Singer-Gelände in Würselen: Politik klopft Investor auf die „Finger“

Singer-Gelände in Würselen : Politik klopft Investor auf die „Finger“

Die Würselener Fraktionen definieren in einer Sondersitzung Position zum Singer-Gelände: Es soll gebaut werden, aber nicht um jeden Preis. Politik und Verwaltung werden noch einmal mit dem Investor verhandeln.

Öffentliche politische Sitzungen sind ein Stück weit auch Theateraufführungen. Das Publikum – der Wähler – ist eingeladen, sich die Einlassungen der Fraktionen anzuhören. Und weil selten deutlich mehr als fünf Leutchen dieses Angebot wahrnehmen, hoffen die Sprecher, dass der Vertreter der Presse hinten in der Ecke möglichst viel mitschreibt. Wirklich ans Eingemachte geht es aber in Zirkeln, zu denen der Rest der Menschheit keinen Zugang hat: In Fraktionssitzungen, in interfraktionellen Gesprächen oder auch in informellen Treffen mit Investoren werden absolut nicht öffentlich die Entscheidungen in die Wege geleitet, die dann später öffentlich getroffen werden. Auch zur Zukunft des Singer-Geländes dürften die entscheidenden Sätze gesprochen werden, ohne dass der Vorhang sich hebt.

Was auch immer am Ende herauskommt: Messen lassen müssen die Entscheidungsträger sich letztlich daran, was sie öffentlich gesagt haben. Die Würselener Stadtverwaltung hatte für Donnerstagabend eine – öffentliche – Sondersitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung anberaumt. Es ging wieder einmal um die Zukunft des Singer-Geländes und um die Frage, wie viel der Investor vor Ort bauen darf. Die Zahl der geplanten Wohnungen ist ja auch in der jüngeren Vergangenheit Stück für Stück gewachsen. Galten im November 2017 noch weniger als 200 Wohnungen als machbar, war ziemlich genau ein Jahr später von 275 die Rede. Mittlerweile sollen es schon 322 sein.

Für den inflationären Anstieg gibt es zwei wesentliche Gründe. Erstens ist da der Kaufpreis für das Gelände. Angeblich will der Eigentümer, die Firmengruppe Groz-Beckert aus Baden-Württemberg, mehr als 6 Millionen Euro sehen, um sich von der Brache zu trennen. Und zweitens ist da der Umstand, dass der Investor sich bereit erklären musste, zu einem Drittel Sozialwohnungen zu schaffen, und zwar auch dann, wenn eine öffentliche Förderung ausbleibt. Diese beiden Faktoren können mit Blick auf die Rendite nur ausgeglichen werden, wenn das Singer-Gelände auch möglichst dicht bestückt wird. Aber müssen es wirklich 322 Wohnungen sein? Und dann in dieser Anordnung? Was ist mit der Verkehrsbelastung? Reichen 339 Tiefgaragenstellplätze? Und wie wäre es eigentlich mit Photovoltaikanlagen auf den Flachdächern?

Foto: grafik

45 Meter lang und siebenstöckig

Diese und weitere Fragen, so das Ergebnis der Sondersitzung, sollen in nächster Zeit in einem gemeinsamen Gespräch mit allen Fraktionen, der Verwaltung und den Investoren erörtert werden. Zurzeit ist keine Fraktion bereit, den Plänen so, wie sie sind, zuzustimmen. Als problematisch werden insbesondere die drei Gebäude im hinteren Bereich der Brache, also an der Kalkhalde, wahrgenommen. Sie haben den Beinamen „Finger“ erhalten, da sie sie wie drei gespreizte Finger in südliche bis südwestliche Richtung deuten. Der mittlere „Finger“ wäre mit sieben Stockwerken und einer Länge von 45 Metern der gewaltigste, die beiden außenliegenden wären nur ein Stockwerk niedriger und geringfügig kürzer.

„Ich hoffe und wünsche mir für unsere Stadt, dass das Thema Singer-Gelände zu einem Ende gebracht wird. Aber ich werde mich auch nicht in Anbetracht der Tatsache, dass kommendes Jahr Kommunalwahlen sind, zu einer vorschnellen Entscheidung hinreißen lassen. Denn die Dinger stehen auch in 50, 80, 100 Jahren noch da, wenn wir nicht mehr da sind“, sagte Hans Carduck (FDP), und fasste damit die allgemeine Stimmungslage recht gut zusammen.

Auch einige Bestandsgebäude dieser Häuserzeile auf der Kaiserstraße sollen abgerissen werden. Foto: Jan Mönch

Im Detail nutzte zwar jede Fraktion die Sondersitzung, um einen anderen Schwerpunkt zu setzen. Im Großen und Ganzen entstand aber der Eindruck, dass CDU, FDP, Grüne, SPD, UWG und auch die Verwaltung dem Investor als Mannschaft begegnen und nicht als sechs widerstreitende Grüppchen. Das war so bis vor wenigen Wochen nicht abzusehen. Die CDU etwa machte sich noch Mitte Februar, als im selben Ausschuss über Singer gesprochen wurde, große Sorgen, dass der Investor abspringen könnte. Maßgeblich für das CDU-Votum scheint die Befürchtung aber nicht (mehr) zu sein. „Man hat das Gefühl, dass die Qualität der Quantität weicht“, sagte Sven Schmitz mit Blick auf die aktuelle Planung. Dass auch einige Bestandsgebäude an der Kaiserstraße abgerissen werden könnten, bereitet indes offenbar keiner Fraktion größere Kopfschmerzen.

Auf gutem Wege?

Dass der Investor sich verabschiedet, ist freilich eine Möglichkeit, die sich nie ganz ausschließen lässt. Das Szenario scheint aktuell aber eher unwahrscheinlich. Das Interesse an dem Investment ist jedenfalls ausgeprägt genug, damit die PME-Gruppe aus ’s-Hertogenbosch, das Architekturbüro Van Aken aus Eindhoven und der Projektentwickler Triple Living aus Antwerpen alle mit Vertretern aus der jeweiligen Geschäftsführung zur Sondersitzung anreisten. Wie groß ihre Begeisterung bei der Abreise war, wissen zur Stunde natürlich nur die Gäste selbst, die Politik wird es bei dem angekündigten Hintergrundgespräch erfahren, so es tatsächlich zustande kommt.

Aktuell wähnt man sich im Rathaus jedenfalls auf einem guten Wege. „Es wird kein Politikum geben“, kommentierte Stefan Mix (SPD) den weitgehenden Konsens der fünf Fraktionen. „Wir müssen alle Interessen übereinander bekommen und sind da, glaube ich, gar nicht so weit von entfernt.“

Mehr von Aachener Nachrichten