„Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein: Mal wieder angenehm überrascht

„Blind Date“ auf Burg Wilhelmstein : Mal wieder angenehm überrascht

Eine laue Sommernacht, an der nächsten Straßenecke steht ein Akkordeonspieler und spielt Liebeslieder. Da kommt das Date – und es ist viel besser als man es sich je erträumt hätte. Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Filme geschnitzt sind, und der – im übertragenen Sinne – auch jedes Jahr auf der Burg Wilhelmstein angesagt ist, wenn zum Auftakt der aktuellen Burg-Saison zum „Blind Date“ geladen wird.

Wie in den vergangenen Jahren auch war das Event am vergangenen Freitag ausverkauft. Mit 395 Kilometern hatte Jürgen aus Stuttgart die weiteste Anfahrt, das kitzelte Moderator Robert Esser aus dem Publikum heraus. Und das, obwohl ja im Vorfeld gar nicht bekannt ist, welche Musiker und Komiker auf der Bühne stehen werden. Doch jeder dieser fast 400 Kilometer gelohnt. Und für die gute Sache taten die Zuhörer gleich auch etwas, denn traditionsgemäß ist das „Blind-Date“ ein Benefizkonzert. Alle Künstler treten ohne Gage auf, die Einnahmen fließen an das Projekt „Menschen helfen Menschen“ des Zeitungsverlags Aachen.

Wer denkt, dass es ein undankbarer Job ist, an einem solchen Abend der erste auf der Bühne zu sein, der hat „Männersache“ noch nicht erlebt. Die A-Capella-Gruppe begeisterte vom ersten Moment an, es war kaum zu glauben, dass die jungen Männer wirklich alles, jeden Rhythmus, jede Melodie, nur mit ihren Stimmen erzeugen konnten. Bereits den ersten Song, „Kleiner dicker Junge“ feierte das Publikum mit frenetischem Applaus. Die Mitglieder der Band, Lucas, Roland, Nico und Severin haben sich beim Studium in Osnabrück kennengelernt.

Viel werden wohl der Aussage von „Zuhause auf Zeit“ zustimmen: Es ist „völlig egal, wo wir gerade sind“, denn „unser Zuhause auf Zeit können wir immer Heimat nennen.“ Eine andere Definition des Begriffs „Heimat.“ Dabei ist die Band keineswegs nur politisch-ernst, sondern vor allem richtig witzig. Mit ihrem Hip-Hop-Mix gab die Band dem Publikum richtig was auf die Ohren. Und vollends um ihren kleinen Finger wickelte die Band das Publikum zum Abschluss mit ihrem Nineties-Mix.

Jede Menge Komik

Zum zweiten Blind-Date lud ein echter „Öcher Jong“. Khalid Bounouar war – wie „Männersache“ auch – vielen im Publikum kein Begriff. Aber verliebt haben dürfte sich das Publikum dennoch in den sympathischen jungen Mann mit algerischen und marokkanischen Wurzeln. „Ich hasse mich quasi selbst“, meinte er in Anspielung auf die nicht immer guten Verhältnisse zwischen den Nationen.

Beim folgenden Parforceritt nahm der 29-Jährige sein Publikum mit durch eine Welt voller Missverständnis, Unverständnisse und jeder Menge Komik. Wer schon immer mal wissen wollte, warum „Ich bin dein Visum“ das bessere „Ich liebe dich“ ist, der wurde bei Khalid fündig. Ein „Ich liebe dich“ könnte schon wenige Tage später wieder verfolgen sein, „Ich bin dein Visum“ hingegen bedeute eine mindestens fünfjährige Beziehung.

„Huch, das kenne ich doch“, dürfte sicherlich einigen im Publikum durch den Kopf geschossen sein, als das letzte Blind-Date die Bühne eroberte. Die belgische Band „Shabby Chic‘s“ nimmt bekannte Titel aus der Pop- und Rockgeschichte und arrangiert sie im Stil der 20er bis 50er Jahre. Das lässt neue, interessante Höreindrücke entstehen. Dank der umfangreichen Instrumentierung geriet die Band nicht in die Falle, alles gleich klingen zu lassen. Saxophon, Violine, E-Piano, Kontrabass, Schlagzeug, Akkordeon, Triangel – was die siebenköpfige Band an Instrumenten dabei hatte, hätte einen ganzen Orchestergraben füllen können.

Mit Sängerin Kerstin Henz hat die Band zudem ein echtes Multitalent am Start. Bei Alice Mertons „No Roots“ griff sie gleich selbst zum Saxophon und spielte gemeinsam mit Luc Marley, der auch verantwortlich ist für viele der hervorragenden Arrangements, ein erstklassiges Saxophonduett. Kurz nach zehn verabschiedete sich die Gruppe vom begeisterten Publikum mit „Lucky“ von Daft Punk.

An diesem Abend dürfte jeder seinen eigenen Favoriten gefunden haben, sein eigenes, ganz persönliches Blind Date.

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