Nordkreis: Was uns die Tempelaustreibung heute sagt: Denkansätze aus dem Nordkreis

Nordkreis : Was uns die Tempelaustreibung heute sagt: Denkansätze aus dem Nordkreis

Tische hat er umgeworfen, Händler und Geldwechsler lautstark aus dem Tempel getrieben. Jesus machte seinem Zorn über Ungerechtigkeit und maßlose Arroganz Luft. Welche Tische müssten heute gerückt, was gründlich umgekrempelt werden? Denkansätze liefern vier Menschen aus dem Nordkreis, die täglich mit sozialer Ungerechtigkeit und menschlichen Unzulänglichkeiten zu tun haben.

Sie bringen ihr Unwohlsein zur Sprache. Ein Protest, der auf leisen Sohlen daher kommt und zum Nachdenken anregt.

Diakon Achim Stümpel setzt auf Kommunikation. Mit viel Fingerspitzengefühl sorgt er für ein gutes soziales Miteinander beim „Alsdorfer Tisch“. Pfarrer Jochen Gürtler aus Baesweiler widmet sich in seinen Predigten auch sozialen Problemen. Foto: Marget Nußbaum

Achim Stümpel, 62, ist Diakon in der GdG St. Castor Alsdorf und Teamleiter des „Alsdorfer Tisches“, einem Angebot der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden Alsdorfs. „Jeder Mensch ist es wert, dass man sich mit ihm beschäftigt. Denn diese Vielfalt an Begegnungen und Erfahrungen macht Kirche spannend“, sagt er. Natürlich gingen ihm und seinem Team vom Alsdorfer Tisch die Berichte über die Essener Tafel nicht aus dem Kopf.

„Man braucht viel Fingerspitzengefühl. In den Ländern, aus denen unsere Kunden stammen, gibt es eine andere Kultur des Miteinander-Redens. Viele treten forscher auf. Das wird dann oft falsch interpretiert“, weiß Stümpel.

Er selbst hat durch Gespräche mit Flüchtlingen erfahren, wie oft sie für ein Stück Brot kämpfen mussten. Das prägt. Dann kann es auch mal etwas lautstarker werden. Der Diakon und sein Team setzen auf Kommunikation. Damit diese noch besser klappt, hat Stümpel Landsleute der Flüchtlinge um Unterstützung und Übersetzungshilfe gebeten. Natürlich gebe es auch Vorurteile Deutscher gegenüber Asylbewerbern. „Die nehmen wir ernst und reden mit den Menschen“, sagt der Diakon.

Immer wieder stelle er dann fest: Vorurteile entstehen immer durch Fehlinformation. Und die wenigsten wissen über die Situation der Menschen Bescheid, die ihnen ein Dorn im Auge sind. Die Aussage „Ich habe gehört...“ akzeptiere er nicht. Jede und jeder müsse sich ein eigenes Bild machen. „Dabei leisten wir Unterstützungsarbeit — durch Aufklärung und Miteinander-Reden“, erklärt Stümpel. Das Klima beim Alsdorfer Tisch sei deshalb mittlerweile ein würdiges, freundschaftliches. Eine Aufgabe, der sich in der heutigen Zeit nicht nur Kirchen und ihre Institutionen stellen sollten, findet der engagierte Diakon.

Jochen Gürtler, 47, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Baesweiler, ärgern die verkaufsoffenen Sonntage, deren Zahl in NRW durch Mehrheitsbeschluss im Landtag kürzlich von vier auf acht jährlich gestiegen ist. „Hier wird das Recht von Arbeitnehmern mit Füßen getreten und der Kampf von Institutionen, etwa der christlichen Kirchen, um den Erhalt des Sonntags in seiner ursprünglichen Form als Ruhetag untergraben“, sagt er.

Der Sonntag biete Familien die Chance, aufzutanken und etwas gemeinsam zu unternehmen — außerhalb von Events und Shopping. Dies sei vor allem für Eltern und Kinder enorm wichtig“, sagt der vierfache Vater. Er sieht im Beschluss der schwarz-gelben Landesregierung eine Verdrängung und Verleugnung des dritten Gebots.

