Würselen: Interview mit dem ehemaligen Stadtdirektor Albert Cramer

Ehemaliger Würselener Stadtdirektor Albert Cramer wird 90: „Wir brauchen keine Besserwisser“

Albert Cramer hat in seiner aktiven Zeit als Stadtdirektor von 1969 bis 1989 nicht nur das Stadtbild geprägt, sondern auch im kulturellen Leben Würselens sichtbare Spuren hinterlassen. Der Name „Stadt der Jungenspiele“ ist untrennbar mit Albert Cramer verbunden, was ihn mit gewissem Stolz erfüllt. Den heute politisch Handelnden möchte er nicht reinreden, solange er die „Aktenlage“ nicht kennt.

Herr Cramer, wie geht es Ihnen heute?

Albert Cramer: Ohne Einschränkungen ist nichts machbar, die körperlichen Zustände sind schon etwas gestutzt, das kann man nicht bestreiten, aber sonst vom Gefühl her und vom Denkwesen geht’s mir gut. Die Kinder und fünf Enkel beziehungsweise Urenkel, die leider alle weit weg im Raum München wohnen, halten mich und meine Frau Marianne fit.

Sie und Ihre Frau leben mitten in Würselen – direkt gegenüber der Pfarrkirche St. Sebastian – und nehmen aktiv mit großem Interesse am Geschehen in Würselen teil.

Albert Cramer: Auf jeden Fall. Ich habe noch mit vielen Menschen und Vereinen Kontakt in Würselen, natürlich auch zu den heute politisch Handelnden. Würselen hat sich positiv entwickelt, ich halte mich aber zurück mit Bewertungen. Ich bin gewohnt, erst etwas zu sagen, sobald ich die Aktenlage kenne. Die Umgestaltung der Innenstadt finde ich gut. Dass hier mutige und fleißige Kaufleute rangegangen sind um diesen Teil der Stadt lebendig zu gestalten, das freut mich schon. Nicht gut finde ich aber die Ideen, hier vor der Kirche einen kleineren Park anzulegen. Die Parkplatznot ist schon jetzt z.B. bei Hochzeiten und Beerdigungen enorm. Aus der Brachfläche sollte etwas Vernünftiges gemacht werden. Ein Dorn im Auge ist mir der Motorradlärm in der Stadtmitte, zumal darunter viele Bewohner leiden müssen.

Was möchten Sie den Menschen in Rat und Verwaltung, die jetzt Verantwortung tragen, mit auf den Weg geben?

Albert Cramer: Tut eure Pflicht, miteinander für andere! Wir brauchen keine Besserwisser, wir brauchen Leute, die sich für die Entwicklung und den Erhalt unserer gemeinsamen Stadt im Sinne der Bürger gut einsetzen! In diesem Zusammenhang fällt mir auch das Leitwort des Lions-Clubs Würselen ein, dem ich seit vielen Jahren angehöre: „We serve“ – der Allgemeinheit zu dienen. Dieses Motto sollte man ehrlich umsetzen.

Wie sehen Sie, 29 Jahre nach dem Fall der Mauer, die Deutsche Einheit heute?

Albert Cramer: Die Deutsche Einheit ist für mich unverändert eine große Herzensangelegenheit. Ich erinnere mich noch genau an meinen Geburtstag am 9. November 1989, an dem die Mauer fiel. An diesem Tag war ich mit meiner Frau zum Essen im Restaurant Kank – wie das Schicksal es will, an der Stelle wo wir jetzt wohnen. Seit April 1989 war ich im Ruhestand. Deshalb sagte ich sofort zu, als ich im Jahr 1990 gefragt wurde, ob ich beim Aufbau der Verwaltung in Hildburghausen mithelfen könnte. Die Stimmung der Menschen in der DDR war geprägt von Euphorie, Freude, aber auch Gutgläubigkeit. Auch danach blieb ich dieser schönen Stadt an der Werra weiter verbunden. Gemeinsam mit einigen Weggefährten, unter anderem dem damaligen CDU-Stadtverordneten Edmund Roß, mit Willi Grotenrath und Günter Kuckelkorn rief ich die Freundschaftsgesellschaft Würselen-Hildburghausen ins Leben. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, der Einsatz und die Mühen haben sich gelohnt. Wir sollten stolz darauf sein und nicht alles schlecht reden.

Liegt Ihnen der Verkehrslandeplatz immer noch am Herzen?

Albert Cramer: So ist es, vor allem der Sportflug- und Segelflugbetrieb. Schon zu meiner Zeit in Düren war ich hiervon begeistert. Ich hoffe, dass es mit Merzbrück weiter vorangeht.

Als Sie in den Ruhestand traten, war Martin Schulz Bürgermeister in Würselen.

Albert Cramer: Ja genau, und trotz aller Unterschiede – Martin Schulz stand als jüngster Bürgermeister in NRW am Beginn seiner politischen Laufbahn – habe ich in den letzten Dienstjahren sehr gut und vertrauensvoll mit ihm zusammengearbeitet. Auch später sind wir viele Wege gemeinsam gegangen und für Würselen tätig gewesen. Seinen weiteren Lebensweg in der Bundes- und Europapolitik habe ich mit großem Interesse verfolgt. Ich freue mich, dass ein ehemaliger Würselener Bürgermeister solche Ämter ausgefüllt und so viel geleistet hat!

Frage zum Schluss: Wie gelangten Sie eigentlich zum Titel „Vater der Jungenspiele“?

Albert Cramer: Im Jahr 1969, als ich meinen Dienst im Rathaus antrat, wusste ich mit dem Brauchtum Jungenspiele nichts anzufangen. Die erste Einladung kam vom Morsbacher Königsspiel – seitdem lässt mich dieses schöne Brauchtum nicht mehr los. Heute freue ich mich mit meiner Frau jedes Jahr ganz besonders auf den Kirmessonntag, wo wir vom Balkon aus das lebendige Treiben vor der Kirche live erleben können. Prägend waren damals die Erlebnisse anlässlich der 1100-Jahr-Feier Würselens und die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Würselener Jungenspiele. Damals hatte ich spontan die Idee, den Poststempel mit dem Namen „Würselen – Stadt der Jungenspiele“ zu versehen. Dass ich den inoffiziellen Titel „Vater der städtischen Jungenspiele“ habe, das ehrt mich, das finde ich toll. Zum Brauchtum Jungenspiele und zur Stadt Würselen gehört auch das Bundestambourkorps „Alte Kameraden“, dessen begeisterter Zuhörer ich bin. Dieses Korps bringt Leben in die Stadt!

(ro)
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