Würselener Stadtwald: Angst vor einer noch größeren Borkenkäferwelle

Würselener Stadtwald : Angst vor einer noch größeren Borkenkäferwelle

Erst haben Rekordsommer und Borkenkäfer Würselens Stadtwald zugesetzt, dann kam auch noch „Eberhard“. Über die Sturmschäden und den erstarkenden Frühling freut sich nun wiederum der Borkenkäfer.

Den Übeltäter zu finden, ist nicht schwer. Marco Lacks macht einige kurze Schritte auf einen Stoß Baumstämme zu, die zwischen Wald und Landstraße aufgeschichtet worden sind, bricht ein tellergroßes Stück Rinde ab und dreht es herum. Auf der Rückseite kauert er in einem der Gänge, die er und seine Artgenossen gefressen haben: der Borkenkäfer. Hier war ein sogenannter Buchdrucker am Werk. Er schafft relativ breite, gerade Hauptgänge, von denen zu den Seiten hin feinere Seitengänge abzweigen, was irgendeinen Zoologen mal an ein aufgeschlagenes Buch erinnert haben muss. Ebenfalls verbreitet ist der Kupferstecher, der sternförmige Ornamente hinterlässt. So oder so: Wenn der Borkenkäfer da ist, ist das nicht gut.

Marco Lacks ist Förster und gemeinsam mit zwei Kollegen  für die rund 400 Hektar Stadtwald im Würselener Osten zuständig. Und aktuell kommen die Kollegen zwischen Aachener Autobahnkreuz und Stolberg ordentlich ins Schwitzen. Der eine Grund ist der Borkenkäfer, der nach dem Rekordsommer 2018 insbesondere den Fichten in praktisch ganz Mitteleuropa zusetzte und natürlich auch vor Würselen keinen Halt macht. Und nun war da auch noch Sturmtief „Eberhard“. „Die Situation ist dramatisch“, sagt Marco Lacks.

Das Sturmtief hat vor zwei Wochen regelrechte Breschen in den Wald geschlagen. Wie viele Bäume „Eberhard“ zum Opfer gefallen sind, weiß man bislang nicht genau. Lacks schätzt aber vorsichtig, dass um die 500 Festmeter Holz geworfen wurden. Zur Einordnung: Eine Fichte kommt durchschnittlich auf etwa einen Festmeter. Nicht einmal der Verkauf des Holzes bietet zumindest ein ökonomisches Trostpflaster, denn die Holzpreise sind im Keller und werden vermutlich noch weiter sinken.

So sieht er aus, der Buchdrucker. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Das Perfide an der Sache ist, dass das nunmehr herumliegende Holz wiederum den Borkenkäfer freut. Denn einerseits ist es noch frisch, andererseits ist aber keine Gegenwehr in Form von Harzbildung mehr zu erwarten, wenn der Schädling sich durch die Rinde frisst. Den Bäumen, die „Eberhard“ zum Opfer gefallen sind, ist zwar ohnehin nicht mehr zu helfen, aber die Population an Borkenkäfern findet nun optimale Bedingungen vor, noch bevor der Frühling so richtig in die Züge gekommen ist. „Ich habe Angst vor einer noch größeren Borkenkäferwelle“, bekennt Lacks. Die drohe dann, wenn der April Temperaturen von um die 18 oder 20 Grad bringen sollte, und die sind ja eigentlich schon jetzt, an diesen letzten Märztagen erreicht. Wenn das Wetter nicht noch deutlich umschlägt, geht es weiter abwärts für die Fichte.

Der Stadtwald ist kein sehr alter Wald. Es handelt sich um eine Aufforstung aus der Nachkriegszeit, und solche wurden damals in erster Linie mit Fichten vorgenommen. Das lag wohl vor allen Dingen daran, dass deren Saatgut am leichtesten zu bekommen war, vielleicht spielte auch die soziokulturelle Bedeutung des „Preußenbaums“ eine Rolle.

Hier wird aus einem umgewehten Baum Kleinholz gemacht. Foto: zva/Jan Mönch

Wie dem auch sei: Heute gilt als ausgemacht, dass die Fichte in vielen deutschen Wäldern ihre beste Zeit hinter sich hat. Auch in Würselen wird sie schon lange nicht mehr aktiv angepflanzt. Trotzdem besteht der Stadtwald noch zu circa einem Viertel aus Nadelholzbaumarten.

Die Zukunft aber gehört dem Mischwald: Die Wurzeln der verschiedenen Arten wachsen ineinander, ihre verschiedenartigen Kronen halten Stürmen besser stand, es entsteht ein stabiles, robustes Waldgefüge. Bis ein solches im Würselener Stadtwald flächendeckend entstanden ist, werden aus naheliegenden Gründen eher Jahrzehnte als Jahre ins Land ziehen. Für Marco Lacks und seine Kollegen geht es aktuell aber darum, den Wald mit kurzfristigen Maßnahmen zu schützen. „Jedes Jahr stelle ich einen Forstwirtschaftsplan auf“, sagt er. „Leider kommen wir aktuell kaum dazu, ihn umzusetzen.“

So sieht die Rückseite eines Stücks Rinde aus, wenn der Borkenkäfer am Werk war. So ist der nur einen halben Zentimeter lange Geselle in der Lage, ganze Bäume dahinzuraffen und ganze Wälder nachhaltig zu schädigen. Foto: zva/Jan Mönch

Ein kleines Stück östlich der Euregiobahn ragen Dutzende weiße Kunststoffröhren aus dem Boden. Es sind Wuchshüllen für Eichensetzlinge, die das Wild daran hindern sollen, die Triebspitzen abzuknabbern. Der Borkenkäfer lässt sich leider nicht so leicht auf Abstand halten wie Bambi. Höchstens Gift wäre theoretisch eine Möglichkeit, aber welcher Förster will solches in seinem Wald schon verteilen? Im Stadtwald wäre diese Maßnahme sowieso nicht drin, denn hier liegt eines von sechs Wasserschutzgebieten in der Städteregion. Marco Lacks und seine Kollegen können auf den Borkenkäfer also immer nur reagieren. „Die sinnvollste Maßnahme besteht darin, Bäume, in denen sich eine Brut entwickelt, innerhalb von acht Wochen bis zwei Monaten zu fällen und so schnell wie möglich ins nächste Sägewerk zu bringen“, sagt Marco Lacks.

In den Tagen nach „Eberhard“ war das Betreten des Waldes verboten, die Verwaltung sprach von Lebensgefahr. Dass das nicht übertrieben war, wurde deutlich, als ein mächtiger Baum auf den Grillplatz stürzte und eine Schutzhütte zerschmetterte. Dieser Bereich ist nach wie vor abgesperrt, das Betreten des Stadtwaldes ist aber wieder gestattet.

„Die Situation ist dramatisch“, sagt Förster Marco Lacks. Foto: zva/Jan Mönch
Mehr von Aachener Nachrichten