„Die kollektive Ruhe an einem Tag in der Woche, wie sie von Gott für uns Menschen vorgesehen war, passt nicht in die Konzepte der Wirtschaft“, sagt Jochen Gürtler. „Doch die biblische Geschichte zeigt: Die Folgen sind oft fatal, wenn der Mensch Gottes Gebote nicht ernst nimmt. Denken wir nur an Sodom und Gomorra.“

Auf den ersten Blick mögen die verkaufsoffenen Sonntage vorteilhaft sein. Da hätten Familien endlich mal Zeit, gemeinsam einzukaufen, wird argumentiert. Aber Gott habe sich mit seinem dritten Gebot gegen die totale Ökonomisierung des Lebens gestellt. „Er bewegt uns, das Verhältnis zur Arbeit zu überdenken“, erklärt Jochen Gürtler. „Das dritte Gebot verhilft zur Balance zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Aktenbergen und Wanderweg, zwischen anstrengenden Konferenzen und dem entspannenden Sonntagsgottesdienst. Ich würde mir wünschen, dass immer mehr Menschen umdenken und ihr Verhältnis zum Sonntag kritisch hinterfragen. Dies gilt vor allem auch für die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik.“

Wilfried Hammers, 63, Gemeindereferent in St. Josef, Herzogenrath-Straß, denkt bei der Geschichte der Tempelaustreibung daran, dass Jesus nicht nur gegen die Geldwechsler vorgegangen ist, sondern auch gegen die Tempelaristokratie.

„Diese hat mit an den üblen Geschäften der Geldwechsler profitiert“, sagt er. „Ein Abbild des heutigen Systems. Die, die unserem Land durch Steuerhinterziehungen Milliarden entziehen, sind die Ursache dafür, dass unserem System der Sprit entzogen wird — Kraftstoff, mit dem unser Wohlfahrtsstaat am Leben erhalten werden muss, damit die Ärmsten überleben können.“

In unserem Land würden Arme bekämpft, jedoch nicht die Armut als solche. „Wir, die Bürger dieses Landes, haben uns zu sehr dem Mainstream angeglichen“, meint Wilfried Hammers. Dabei sei es längst überfällig, laut die Stimme zu erheben.

„Der internationale Raubtierkapitalismus treibt Millionen von Menschen in die Armut. Und wenn sie dann als geflüchtete Opfer dieser globalen Unmenschlichkeit bei uns in Europa landen, werden sie zum zweiten Mal zum Opfer, weil sie ungerechtfertigt von den Populisten zu Sündenböcken gestempelt werden, um deren dumpfe Ideologie vorantreiben zu können“, macht er seinem Unmut Luft. „Die kleinen Leute in unserem Land, die auf Grund ihrer eigenen Situation im Grunde solidarisch sein müssten, durchblicken nicht, dass sie im weltweiten Spaltungszirkus gegen die missbraucht und funktionalisiert werden, deren strukturelle Leidensgenossen sie in Wirklichkeit sind.“

Sich selbst und allen anderen wünsche er noch mehr Mut, aber auch Wut, um Zeichen zu setzen und sich gegen das längst Verfaulte spür- und sichtbar aufzulehnen.

Mündige Bürger

Jürgen Hohlfeld, 76, aus Würselen, hat viele Jahre lang als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte gearbeitet. Er weiß deshalb, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche zu mündigen, verantwortungsbewussten Bürgern zu erziehen. Dies sei immer noch sein Anliegen, sagt er. Und so hilft Jürgen Hohlfeld, wo es am nötigsten erscheint: an der Basis. Seit drei Jahren ist er Vorsitzender des Förderkreises Asyl Würselen e.V., setzt sich für Flüchtlinge und Asylbewerber ein, kämpft gegen Vorurteile, die sich leider in der letzten Zeit immer mehr verdichten.

„Die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, sind oft schwer traumatisiert“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Ein 24-Jähriger, dessen Familie in der Umgebung von Afrin in Syrien lebt, kommt fast um vor Sorgen. Zu seiner Familie versucht er verzweifelt Kontakt aufzunehmen. Vergeblich. Da er in Afrin in der Landwirtschaft arbeitete, habe ich ihm einen Minijob auf einem Pferdehof besorgt. Darin geht er auf. Denn er hat nun eine Aufgabe, die ihn erfüllt.“

Eine Frage der Anerkennung

Politik und Verwaltung beschränkten sich, so Jürgen Hohlfeld, nur auf die materielle Unterstützung von Flüchtlingen. „Die so sehr Traumatisierten brauchen aber viel mehr, nämlich Anerkennung, einen Job, Menschen, die sie willkommen heißen, die ihnen zuhören, wenn sie von ihren schlimmen Erlebnissen erzählen“, sagt er. „Aber die Realität ist eine ganz andere. Dabei steht sogar im Grundgesetz, das wir Heimatlosen ein Zuhause geben müssen. Es wäre gut, ihnen wenigstens ihre Menschenwürde zurückzugeben und sich mit ihnen solidarisch zu erklären.“

Der neue Heimatminister? Jürgen Hohlfeld macht seinem Unmut deutlich Luft: „Wenn ich daran denke, kommt mir das Grausen. Wir blamieren uns mit diesem neuen Amt bis auf die Knochen.“ Dies zeige wieder einmal, wie wenig Politik mit Menschen zu tun habe.