Würselen: Zwangsarbeiter in der Nazi-Zeit: Das jüngste Opfer war nur 17

Würselen: Zwangsarbeiter in der Nazi-Zeit: Das jüngste Opfer war nur 17

Es ist ein regenverhangener Vormittag wie so viele in diesem Sommer. Trotzdem arbeiten seit 10 Uhr im Nieselregen zehn Jugendliche und zwei Erwachsene auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof „An der Wambach” in Broichweiden nahe dem Gut Wambach.

Die Jugendlichen sind Firmlinge der Gemeinschaft der Gemeinden Würselen, die Ferien dazu nutzen, sich auf ihre Firmung vorzubereiten. Zehn Firmlinge haben das Projekt „Zwangsarbeiter in Würselen” gewählt, mit dem sie sich intensiv beschäftigen wollen. Das Projekt wird vom Arbeitskreis „Kein Vergessen” betreut.

Nach der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Zwangsarbeit” anhand von Internet-Texten haben die Jugendlichen durch Videoaufzeichnungen der Aussagen von Zeitzeugen erfahren, was Zwangsarbeit im NS-Deutschland bedeutet hat: Razzien, Verhaftung, Verschleppung, Internierung in Lagern, Entrechtung, Demütigung und vielfach den Tod.

Hierzu Saskia, 16 Jahre: „Es fällt uns heute natürlich schwer, das Leid der Zwangsarbeiter nachzuvollziehen, aber ihre Schilderungen des erlittenen Unrechts sind mir sehr nahe gegangen.” Schließlich sind die Jugendlichen den Spuren der Zwangsarbeit in Würselen und Alsdorf gefolgt. Sie besuchten die ehemaligen Zwangsarbeitslager Pley und Hühnernest in Bardenberg, die Hinrichtungsstätte des polnischen Zwangsarbeiters Josef Turski in Alsdorf-Ofden und das Lager Broich in der ehemaligen Missionsschule der Spiritaner.

Tim, 16 Jahre, schildert seine Eindrücke: „Als wir den Weg, den die Zwangsarbeiter täglich zweimal vom Lager Pley zur Grube Gouley zurücklegen mussten, mit dem Fahrrad abfuhren, wurde mir erst bewusst, was das für eine Strapaze für die Zwangsarbeiter bei ihrer schweren Arbeit und der schlechten Ernährung gewesen sein muss.”

Auf dem Friedhof „An der Wambach” leisteten die Firmlinge praktische Erinnerungsarbeit. Mit Wasser und Wurzelbürste reinigten sie die Grabplatten von 23 russischen Zwangsarbeitern, die im Lager Broich interniert waren und auf der Grube „Maria” in Alsdorf-Mariadorf arbeiten mussten. Diese konkrete Beschäftigung mit dem Thema hinterlässt bei den Jugendlichen einen bleibenden Eindruck.

„Wenn du beim Schrubben mit der Bürste die Namen und das Geburts- und Sterbejahr liest, wird dir plötzlich ganz klar, wie viele Menschen als Zwangsarbeiter ihr Leben verloren haben und wie jung sie häufig waren”, fasst Marc, 16 Jahre, seine Gedanken zusammen. Der jüngste der 23 Zwangsarbeiter, an die die Grabplatten erinnern, hieß Wladimir Wassiljew und war erst 17 Jahre alt, als er starb - nur ein Jahr älter als die Firmlinge.

Das Projekt „Zwangsarbeit” schloss mit einem Argumentationstraining besonders gegen rechte Parolen ab, organisiert von Stefan Klein und Silke Peters vom Integrationsbüro der Städteregion Aachen. Insgesamt zeigt dieses Projekt, dass die NS-Geschichte auch für heutige Jugendliche interessant und begreifbar vermittelt werden kann. Dies ist eines der Ziele, die der Arbeitskreis „Kein Vergessen” mit seiner Arbeit verfolgt.

Aufklärung über dasNS-Terrorregime

Der AK „Kein Vergessen” entstand im Januar 2006 auf Initiative des Pastoralteams der GdG. Ziel ist die Aufklärung über die NS-Zeit. Der AK ist Herausgeber der Dokumentation „Würselen unterm Hakenkreuz”.

Kontakt: Pfarrbüro St. Sebastian, Tel. 02405/42629-0.

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