Würselen: nirgendwo so viele Fahrradunfälle wie auf der Kaiserstraße

Befürchtung bewahrheitet sich : Nirgendwo so viele Fahrradunfälle wie auf der Kaiserstraße

So gefährlich ist die Kaiserstraße in Würselen für Radfahrer

Zahlen der Polizei belegen: Nirgendwo im Nordkreis werden Fahrradfahrer so oft in Unfälle verwickelt wie auf der Kaiserstraße in Würselen. Eine Überraschung ist das nicht, denn die dortige Verkehrsführung war schon mehrfach Gegenstand breiter Diskussionen.

Als die Aachener Polizei vor etwas mehr als einem Monat ihre Unfallstatistik vorstellte, gab es wenig Erfreuliches zu vermelden. Die wichtigsten Kennzahlen, die der Toten und Verletzten im Straßenverkehr, waren 2018 gestiegen, das galt für den Nordkreis ebenso wie für die gesamte Städteregion. Aufmerken ließ außerdem die Zahl der Unfälle, an denen Fahrradfahrer beteiligt waren: Sie war in Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen im Durchschnitt um nahezu 30 Prozent gestiegen, von 87 auf 113. Grund genug für unsere Zeitung, bei der Polizei nachzufragen, wo die Fahrradunfälle im Einzelnen stattgefunden haben – nach einiger Bearbeitungszeit kam nun eine detaillierte Auflistung zurück, die die Unfälle nach Straßen aufschlüsselt.

Alles in allem ist die Verteilung der Fahrradunfälle über den Nordkreis auffallend unauffällig. Es gibt nur wenige Straßen, in denen es zu mehr als einem Unfall gekommen ist. Das spricht für die Ende Februar durch die Polizei aufgestellte These, dass die negative Entwicklung ganz allgemein insbesondere auf den langen, heißen Sommer zurückzuführen sein dürfte: Sind mehr Menschen auf dem Fahrrad unterwegs, ist es naheliegend, dass sie auch häufiger in Unfälle verwickelt werden. Eine Straße allerdings sticht deutlich aus der Aufstellung heraus: die Kaiserstraße in Würselen, wo es 2018 zu acht Unfällen mit Fahrradfahrern kam.

Der Kraftverkehr darf nur Richtung Parkhotel fahren, Fahrradfahrer hingegen auch in die Gegenrichtung. Foto: zva/Jan Mönch

Kaiserstraße? Fahrräder? War da nicht mal was?

Für Ortsunkundige: Die Kaiserstraße beginnt am Würselener Markt, verläuft am Rathaus vorbei und mündet im Bereich Parkhotel auf die B57. Ein Geschäft reiht sich an das nächste, der Einzelhandel funktioniert hier noch und freut sich über Laufkundschaft. Doch auch die Verkehrsführung ist etwas Besonderes: Autofahrer nämlich dürfen die Kaiserstraße nur in nördliche Richtung befahren, während auf der linken wie auf der rechten Seite Parkstreifen eingerichtet wurden. Auf der linken Seite gibt es aber auch noch einen Streifen für Fahrradfahrer – und der ist ausdrücklich fürs Befahren in südlicher Richtung vorgesehen, also bergab dem Kraftverkehr entgegen.

Und dies ist die Perspektive eines Autofahrers, der vom linken Parkstreifen her ausparken will. Entgegenkommende Radfahrer sind beim besten Willen nicht zu sehen, Rücksichtnahme hin oder her. Foto: zva/Jan Mönch

Das führt dazu, dass Autofahrer, die aus dem linken Parksteifen ausscheren wollen, oft schlicht nicht sehen können, ob ihnen ein Fahrradfahrer entgegenkommt. Und problematisch ist die Situation auch an den Einmündungen aus westlicher Richtung. Autofahrer konzentrieren sich beim Einfahren auf den von Rechts kommenden Autoverkehr sowie den Gegenverkehr aus der gegenüberliegenden Einmündung. Daran, dass von links heransausende Fahrradfahrer leicht übersehen werden, ändert auch die entsprechende Beschilderung nichts. Von den besagten acht Fahrradunfällen 2018 haben sich sieben an Einmündungen abgespielt: drei an der Klosterstraße, zwei an der Bahnhofstraße und je einer an Grevenberger und Neuhauser Straße.

Es ist nicht so, dass diese möglichen Gefahren bislang niemand erkannt hat. Zuletzt wurde der Radfahrstreifen auf der Kaiserstraße 2014 Gegenstand breiterer politischer Diskussionen. Damals wurde er durch die UWG-Fraktion in Frage gestellt, auch Bürgermeister Arno Nelles (SPD) und die Polizei gaben sich als Kritiker zu erkennen. Zwar wurden immer wieder kleinere Maßnahmen getroffen, um die Situation zu entschärfen, beispielsweise frische Piktogramme auf die Straße aufgetragen und zusätzliche Schilder angebracht. Im Grundsatz blieb aber alles beim Alten.

Schwierig wird es, wenn Lieferdienste den Fahrradstreifen zustellen. Einen freien Parkplatz zu nutzen, war dem Fahrer offenbar zu aufwendig. Foto: zva/Jan Mönch

Die Unfallzahlen von 2018 scheinen nun das zu unterstreichen, was die Kritiker schon immer geahnt haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Polizei bei keinem der acht Unfällen auf der Kaiserstraße den Fahrradfahrer als Schuldigen ausgemacht hat. Es handelt sich dabei zwar lediglich um eine vorläufige Einschätzung der Beamten bei der Unfallaufnahme, die nicht zwangsläufig einem möglichen späteren Gerichtsurteil entsprechen muss. Dennoch spricht dieser Aspekt dafür, dass die Radfahrer sich an die geltenden Verkehrsregeln gehalten haben. Bei insgesamt 18 Fahrradunfällen, zu denen es von 2014 bis 2018 auf der Kaiserstraße kam, war nur in einem Falle der Radfahrer der Verursacher.

Dass sich anno 2014 trotz hitziger Debatte nichts Entscheidendes getan hat, dürfte vor allen Dingen zweierlei Gründe haben. Erstens gab die Polizei sich zwar damals schon als unzufrieden mit der Situation zu erkennen, konnte dies aber noch nicht mit entsprechenden Unfallzahlen untermauern. Und zweitens scheint Ideologie im Rahmen der Debatte ein mindestens ebenso wichtiger Ratgeber gewesen zu sein wie die Vernunft. Die Grünen, glühende Befürworter des Streifens, schimpften damals darüber, dass „einige notorische Autofahrer“ nicht verstanden hätten, dass eine „Verkehrswende zu Gunsten des nicht motorisierten Verkehrs“ bevorstünde.

Links ein Radfahrer, rechts ein Radfahrer, dazwischen die Autos – so lange es geradeaus geht, ist das kein Problem, wenn alle Beteiligten ein bisschen aufpassen. Problematisch sind aber die Einmündungen. Foto: zva/Jan Mönch

Ein Leserbriefschreiber quittierte das seinerzeit mit galligen Worten. „Dem Radfahrer, der mit blutigem Gesicht und Knochenbrüchen auf der Kaiserstraße liegt, nutzt die Gewissheit, im Recht zu sein, erst mal gar nichts. (...) Leider werden wir den ersten Todesfall abwarten müssen, bis etwas geschieht.“

Vielleicht reichen ja auch die acht Warnschüsse von 2018.

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