Prozess um Kindesentführung aus Jülich beginnt

Pflegekinder entführt : Prozess um brutale Kindesentführung

Eine Pflegefamilie in Jülich ist im Februar auf brutale Weise mit der Familie ihrer zwei Pflegekinder konfrontiert worden: Mit Pfefferspray, Elektroschocker und einer Schreckschusspistole bewaffnet war der Stiefvater der Pflegekinder zusammen mit einem Komplizen in die Wohnung der Pflegeltern eingedrungen.

Sie streckten die Pflegemutter der beiden zwei und eineinhalb Jahre alten Kleinkinder mit dem Elektroschocker nieder und tauchten im belgischen Spa unter. Die Kinder waren ein halbes Jahr zuvor aus ihrer Familie genommen worden, weil das Jugendamt den Verdacht hatte, dass der Stiefvater die Kinder sexuell missbraucht. Am Montag nun begann der Prozess um diese Vorgänge am Aachener Landgericht.

Auf der Anklagebank sitzen vier mutmaßliche Kindesentführer; neben dem Stiefvater und seinem Komplizen ebenso die Fahrerin des Fluchtautos sowie die leibliche Mutter der beiden Kleinkinder. Sie hatte noch zwei ältere Kinder, die zur Tatzeit in einer anderen Familie untergebracht, aber später ebenfalls entführt werden sollten.

Der Hauptangeklagte Stiefvater Marc G. (31) aus Solingen – ein Fotograf und Gelegenheitsarbeiter – gab vor Gericht zu, dass er daran beteiligt war, die vier aus der Familie genommenen Kinder notfalls mit Gewalt wieder zurückzuholen. Man habe es auf dem Gerichtswege versucht, berichtete der Stiefvater in einem eloquenten Vortrag vor den Richtern. Das habe jedoch nicht geklappt, schilderte er der Vorsitzenden Richterin Regina Böhme. Da hätten sie, sein bester Freund Dominik B. (27) gemeinsam mit der Kindesmutter Sarah Marie G. (32), die Entführung der beiden Kleinsten aus der Pflegefamilie in Jülich genauestens geplant. Das habe bereits im Herbst 2017 begonnen, man kaufte zwei Wohnwagen, richtete sie her und brachte sie auf einen Campingplatz im belgischen Spa.

Vorbehaltlos gestand der Angeklagte Montagmorgen den Überfall ein. Ja, er habe den Elektroschocker benutzt, er habe die Pflegemutter niedergestreckt, sein Komplize habe die schreiende Frau mit mitgebrachtem Panzertape gefesselt. Eine Haushaltshilfe sei ebenfalls ruhig gestellt worden. Die Pflegemutter habe sich stark gewehrt und ihn zwischen die Beine getreten. Marc G. gab als Motiv an, er habe die Kinder vor einer unfähigen und drogenabhängigen Pflegefamilie bewahren wollen.

Komplize fühlt sich hintergangen

Das hatte er auch seinen Komplizen Dominik B. glauben lassen. Doch dem wurde nach seiner Festnahme bei der Polizei schnell klar, dass sein Freund ihn wohl betrogen und angelogen hatte, berichtete er am Montag. Er habe vorbehaltlos die Märchen über die „messihaften“ Zustände bei den neuen Eltern geglaubt, sagte er am Montag. Erst als ihm die Polizei die Vorstrafen seines Freundes und seine darin geschilderten sexuellen Neigungen erläutert habe, sei ihm klar geworden, dass er völlig falsch gehandelt habe. Als er davon erfahren habe, habe er sofort den Aufenthaltsort der Kinder im belgischen Spa preisgegeben, sagte er am Montag vor Gericht.

Den Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs der beiden Kleinkinder hat der Hauptangeklagte Stiefvater am ersten Prozesstag nicht gestanden. Ob diese Vorwürfe wahr sind und auch in Zusammenhang mit der Tat stehen, soll der weitere Prozess ergeben. Er ist auf zehn Verhandlungstage angesetzt, der nächste Verhandlungstag ist der 5. November.

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