Würselen: Poker ums Singer-Gelände geht weiter

Sozialwohnungen : Poker ums Singer-Gelände in Würselen geht weiter

Man kann über die Würselener Kommunalpolitik alles Mögliche sagen, jedoch nicht, dass überhastet agiert wird. Die Diskussionen im Rathaus fallen häufig abendfüllend aus, und wenn dann irgendwann alles gesagt ist und von allem das Gegenteil, wird schließlich entschieden, dass man sich heute lieber noch nicht entscheiden mag. All das ist genauso anstrengend wie es sich anhört. Das Dauerthema Singer-Gelände könnte zum Paradebeispiel dafür werden, dass es auch sinnvoll sein kann.

Über die Brache im Stadtkern, deren Name der einstigen Nadelfabrik entliehen ist, hat der Ausschuss für Stadtentwicklung zuletzt im Februar debattiert. Der städtebauliche Vertrag lag zur Unterschrift bereit: 318 Wohneinheiten will der Investor schaffen, das Büro Van Aken aus Eindhoven.

Dass die Zustimmung der Politik ausblieb, lag an der Frage nach den Sozialwohnungen. Der Investor wäre lediglich dazu verpflichtet worden, eine öffentliche Förderung zu beantragen, womit er seine Pflicht dann aber auch erfüllt hätte. Was bedeutet hätte: Würde die Förderung nicht genehmigt, gäbe es eben keine Sozialwohnungen, Ende der Geschichte.

SPD und FDP machten damals deutlich, damit nicht einverstanden zu sein, was durchaus ein gewisses Risiko bedeutete. Dass ein Investor sich auch wieder zurückziehen kann, weiß man in Würselen gerade mit Blick auf das schon seit fast 20 Jahren brach liegende Singer-Gelände nur zu gut. Dennoch wurde gepokert. Rund zweieinhalb Monate sind seitdem verstrichen, und mittlerweile zeigt sich, dass die öffentliche Förderung – diese sollte für ein Drittel der Wohnungen erwirkt werden – unter den damaligen Voraussetzungen wohl tatsächlich nicht zu bekommen gewesen wäre.

Am 27. Februar, einem Mittwoch, fand an der Bahnhofstraße ein Ortstermin mit Vertretern von Stadt, Städteregion und NRW-Bauministerium statt. Dabei wurden die Pläne und die Förderfähigkeit erörtert. Dass sich die Begeisterung in Düsseldorf in relativ engen Grenzen hielt, wurde rund zwei Wochen später in einem Schreiben an die Stadt deutlich gemacht. Zwar wurde die Schließung der Brache grundsätzlich als „schlüssig“ eingestuft. An der Anordnung der Gebäude störte die zuständige Regierungsbaudirektorin sich jedoch ebenso wie an deren Höhe von bis zu sieben Stockwerken.

Auch wurde die fehlende Durchmischung von Sozialwohnungen und frei finanzierten Wohnungen moniert. Ferner fehle es an „identitätsstiftenden Maßnahmen“ wie etwa Parkanlagen. Es gab viel zu viele Kritikpunkte, als dass Stadt und Investor sich auf eine Bewilligung der Förderung verlassen konnten. Auch eine überarbeitete Version der Pläne, die der Investor daraufhin vorlegte, konnte das Ministerium nur „in einigen Punkten“ überzeugen – aber eben nicht in allen. Das wird in einer weiteren E-Mail dargelegt, die das Rathaus am 3. April erreichte.

Foto: grafik

Der Ausschuss für Stadtentwicklung wird sich am Donnerstag, 9. Mai,um 17.30 Uhr zu einer Sondersitzung im Rathaus zusammenfinden, um über das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Es könnte bereits der städtebauliche Vertrag abgesegnet und das Bauleitplanverfahren in die Wege geleitet werden.

Mit Wohlwollen dürfte die Politik aufnehmen, dass der Investor sich zwischenzeitlich bereit erklärt hat, selbst einzuspringen, falls sich die öffentliche Hand einer Förderung versagt oder nur teilweise bewilligt. Ein entsprechender Passus wurde in den städtebaulichen Vertrag eingefügt: „Sofern für weniger als ein Drittel der zu bauenden Wohnungen die öffentliche Förderung bewilligt wird, verpflichtet sich der Vorhabenträger, diese Wohnungen 25 Jahre lang zu dem dann aktuell gültigen Mietpreis der öffentlichen Wohnraumförderung in NRW zur Verfügung zu stellen“, steht da nun. Die kleine Poker-Einlage von Februar hatte also Erfolg.

Auf einem anderen Blatt steht die Größe, die das Projekt mit der Zeit angenommen hat. Wohngebäude in der angedachten Dimension gibt es in Würselen bislang praktisch nicht, schon gar nicht mehrere auf so engem Raum. Die Verwaltung macht kein Geheimnis daraus, die Dimensionen für „unangemessen“ zu halten. „Es wird vorgeschlagen, die Bebauung jeweils um ein Geschoss zu reduzieren, so dass die äußeren Baukörper fünf Geschosse und der mittlere Baukörper sechs Geschosse aufweisen“, heißt es in Richtung Politik. Sollte diese folgen, muss sich wiederum zeigen, ob der Investor noch interessiert ist. Das Pokerspiel ginge weiter.

Dass der Investor im großen Stil denkt, dürfte auch mit dem Eigentümer des Geländes, dem Groz-Beckert-Konzern, zusammenhängen. Dessen Preisvorstellungen sollen in den vergangenen Jahren – quasi parallel zur sich anspannenden Lage auf dem Wohnungsmarkt – immer weiter gewachsen sein. Je teurer das Gelände aber für den Investor wird, desto mehr Wohnungen muss er bauen, um gute Rendite zu erzielen. Wie weit sollte man ihm entgegenkommen?

Die Politik muss auch mit Blick auf die Wählergunst abwägen. Einerseits will man mit Blick auf die Kommunalwahlen im kommenden Jahr etwas vorzuzeigen haben. Andererseits stellt sich die Frage, wie viel Innenverdichtung man den Würselenern zumuten möchte.

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