Würselen: Grüne wollen Pappeln für Vögel erhalten

Kapellenfeldchen : Dringlichkeitsantrag für die Saatkrähen

Erster Akt, zweite Szene im Drama um Wohl und Wehe der letzten großen Saatkrähenkolonie in der Städteregion. Die Frage lautet nun: Handelt es sich bereits um den finalen Akt? Die Grünen fordern, die Pappeln am Kapellenfeldchen untersuchen zu lassen und im Falle einer Rodung für Ausgleich zu sorgen.

Die geschützten Vögel könnten, weil die von ihnen bewohnten Pappeln am Kapellenfeldchen gefällt werden sollen, bald ihren Platz in Würselen verlieren. Das geht Dr. Renate Knauf und Werner Schneider allerdings ein bisschen zu schnell und geräuschlos über die Bühne.

Nach Ansicht der Grünenpolitiker und des sachkundigen Bürgers und Sprechers der Naturschutzverbände im Ausschuss für Umwelt und Stadtentwicklung fehlen Antworten auf wichtige Fragen, die vor einer Rodung zwingend geklärt sein müssen. Damit nicht vorher schon vollendete Tatsachen geschaffen werden, haben die Grünen einen Dringlichkeitsantrag gestellt. Titel: „Unverzüglicher Stopp der angekündigten Rodungsmaßnahmen am Kapellenfeldchen.“

Vorhersehbar

Nun haben besagte Maßnahmen noch gar nicht begonnen. Eine Ausnahmegenehmigung zur Fällung liegt nach Auskunft von Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion Aachen,  jedoch vor, und die Sägen könnten jederzeit angeworfen werden. Gefällt werden darf nur außerhalb der Saatkrähen-Brutsaison im Herbst und Winter, einer Zeit im Jahr, die bekanntermaßen gerade begonnen hat. Die Pappeln sollen weichen, weil sie nach Auffassung der Würselener Stadtverwaltung ein Sicherheitsrisiko darstellen. Nicht zu übersehende Hinweise dafür gibt es. Nachdem Sturmtief Friederike im Frühjahr über die Region hinweggezogen war, kam es auf dem Grundstück zu Ab- und Umbrüchen, Teile eines Baumes beschädigten sogar nahe Gebäude. Damals wurde eine erste Reihe Pappeln, die der Wohnbebauung am nächsten standen, gefällt.

Das sei absolut vorhersehbar gewesen, sagt Schneider. „Entgegen fachlicher Hinweise von mehreren Seiten hat die Verwaltung damals einen Bebauungsplan vorgelegt, der für alle Betroffenen nachteilig war.“ Dreh- und Angelpunkt der Kritik ist der Abstand zwischen Pappeln und Häusern, die dort errichtet wurden. „Viel zu nah“, lautete damals wie heute der Vorwurf.

Unter anderem das Umweltamt der Städteregion hatte einen Abstand von 30 Metern empfohlen. Mit einem zweistelligen Meterabstand gestartet schmolz die Distanz über mehrere Änderungen des Bebauungsplans jedoch immer weiter auf zuletzt gerade noch sechs Meter. Leider sei die Mehrheit der Politiker im Ausschuss dieser Planung gefolgt und andere mussten und müssen die negativen Konsquenzen tragen. Anwohner, die Lärm und Kot abbekommen, und vor allem die Saatkrähen, die nach aktuellem Stand in naher Zukunft ihren Lebensraum verlieren.

Risikobäume müssen weg

Sind die Pappeln morsch und stellen somit ein Sicherheitsrisiko dar, müssen sie weg. Das wissen und wollen auch Knauf und Schneider. Die Frage, die sie sich stellen, lautet aber: Sind überhaupt alle Pappeln morsch und stellen ein Sicherheitsrisiko dar? Oder reicht es aus, die faulen Äpfel auszusortieren und der Saatkrähenkolonie mit dem erhaltbaren Restbestand eine Chance zu lassen? Wer die Bäume überprüft hat, welche Eignung, welche Fachkompetenz dieser Jemand mitbrachte – all das sei in der Diskussion bisher nicht zu ihnen durchgedrungen, bemerken die beiden. Knauf: „Es wird vonseiten einiger Politiker seit einigen Jahren versucht, jede Grünfläche zu vergolden. Es wird versucht, jeden Quadratzentimeter zu versiegeln, um möglichst viel Geld aus den Flächen zu erwirtschaften.“ Das dürfe hier aber nicht die treibende Kraft hinter den Maßnahmen sein.

Die Grünen schreiben, die Stadt habe durch „die massive Bebauung und das unverhältnismäßige heranrücken an die Pappeln große finanzielle Gewinne erwirtschaften können“. Das alles sei auf Kosten der Krähenkolonie geschehen. Der Dringlichkeitsantrag endet mit dem Satz: „Die Erbringung eines ökologischen Ausgleichs soll die damalige Fehlentscheidung, zumindest zu einem kleinen Teil, kompensieren.“

Forderung: Ausgleich schaffen

So lautet die Forderung, die Knauf und Schneider an die Verwaltung stellen: Sollten alle oder so viele Bäume gefällt werden müssen, dass die Saatkrähenkolonie an dieser Stelle nicht bleiben kann, muss ortsnah eine Ausgleichsfläche geschaffen werden. Funken hatte erklärt, man hoffe, dass weitere Paare sich in den Straßenbäumen der Nachbarschaft ein neues Zuhause suchen, wenn die Pappeln weg sind.

Das aber genügt weder Knauf noch Schneider, der sagt: „Die Verwaltung hat nach einem Kahlschlag die gesetzliche Verpflichtung, ganz konkrete Maßnahmen zum Schutz dieser letzten großen Saatkrähenkolonie im Nordkreis durchzuführen: das Prinzip Hoffnung reicht da nicht aus.“

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