Würselen: Leben und wachsen im Aachener Speckgürtel

Stadtentwicklung in Würselen : Leben und Wachsen im Aachener Speckgürtel

Die Verwaltung will die Bautätigkeit verdreifachen, um Würselen als Wohnstandort zu etablieren. Dem Ansinnen liegt eine umfangreiche externe Expertise zugrunde. Der Kommunalpolitik ist allerdings noch mulmig zumute.

Die Beschlussvorschläge, die die Verwaltung der Politik unterbreitete, klangen durchaus nach dem großen Wurf. Die Wohnungsbautätigkeit in Würselen solle durch eine „Mobilisierung aller Flächenpotenziele“ verdreifacht werden. Es sollten Strategien zur Umnutzung von Ladenlokalen und Einfamilienhäusern aufgestellt werden. Das Mehrgenerationenwohnen solle gefördert werden.

All das und mehr hätte unter der großen Zielsetzung gestanden, Würselen als „attraktiven und bezahlbaren Wohnstandort“ zu etablieren. Die Politik bremste die Verwaltung in ihrem Elan in der Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Stadtentwicklung am Dienstagabend allerdings erst einmal kräftig aus. Einen Beschluss gab es nicht. Stattdessen wollen die Fraktionen erst nochmal in Ruhe über alles sprechen. Ob der große Wurf dennoch kommt, wird man Anfang des Sommers wissen – frühestens.

Trends sind längst im Gange

Im Kern ging es um ein Thema, das Politiker bundesweit und auf allen Ebenen schon seit Jahren beschäftigt und das aktuell wieder für besonders viel Gesprächsstoff sorgt: die Wohnungsnot und die steigenden Mietpreise in den Ballungsräumen. Ein solcher Ballungsraum liegt mit der Hochschulstadt Aachen direkt vor der Würselener Haustür. Würselens Lage im Speckgürtel bringt vor allen Dingen eine Chance mit sich, und zwar die, selbst weiter zu wachsen.

Die Kehrseite indes sieht so aus, dass auch in Würselen die Mietpreise kräftig steigen werden, was dann geschieht, wenn kein oder nicht genügend neuer Wohnraum geschaffen wird. Zukunftsmusik ist das nicht, vielmehr sind beide Trends schon längst in vollem Gange. Die Frage ist, wie weit sie gehen und inwieweit die Kommune sie gestaltet anstatt sie nur über sich ergehen zu lassen. Es besteht Handlungsbedarf.

Um diesen genauer zu definieren, hatte die Verwaltung das Forschungs- und Beratungsbüro Empirica beauftragt, das Niederlassungen in Bonn, Berlin und Leipzig betreibt. Dessen Expertise liegt nun in Form einer rund 80-seitigen Studie vor. Demnach pendelten 2017 jeweils rund 11.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach Würselen ein und aus Würselen aus, wobei der Saldo leicht negativ ist und die mit Abstand engsten Verflechtungen mit Aachen bestehen.

Genau daher stammen auch die allermeisten deutschen Einwohner, die Würselen in den vergangenen Jahren hinzugewinnen konnte. „Würselen hat als Wohnstandort zum Beispiel den Vorteil, dass das Zentrum von Aachen näher an Würselen liegt als an vielen Stadtteilen von Aachen“, steht in der Studie. Das Fazit: „Würselen hat die Chance, sich als zukunftsfähiger Wohnstandort in der Region (weiter) zu qualifizieren.“

Durchwachsene Reaktionen

Die ersten öffentlichen Reaktionen der Politik fallen bislang durchwachsen aus. Gar nicht zu machen wären die angedachten Schritte in der vorliegenden Form wohl mit den Grünen. Dr. Renate Knauf interpretierte die in den Raum gestellte „Verdreifachung der Bautätigkeit“ als einen „Freibrief für die Versiegelung weiterer Flächen“. Und auch bei der UWG scheint das Konzept durchzufallen. Fraktionsvorsitzender Theo Scherberich umriss den Standpunkt der UWG so, dass man eher „verhalten“ mit dem möglichen Bevölkerungswachstum umgehen sollte. „Wir haben zurzeit schon jede Menge Baustellen. Wir sollten erstmal zu Ende führen, was wir angefangen haben.“ Sven Schmitz indes machte für die CDU deutlich, dass die Studie zu pauschal mit Würselen-Mitte und den Außenbereichen umgehe.

Eher positiv klangen hingegen die Einlassungen von SPD und FDP. Doch auch den beiden Kooperationspartnern war das Thema zu wichtig und zu umfangreich für einen Schuss aus der Hüfte. FDP-Fraktionsvorsitzender Hans Carduck erinnerte daran, dass eine derartige Steigerung der Bautätigkeit nur sinnvoll sein könne, wenn auch die Infrastruktur entsprechend angepasst werde. Derweil machte Stefan Mix von der SPD deutlich, dass die Zielsetzung, „sämtliche“ Flächenpotenziale zu mobilisieren, doch sehr weit gehe, denn es seien wohl kaum „sämtliche“ Flächen für Wohnbau geeignet. Der Vorsitzende des Ausschusses, Karl-Jürgen Schmitz (CDU), fasste die Stimmungslage schließlich so zusammen: „Es gibt noch einen intensiven Diskussionsbedarf.“

„Sehr, sehr interessant“

Ganz unabhängig von den verschiedenen geäußerten Meinungen richtete sich Manfred Schmitz-Gehrmann, der als scheidender Fachdienstleiter Stadtentwicklung seine letzte Ausschusssitzung erlebte und mit vielen guten Wünschen aus demselben verabschiedet wurde, mit einer Empfehlung an die Öffentlichkeit. Die lautete, sich die Studie einmal selbst zu Gemüte zu führen, es handele sich nämlich um „sehr, sehr interessante Unterlagen“.

Zu finden sind sie online und in vier Teile zerschnippelt auf: https://bit.ly/2G6YAin

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