschee in der Rheinmetropole. Er fordert auf zur „Akzeptanz und Nächstenliebe“ und erinnert an das Fasten, das christliche wie das muslimische. So unterschiedlich die Gäste auch erscheinen mögen, sie alle glaubten an einen Gott. „Was zusammengehört muss auch zusammenwachsen“; sagt Kuzey.

Während Ömer Gelir (Imam Ditib) den Koran rezitiert und Abdullah Kurt (Imam IBV) den Gebetsruf anstimmt, beeilt sich Hidayet Celiks Mitarbeiter mit dem Essen für die Gäste. Es bleibt reichlich Zeit für das Gespräch miteinander.

Während der Speisen wird weiteren Besuchern das Mikrofon gereicht, persönliche Eindrücke zu schildern. Mit einem besonderen Erlebnis des Gemeinsamen wartet dabei der Pastor von St. Lucia auf. Als er den oberen Burghof querte, reichte ihm ein mutmaßlich türkischer Mitbürger ein Brot und sagte Dank. Funken nahm es mit in die heilige Messe, segnete es und teilte es mit den Gläubigen...

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