Würselen: Wende war auch ein Grund für Ängste

Würselen: Wende war auch ein Grund für Ängste

An die Zeit vor der Wende kann sich die gebürtige Leipzigerin Monika Gehrt noch gut erinnern. Heute - 25 Jahre später — engagiert sie sich sehr im Frauenplenum der Stadt Würselen, in der sie viele Freunde gefunden hat.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wir stellen Frauen aus Würselen vor“ erzählte Gehrt von ihrer Kindheit, ihren Sorgen als Ehefrau und Mutter und schließlich von dem Umzug in den Westen.

Sie besuchte bis zur zehnten Klasse die polytechnische Oberschule in Engelsdorf bei Leipzig, wo einmal wöchentlich an einer Firma der Industrie Unterricht stattfand. Schließlich beschloss sie, eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin (MTA) zu absolvieren, was sie auf ein Internat nach Weimar zog.

In ihren Ausführungen berichtete sie von ihrem geringen Lehrgehalt und dem gravierenden Wohnungsproblem der DDR. In Ostdeutschland wurden junge Eltern wenig gefördert, zwar standen Krippenplätze zur Verfügung, aber Anspruch auf Mutterschaftsgeld bestand nur bis acht Wochen nach der Geburt. Dies erfuhr auch Gehrt mit ihrer Tochter Marlene.

Glücklicherweise unterstützten die Schwiegereltern Monika Gehrt und ihre Familie. Doch ihre erste Ehe währte nicht lange. „Mein damaliger Mann, der zu dieser Zeit noch studierte, arbeitete nebenbei in einer Diskothek. Irgendwann fand ich heraus, dass er dort für die Stasi arbeitete. Er sollte mitteilen, wie oft Ost- und Westmusik gespielt wurde. Auf diese Weise verriet er die anderen in der Disco. Das war ein Trennungsgrund für mich“, sagte Gehrt.

Nach der Trennung lebte sie mit ihrer kleinen Tochter auf einem Dachboden ohne Bad, auf dem Flur befanden sich die Toilette und nur ein Waschbecken. 1985 heiratete Gehrt einen Maschinenschlosser, der viel auf See fuhr. Hier konnte sie einige Privilegien genießen und alle zwei Jahre mit ihrem Ehemann (allerdings ohne Kind) für acht bis zehn Wochen in ferne Länder wie Ägypten, Äthiopien, Sudan und Libyen reisen.

„Die Reisen zeigten mir, dass es noch viele Menschen gibt, denen es wesentlich schlechter geht als uns. Und so freute ich mich immer wieder auf Zuhause, vor allem aber auf meine Familie“, berichtete Gehrt.

Einige Jahre später erfuhr sie, dass sie diese Privilegien nur genießen durfte, weil ihr damaliger Chef für sie gebürgt hatte. Außerdem ließ sie ihr Kind als „Pfand“ zurück. Ihre Mitbringsel der Reisen konnte sie in der DDR tauschen.

Schließlich kam die Wende. Damals konnte sie es kaum glauben. Ihr Mann befand sich auf See und sie verfolgte alles gespannt vor dem Fernseher. „Ich sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen, denn im Westen gab es ja die Arbeitslosigkeit — somit befürchtete ich das Ende der Sicherheit und Ordnung des Ostens.“ Im Westen gab es alles, was man sich denken kann.

„Das war ich überhaupt nicht gewohnt und so fühle ich mich bis heute von den riesigen Angeboten der Kaufhäuser erschlagen.“ Mit der Wende kamen auch veränderte Berufsbilder und die Schiffe der Reederei, in der ihr Mann arbeitete, wurden verkauft.

So zog es die Monika Gehrt mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Herzogenrath, wo ihr Mann eine Stelle bei Saint-Gobain annahm, während sie im Knappschaftskrankenhaus in Bardenberg eine Stelle antrat. „Mir sind hier einige Vorurteile begegnet.“ Zum Beispiel, dass Ossis zu faul zum Arbeiten seien. „Aber ich denke, dass ich mit meinem Fleiß schon das Gegenteil beweisen konnte“, sagte Gehrt.

Sie wünschte sich von Herzen, dass die Vorurteile gegenüber Ostdeutschen endlich aufhören und man sich die Mühe macht, die Menschen erst einmal kennenzulernen.

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